Sieg bei ATP-Finals Zverev ist jetzt ein stählerner Tennisspieler

Alexander Zverev scheut noch die Vergleiche mit Novak Djokovic (rechts) oder seinem Halbfinalgegner Roger Federer.

(Foto: AFP)
  • Alexander Zverevs Erfolg bei den ATP-Finals in London zeigt, was er für ein gewachsener Tennisspieler ist.
  • Der Hamburger macht eine großartige Entwicklung durch - er sorgt schon jetzt in jungem Alter für große Momente auf dem Platz.
Von Gerald Kleffmann

Dieser Sonntagabend war ein besonderer Abend im Leben des Alexander Zverev. Die Welt erfuhr, dass der 21-Jährige Sinn für Komik hat. Schon bei der Siegerehrung auf dem Platz hatte er vor den 17 800 Zuschauern in der Londoner O2-Arena eine charmante, mit Ironie gespickte Rede gehalten. Als er im Anschluss den Presseraum betrat und zaghaft mancher Reporter klatschte, rief er, und es ist genau so im Gesprächsprotokoll der ATP verbürgt: "Das war der mieseste Applaus, den ich je nach einem Turniersieg erhalten habe. Aber danke!" Was er im Moment des größten Erfolges seiner Karriere gespürt habe, als er auf den Hallenboden niedersank, wurde er daraufhin gefragt. "Ich fühlte meine Knie", sagte Zverev, der sich vor Rührung in die Horizontale begeben hatte: "Meine Knie taten weh." Ob ihm Ivan Lendl, der neue Trainer mit der Aura eines Transsilvaniers, Tipps gegeben habe? "Er hat nichts gemacht. Er hat mit mir vor dem Match über Golf geredet."

Was so ein klitzekleiner Triumph bei einer Veranstaltung namens ATP-Finals ausmachen kann. Boris Becker umschrieb den Auftritt Zverevs als Gast bei der BBC rundum treffend so: "Ein Deutscher mit Humor, der reden und über sich selbst lachen kann - ein Star ist angekommen." Überhöhungen im Sport sind oft gefährlich, mit ihnen wird man den Darstellern ja im Guten wie im Schlechten oft nicht gerecht. Das Faszinierende am Erfolg dieses immer noch erst 21 Jahre alten Hamburgers, der aus einer russischen Tennisfamilie stammt, ist indes, dass ihn Erwartungen, auch zu hohe, nicht erdrücken oder lähmen. Sie motivieren ihn - und dann glücken ihm jene Momente, in denen Erwartungen und Leistungen eins werden.

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Wie furchtlos und erfolgsorientiert er ist, verdeutlichte sein Titelgewinn beim Abschlussevent der Profitour, den er vollstreckte mit Siegen gegen Roger Federer, 20 Grand-Slam-Pokale schwer, und Novak Djokovic, 14 Slam-Pokale reich. Nun ist er 23 Jahre nach Boris Becker der erste Deutsche, der diese Veranstaltung für sich entscheidet. Im Duell mit dem Schweizer hatte er einen Augenblick erlebt, in dem er sich wie geteert und gefedert gefühlt hatte. Dass er es gewagt hatte, regelgemäß einen Ballwechsel abzubrechen und wiederholen zu lassen, weil ein Balljunge einen Ball fallen ließ, wurde ihm von den vielen Federer-Anhängern als Majestätsbeleidigung ausgelegt. Er kassierte Pfiffe und Buhrufe. "Ich war ein bisschen traurig", gestand Zverev im Rückblick mit dem Pokal vor sich, "als Tennisspieler nehmen wir so etwas persönlich. Es ist ein Einzelsport."

Zverev ist der, der am meisten den Erfolg will - ihn muss keiner treiben

Zu dem Zverev perfekt passt. Er hat zwar ein Team an Fachkräften um sich versammelt, wie Vater Alexander, den er in London mal wieder als wichtigste Person würdigte; wie Fitnesscoach Jez Green, der ihm den Gladiatorenkörper verpasste; wie Physio Hugo Gravil, der dieses Gut pflegt. Und wie Lendl, den Taktiker und Trickser, der es liebt, etwas im Stillen auszuhecken. Nur: Zverev ist es, der sich selbst von Teer und Federn befreit. Der am meisten den Erfolg will. Ihn muss keiner treiben. Nachdem er Federer bezwungen hatte und ihm dafür gehuldigt wurde, betonte er, unbeeindruckt der Schmeicheleien: Er sei nicht fertig. Es gebe ja noch dieses Finale.

Den letzten Schritt zu schaffen, ist eine Gabe, die Champions oft von sehr guten Sportlern unterscheidet, und aus diesem Grund greift Zverev auf die Expertise Lendls zurück, dessen Wirken viel früher greift, als es Zverev angenommen hatte. Er hoffte erst im kommenden Jahr auf die positiven Folgen des Austausches. Doch schon in London funktionierte der Lendl-Effekt, der zuvor dem gerne zaudernden Schotten Andy Murray zu drei Grand-Slam-Titeln sowie Olympia-Gold verholfen hatte.

Am anschaulichsten ließ sich der Einfluss des 58-Jährigen im Vergleich der zwei Matches von Zverev gegen Djokovic erkennen, als Vorher-Nachher-Betrachtung. In der Gruppenphase dominierte der Serbe das Spiel, das 6:4, 6:1 spiegelte die Machtverhältnisse wider. Lendl habe dieses Match analysiert, berichtete Zverev nach dem Finale, "er sagte mir ein paar Dinge, die ich anders machen sollte". So war Zverev "aggressiver" im Finale: "Ich habe versucht, den Ball früher zu nehmen." Nuancen, die auf diesem Niveau entscheiden.