Zum Tod von Graciano Rocchigiani Ein Boxer wie das Leben

Graciano Rocchigiani im Jahr 2001 nach seinem Sieg gegen den Kanadier Willard Lewis.

(Foto: REUTERS)

Graciano Rocchigiani, den alle nur "Rocky" nannten, war rau, rüpelig, unangepasst, reich, arm, ganz oben, ganz unten und in der Stunde seines vielleicht größten Sieges fühlte er sich um alles betrogen.

Nachruf von Benedikt Warmbrunn

Das Boxen, heißt es, ist wie das Leben. Ein Boxer kennt seine Stärken, er ist aber auch ständig mit seinen Unzulänglichkeiten konfrontiert. Ein Boxer kann in jeder Sekunde alles gewinnen, er kann in jeder Sekunde alles verlieren, er kann in jeder Sekunde um alles betrogen werden. Das Boxen ist demnach also wie das Leben, und selten hat das so gestimmt wie für Graciano Rocchigiani in der zwölften Runde seines Kampfes im Mai 1995.

Rocchigiani forderte Henry Maske heraus, den sogenannten Gentleman, der das deutsche Boxen in den 1990ern aus der Schmuddelecke in die High Society führte. Maske war höflich, elegant, glatt. Rocchigiani, den alle nur Rocky nannten, war das Gegenteil. Einer dieser Typen, die dem Boxen schon damals verloren gingen. Er war rau, rüpelig, ein Mann der Straße, immer unangepasst. Maske stand an diesem Abend für das Schöne und Gute, Rocky für das Hässliche und Böse. Es war ihm verdammt egal. Für ihn war der Kampf die größte Chance seiner Karriere. In den ersten Runden hatte er Maske ein paar Mal schwer getroffen, immer wieder mit diesem ansatzlosen Aufwärtshaken, den er wie einen Korkenzieher nach oben rammte. Maske konnte sich dann ein paar Runden lang mit seinen feinen, aber eben auch vorsichtigen langen Geraden in Sicherheit wiegen. Bis zur letzten Runde.

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Rocky schleuderte nun einen Korkenzieher nach dem anderen gegen Maskes Kinn, er wühlte sich in ihn hinein, unter seinen langen Armen hindurch. Er traf mit seitlichen Haken, vor allem mit der linken Faust. So wuchtig waren seine Schläge, dass Maske irgendwann in den Seilen hing, schön, gut, aber kraftlos. Rocky wühlte weiter, er hatte längst einen feuerroten Kopf, er war auch kraftlos. Aber er hatte diesen inneren Antrieb eines Menschen, der weiß, dass er alles geben muss, um nicht die nächste Ungerechtigkeit zu erleben. Er wühlte und wühlte und wühlte, und irgendwann sackte Maske zu Boden, nicht wegen eines Schlages, sondern wegen all der Schläge. Der Ringrichter wertete es nicht als Niederschlag. Rocky trieb Maske unbeirrt weiter durch den Ring, dieser taumelte irgendwie dem Rundenende entgegen. Erschöpft riss Rocchigiani die Arme nach oben, er hatte, da war er sich ganz sicher, soeben alles gewonnen; so sahen es auch viele Beobachter.

Kurze Zeit ganz oben und dann plötzlich wieder ganz unten

Die Ringrichter entschieden: Punktsieg für Maske. In der Stunde seines vielleicht größten Sieges fühlte Rocky sich um alles betrogen.

"In der Vergangenheit habe ich mich oft wie auf einer Achterbahn gefühlt. Für kurze Zeit ganz oben, als strahlender Sieger, und dann plötzlich wieder ganz unten, am Boden zerstört", sagte er einmal. Und weil bei ihm das Boxen wirklich immer wie das Leben war, fügte er hinzu: "Einmal fand ich mich im Straßengraben wieder und dreimal auch im Knast."

Rocchigiani, Sohn einer Berlinerin und eines sardischen Eisenbiegers, hat lange das Leben eines Boxers geführt, wie es damals, in den späten 1980ern und den 1990ern, in Deutschland die meisten nur noch aus dem Film kannten. Er soff. Er schlief mit Nutten. Er verdiente Millionen, und er verprasste noch mehr. Er wich auch außerhalb des Ringes keinem Konflikt aus. Im Knast saß er wegen Körperverletzung, Sachbeschädigung sowie wegen des wiederholten Fahrens ohne Fahrerlaubnis. Er war nicht nur dem Namen nach ein deutscher Rocky, er war einer, der nie aufgab, der gegen alle Widerstände kämpfte, bis zum letzten Gong.

Als Amateur nahm er einmal an deutschen Meisterschaften teil, obwohl er eine Wunde am Arm hatte, die gerade so mit Nähten zusammengehalten werden konnte. 1988 gewann er als erster deutscher Preisboxer der neuen Ära einen WM-Titel, im Supermittelgewicht gegen den Amerikaner Vincent Boulware. Überhaupt war er erste der dritte deutsche Profiboxer, der eine Weltmeisterschaft gewann, nach Max Schmeling und Eckhard Dagge. Seine Kämpfe hatten auch danach immer dieses Drama, das dem deutschen Boxen heute so fehlt. Er verlor umstritten gegen den Briten Chris Eubank, er verlor umstritten gegen Maske, er verlor umstritten gegen Dariusz Michalczewski (gegen Maske und Michaelczewski verlor er auch den Rückkampf, ohne anschließende Diskussionen).

Zugesprochen wurden ihm 31 Millionen Dollar an Schadensersatz

Im März 1998, fast zehn Jahre nach seinem ersten WM-Titel, gewann der dann den vakanten WM-Titel der WBC im Halbschwergewicht. Es folgte eine weitere Ungerechtigkeit. Der eigentliche Titelträger, Roy Jones Jr., hatte seinen Gürtel nie freigegeben, die WBC hatte das nur so interpretiert. Weswegen der Verband Rocky den Titel wieder aberkannte. Rocchigiani klagte. Zugesprochen wurden ihm 31 Millionen Dollar an Schadensersatz, 2004 ging er auf ein Vergleichsangebot in Höhe von 4,5 Millionen Dollar ein. Damals hatte er seinen letzten Kampf im Ring schon bestritten, er verlor, gegen Thomas Ulrich.

In den Jahren nach seinem Karriereende ging sein Kampf weiter, es war nun ein Kampf gegen sich selbst. Er eröffnet ein Boxgym. Er musste es wieder schließen. Er soff weiter. Er lebte von Hartz IV. In den vergangenen Jahren trainierte er in Berlin Flüchtlinge, seit diesem Jahr arbeitete er zudem als Box-Experte für den TV-Sender Sport1.

Mitte September noch hatte er sich Zeit für ein Treffen genommen, es sollte ein Kennenlernen werden für eine Geschichte, über Rocky als gereiften und doch unveränderten Mann. Er bestellte eine Cola ohne Eis und Zitrone, er schimpfte über die englischsprachigen Gerichte auf der Karte, er rauchte, er schimpfte, er lachte, irgendwann bestellte er ein Steak mit Spiegelei, "eher durch, bitte". Am Ende sagte er, dass er nach seinem Italien-Urlaub anrufen werde, "ich habe", sagte er, "noch viel zu erzählen".

Am Montagabend kurz vor Mitternacht war Rocchigiani in der Nähe von Catania auf Sizilien zu Fuß unterwegs, als er von einem Smart erfasst wurde. Dem Polizeibericht nach war er sofort tot. Rocchigiani, einer der größten Kämpfer gegen die Ungerechtigkeit im deutschen Boxen, wurde 54 Jahre alt.

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