Zum Tod von Jana Novotna:Ihre Tränen machten sie zu einer besseren Spielerin

Jana Novotna File Photo

Ein Bild, das in die Sportgeschichte einging: Jana Novotna mit der Herzogin von Kent

(Foto: picture alliance / empics)

Nach ihrer Finalniederlage in Wimbledon 1993 tröstete die Herzogin von Kent Jana Novotna. Jahre später gewann die Tschechin das Turnier dann doch. Zum frühen Tod einer begnadeten Tennisspielerin.

Nachruf von Barbara Klimke

Die Zeitungen vom Tag danach hat Jana Novotna nie weggeworfen. Manchmal hat sie den kleinen Packen noch zur Hand genommen, hat ihn durchgeblättert und wieder weggelegt. Mehr als alle Trophäen und Pokale, die sie gewann, hat er sie daran erinnert, wie ein Match, ein verlorenes Tennisspiel, ein Leben prägen kann.

Alle großen englischen Sonntagszeitungen hatten damals, am 4. Juli 1993, in dicken Lettern über ihre schmerzliche Niederlage in Wimbledon berichtet. Aber schon am nächsten Morgen, als sie traurig, deprimiert und ein wenig zögerlich zu den Blättern griff, spürte sie auf seltsame Weise Trost. "Ich öffnete die Zeitungen, und mein Bild mit der Herzogin von Kent war auf allen Titelblättern", hat sie vor zwei Jahren in einer Sendung der BBC erzählt: "Einen Augenblick fühlte sich das an, als sei ich die Siegerin gewesen, und das war ein sehr schöner Moment."

Dann verlor Novotna die Nerven

Das Wunderbare an den Fotos sei, dass sie "die menschliche Seite des Profitennis" zeigten: "Und daran haben sich die meisten Leute später mehr erinnert, als an meine Niederlage."

Was Jana Novotna damals den Menschen im ausverkauften Centre Court von Wimbledon und Millionen vor dem Fernseher ungewollt offenbarte, war die Zerbrechlichkeit der Psyche eines Athleten. Die Tschechin, damals 24 Jahre alt, hatte erstmals das Finale erreicht und stand Steffi Graf gegenüber, der überragenden Spielerin ihrer Zeit, die Wimbledon schon vier Mal gewonnen hatte. Anders als in ihren Duellen zuvor war Novotna, eine brillante Technikerin, Graf an diesem Tag tatsächlich anfangs überlegen. Sie liebte das Angriffsspiel, Serve & Volley, lag im dritten Satz schon 6:7, 6:1 und 4:1 vorn und brauchte bei eigenem Aufschlag nur noch einen Punkt, um 5:1 in Führung zu gehen.

Dann verlor sie die Nerven. Schlug einen Doppelfehler. Drosch einen Volley weit ins Aus, am völlig freien Court vorbei. Verfiel in Panik. Und verlor den dritten Satz noch 4:6. Später, bei der Siegerehrung, als ihr die Herzogin von Kent die kleine Silberschale für die Verliererin überreichen wollte, brach sie in Tränen aus. Behutsam nahm die Herzogin sie in den Arm, Jana Novota weinte bitterlich an ihrer Schulter. Es ist ein Bild, das in keiner Wimbledon-Chronik fehlt.

Was sie zu Tränen rührte, erzählte sie später, seien die aufmunternden Worte der Herzogin gewesen: Irgendwann, sagte sie zu ihr, schaffst Du das!

Manche Tennisspielerin wäre an einer solchen Niederlage zerbrochen, aber Jana Novotna hat es wirklich geschafft, was bei ihrem begnadeten Talent vielleicht keine große Überraschung war. Vier Jahre später stand sie erneut im Wimbledon-Finale, verlor gegen Martina Hingis aus der Schweiz. Im Jahr darauf, 1998, aber schlug sie Hingis im Halbfinale, und nach dem Endspiel gegen die Französin Nathalie Tauziat konnte sie aus den Händen der Herzogin dann endlich die ersehnte große Silberschale entgegennehmen.

Novotna war ein Publikumsliebling

Zu diesem Zeitpunkt war aus der spröden, kühlen tschechischen Profispielerin längst ein Liebling des Publikums geworden. Der Sport duldet Schwäche für gewöhnlich nicht, er hat keinen Platz für Ängstlichkeit und Sensibilitäten. Jana Novotna aber hatte allen Zuschauern, die selbst jemals unterlegen, besiegt und abgeschlagen waren, gezeigt, wie nahe Triumph und Verzweiflung liegen.

In den 14 Jahren ihrer Profi-Karriere hat sie 24 Turnier im Einzel gewonnen und dazu 76 Titel im Doppel. Sie war die Nummer zwei der Weltrangliste und "eine Inspiration auf und dem Tenniscourt", wie der Präsident der Frauentennis-Organisation, Steve Simon, sagte.

Nach ihrer Karriere hat Jana Novotna eine Zeitlang als Trainerin gearbeitet. Aber den Drang anderer großer Spielerinnen, noch einmal selbst das Racket in die Hand zu nehmen, hat sie nie verspürt. "Ich hatte eine wunderbare Karriere und ich bin ziemlich realistisch, was das Tennis betrifft", sagte sie vor Jahren: Die neue Spielerinnen-Generation sei, anders als früher, "sehr stark und sehr athletisch".

An das verlorene Finale, ihr Finale der Tränen, hat sie gern zurückgedacht. Es hatte sie, wie sie der BBC vor zwei Jahren sagte, zu einer besseren Spielerin gemacht, "und auch zu einem besseren Menschen". Jana Novotna ist am Sonntag in ihrer tschechischen Heimat im Alter von 49 Jahren an einer Krebserkrankung gestorben.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: