Zum 70. von Franz Beckenbauer:Aus Giesing in den Kosmos

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Der Kaiser wird 70: Franz Beckenbauer ist trotz aller Franzeleien ein Weltstar geblieben. Über einen, der den Kampf gegen den Hochmut ganz offensichtlich gewonnen hat.

Von Holger Gertz

Sogar Franz Beckenbauer hat sich über die Jahre verändert; wie sehr, zeigt ein Vergleich der Autogramme aus verschiedenen Epochen seines Schaffens. Ganz früher, in den Sechzigern, gab die Firma Knorr Autogrammkarten heraus, Beckenbauer hat sich um die Popularisierung der Fleischklößchen-Suppe dieses Herstellers sehr verdient gemacht, er sagte in der Werbung: "Kraft in den Teller, Knorr auf den Tisch."

Der Spruch hat sich eingeprägt, weil der freie Mann Beckenbauer sich schon damals die Freiheit nahm, die Begriffe Krraft und Knorrr mit ein paar zusätzlichen bairischen rrr auszuschmücken. Seine Unterschrift auf den entsprechenden Karten ist der Namenszug eines energischen, aber auch noch zu Schnörkeleien neigenden Jungmannes, den prosaischen Wortteil -bauer in Beckenbauer gestaltet er überdramatisch als erst steil abfallende und sich dann rasch erholende Kurve auf dem Börsentableau.

Beckenbauer erfüllt kleine Wünsche mit großer Sorgfalt

Die Signatur des späten Franz erzählt dagegen die Geschichte eines Menschen, der zu sich gefunden hat, alles hat sich beruhigt, die Buchstaben liegen nebeneinander wie Perlen an einer Kette. Dass er inzwischen ein großes C eingebaut hat, wo er Ceckenbauer doch eindeutig nicht heißt, ist auf den ersten Blick rätselhaft, hat aber sicher auch etwas mit dem freien Willen dieses freien Mannes zu tun. Der sich übrigens die Freiheit nimmt, die Bevölkerung verlässlich zu versorgen mit seinem Autogramm. Wenn man ihn mal irgendwo sieht, in der Allianz-Arena oder in der Umgebung eines Fernsehsenders, sieht man ihn zugleich auch immer autogrammeschreibend. Beckenbauer ist großzügig und aufmerksam, er steigt extra noch mal aus seinem Auto, wenn jemand ihm ein Paninibild entgegenstreckt, einen Mützenschirm, einen Zettel.

Beckenbauer erfüllt den kleinen Leuten ihre kleinen Wünsche mit größtmöglicher Aufmerksamkeit: Er schmiert nicht rum und haucht manchmal noch kurz drüber, damit nichts verwischt. Das Internet ist ein belastbarer Indikator für alles Mögliche: Legt man die Anzahl der Beckenbauerautogramme zugrunde, die auf Ebay angeboten werden, hat er im Laufe seines Lebens jeden Bundesbürger mit mindestens einer Unterschrift beschenkt.

Beckenbauer ist vieles, aber nicht herablassend

An diesem Freitag wird Franz Anton Beckenbauer, geboren in Giesing, 70 Jahre alt. Er war der beste deutsche Fußballspieler seiner Zeit und vielleicht aller Zeiten. Der Libero. Weltmeister als Spieler und als Teamchef. Das ist alles lange her. Wenn er den Leuten immer noch etwas sagt, hat das natürlich auch damit zu tun, wie er den Leuten begegnet - und also damit, wie er sich selbst begegnet und seinem Erfolg. Man kann abheben, wenn einem alles glückt. Man kann den Boden finden, gerade weil einem alles glückt. Der Weltstar Beckenbauer ist vieles, sicher ist er eines nicht: herablassend, dem Publikum gegenüber.

Er will im Fußballbusiness ja kein Doping gesehen haben

Einer, der den Kampf gegen den Hochmut angenommen und offensichtlich gewonnen hat, gefällt dem Publikum, das bei seinen Helden nichts mehr verabscheut als Hochmut. Im Gegenzug ist das Publikum bereit, mit erstaunlicher Nachsicht auf denjenigen zu schauen, der sich nicht erhebt.

Ein Beispiel für die Wirkungen des Franz Beckenbauer ist noch frisch. Vergangenen Sonntag lief im Ersten eine Dokumentation, die sich mehr und mehr zur Hagiografie auswuchs. Kein Wort über Beckenbauers Rolle als Sportbotschafter in Russland, kaum eines über mögliche Verstrickungen in Schmutzeleien bei der Fifa, erst Recht kein Schwenk zu abenteuerlichen Franzeleien jüngerer Zeit. Beckenbauer mit seinem Gespür für selektive Wahrnehmung will im Fußballbusiness ja kein Doping gesehen haben, und im Staat Katar keinen Sklaven noch jemanden im Büßergewand. Das alles blieb außen vor, und in der Regel wird ein Filmemacher, der derart samtpfötig mit seinem Untersuchungsobjekt umgeht, nicht nur von den professionellen Fernsehkritikern gegrillt, sondern auch von den oft noch professionelleren und jedenfalls unerbittlicheren Kritikern auf Twitter.

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