Süddeutsche Zeitung

Alexander Zverev:Vorerst wieder im Kämmerchen

  • Die Erwartungen an Tennisprofi Alexander Zverev sind vor dem Start der Australian Open merklich geschrumpft.
  • Das ist nicht zwangsläufig etwas Schlechtes: 2019 spielte Zverev immer dann am Besten, wenn niemand damit rechnete.

Gebucht war diesmal Interviewraum Nummer drei. Den Flur entlang, einmal um die Ecke, letzte Tür: Fünf enge Stuhlreihen und ein schmales Podium, auf dem tatsächlich nur ein 1,98 Meter großer Tennisprofi Platz fand, der seine langen Beine unter den Sitz faltete. Kein Tisch, kein Stenograf, kaum internationales Interesse. Noch im Vorjahr hatten die Organisatoren der Australian Open für Alexander Zverev selbstverständlich das größte Auditorium der Anlage am Yarra River reserviert, den Saal, in dem auch an diesem Wochenende wieder die alten Tennisheroen und neuen Szenelieblinge zur Weltpresse über ihre Titelträume sprachen: Novak Djokovic, Roger Federer sowie Rafael Nadal zum Beispiel, aber auch der 23-jährige Daniil Medwedew, der als einer der jungen Favoriten gilt. Für Zverev, 22, blieb vorerst nur das Kämmerchen, verbunden mit der Erkenntnis, dass die geschrumpfte Quadratmeterzahl wohl den geschrumpften Ansprüchen an ihn entspricht.

Es hat tatsächlich den Anschein, als sei alles eine Nummer kleiner für Zverev zu Beginn der neuen Tennissaison. Dass das auch seine eigenen Erwartungen an das Prestigeturnier in Australien betrifft, wollte er gar nicht leugnen: "Ich bin wahrscheinlich nicht der Titelfavorit hier", erklärte er mit entwaffnender Offenheit vor seinem Erstrundenduell am Dienstag mit Marco Cecchinato aus Palermo. Noch immer wird Zverev auf Position sieben der Weltrangliste geführt. Aber die letzten Vorstellungen waren so besorgniserregend, dass Boris Becker, der Verantwortliche für Männertennis im Verband DTB, stellvertretend für den besten deutschen Spieler die Sinnfrage stellte: Zverev müsse entscheiden, welchen Preis er für seine Karriere bereit sei zu zahlen, sagte Becker vor einigen Tagen am Rande des ATP-Cups in Brisbane der FAZ: "Wenn die Leidenschaft nicht da ist, wird es schwer."

Drei Matches hatte Zverev zu Jahresanfang bei diesem Länderwettbewerb in Queensland gespielt und dreimal krachend verloren, gegen Alex De Minaur (Australien), Stefanos Tsitsipas (Griechenland) sowie Denis Shapovalov (Kanada): allesamt Gegner seiner Generation und Leistungsklasse, die er früher mit weit weniger Mühe in Schach gehalten hatte und die ihn zuletzt zu überflügeln schienen. Noch auffälliger war der Mangel an Körperspannung, Konzentration und Kontenance, den Grundvoraussetzungen für clevere Ballwechsel in einer Einzelsportart. Die von den Fernsehmikrofonen belauschte Wutrede auf seinen Vater, der auch sein Trainer ist ("Ich habe keinen Aufschlag mehr, und du erzählst mir irgendeinen Scheiß!"), hat Zverev junior nun als Krach abgetan, wie er angeblich in den besten Familien vorkommt: "Wir haben uns angeschrien", sagte er: "Nichts Schlimmes."

Für seine zuletzt vogelwilden Aufschläge indes konnte er auch kurz vor dem ersten Service in Melbourne noch keine Erklärung liefern. 14 Doppelfehler hatte er gegen De Minaur in Brisbane fabriziert, zehn gegen Tsitsipas, sieben gegen Shapovalov - bei einem Schlag ohne die geringste Einwirkung des Gegners, wohlgemerkt. Möglicherweise, so deutete er vage an, hätten sich die Auswirkungen einer Augenoperation im Dezember bemerkbar gemacht: Er hatte in New York seine Hornhautverkrümmung korrigieren lassen, und danach, so erläuterte er, brauche es ein Weilchen, um sich an die neue Wahrnehmung zu gewöhnen. Brillen- und Kontaktlinsenträger, so erklärte er, kennen den Effekt.

Allerdings wirkte dieses Aufschlagzittern so alarmierend, dass es sogar im Zusammenhang mit den katastrophalen Buschbränden im Land Aufsehen erregte. Die Schweizer Profispielerin Belinda Bencic, die sich an der Benefizaktion des Australischen Tennisverbandes für die Krisenopfer beteiligt, in dem sie für jeden ihrer eigenen Doppelfehler im Monat Januar 200 Dollar an ein Hilfskonto überweist, wandte sich auf Twitter augenzwinkernd an den deutschen Kollegen. Ihren Spendenaufruf verband sie provozierend mit der Frage: "Machst Du mit, Alexander Zverev?"

Die geringere Erwartungshaltung ist nicht zwangsläufig ein Nachteil

Auch das ist eine komplett neue Erfahrung für den jungen Mann, der vor 14 Monaten noch umjubelt im Konfettiregen des Londoner ATP-Finals gestanden hatte: dass er nun aufgrund seiner Spielweise als Zielscheibe des Spotts herzuhalten hat. Bei der letztjährigen Auflage der Australian Open war er noch als möglicher Nachfolger der Tennis-Dreifaltigkeit angekündigt, die seit mehr als einem Jahrzehnt aus Federer, 38, Nadal, 33, und Djokovic, 32, besteht. Zverev, Sieger des ATP-Finals 2019, wurde als erstem der jüngeren Spielergeneration zugetraut, endlich auch einen der Grand-Slam-Wettbewerbe zu gewinnen, deren Titel die drei Routiniers seit Jahren unter sich aufteilen. In diesem Jahr hat John McEnroe, der Guru der Szene, bei seiner traditionellen Turniervorschau den Namen Zverev gar nicht mehr erwähnt. Stattdessen lobte er dessen Rivalen Tsitsipas und Medwedew, die Aufsteiger der vergangenen Saison, in den höchsten Tönen.

Die geringere Erwartungshaltung aber muss nicht zwangsläufig zu seinem Schaden sein. Becker erinnerte daran, dass Zverev im vergangenen Jahr immer dann am besten spielte, wenn nach kurzen Schwächephasen niemand damit rechnete: bei den French Open, wo er das Viertelfinale erreichte, und bei den US Open im Herbst, als er in der vierten Runde stand. Und da in der Vergangenheit oft sehr viel Wind um den Hochtalentierten gemacht wurde, ist es vielleicht ganz hilfreich, wenn, wie bei einem guten Soufflé, ein wenig Luft entweicht. Den Höhepunkt 2019 erlebte Zverev beim einzigen Titelgewinn im Genf. Der Tiefpunkt war bei der Erstrundenniederlage in Wimbledon erreicht, als er über private und berufliche Rückschläge klagte, von denen einige mittlerweile überwunden zu sein scheinen. Auch wenn ihn der Rechtsstreit mit seinem früheren Manager Patricio Apey vermutlich noch eine Weile beschäftigen dürfte.

Derlei Zwischenjahre gehören zu einer Sportlerkarriere, die selten gradlinig verläuft. Die nachhaltigsten Eindrücke hat Zverev womöglich von seiner Südamerikareise mit Roger Federer mitgenommen, als beide gegen Ende des Jahres als Show-Act vier Stadien bespielten: in Mexiko-City vor der Rekordkulisse von 42 500 Zuschauern. Auch das war eine Riesenzirkusnummer, keine Frage, und sie hat mit Sicherheit seine Erholung vor der Saison verkürzt. In Brisbane, so erzählte Zverev nun, "hatte ich Probleme, die ich nicht lösen konnte. Ich habe mich unsicher gefühlt". Die letzten Tage vor dem Auftaktmatch gegen Cecchinato, Nummer 76 der Welt, verbrachte er deshalb mit intensiven Trainingseinheiten, "mehr als jeder andere", wie er versicherte. Am Sonntag stand er unter der Aufsicht des Vaters zweimal auf dem Platz, und zumindest der Aufschlag wirkte einigermaßen normal. Alles im Lot soweit? Zumindest so viel lässt sich sagen: alles eine Nummer kleiner.

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SZ vom 20.01.2020/vit
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