Süddeutsche Zeitung

Zukunftssorgen bei 1860 München:Zittern hoch zwei

Lesezeit: 3 min

Kann sich Zweitligist 1860 München aus eigener Kraft retten? Der Vermarkter H.I. Squared von Investor Hasan Ismaik und Hamada Iraki garantiert dem Klub 5,5 Millionen Euro pro Jahr. Abgesichert ist die Summe schlecht - fließt sie nicht, droht die Insolvenz.

Von Markus Schäflein und Philipp Schneider

Lange nichts von Otto Steiner gehört. Nach Wochen des Schweigens aber hat sich der Aufsichtsratsvorsitzende des TSV 1860 München nun via Bild gemeldet, um die besorgten Fans des Fußball-Zweitligisten zu beschwichtigen. Bis zum 23. Mai muss der Verein bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) nachgewiesen haben, dass er sein strukturelles Defizit (etwa zwei Millionen Euro) ausgleichen kann.

"Wir müssen für die neue Saison Liquidität in Höhe eines niedrigen siebenstelligen Betrages nachweisen und arbeiten daran, dass dies auch klappt", sagte Steiner, der zugleich versprach, dass Sechzig auch ohne Zahlungen von Investor Hasan Ismaik auskommen würde (den die Klubverantwortlichen bekanntlich gegen sich aufgebracht haben, indem sie in dieser Woche die Verträge von Trainer Alexander Schmidt und Sportdirektor Florian Hinterberger entgegen des ausdrücklichen Willens des Jordaniers verlängert hatten).

Das könnte klappen: Schließlich soll Sechzig dem Vernehmen nach von den Zahlungen Ismaiks im Sommer knapp 1,5 Millionen Euro zur Seite gelegt haben. Steiner sagt: "Wir sind uns dieses Szenarios bewusst. Und wir sind für diesen Fall vorbereitet." Das ist, klar, eine weitere Pointe. Denn sollte sich Sechzig aus sogenannter eigener Kraft retten, dann wohl wieder mit geliehenem Geld des Investors. Doch unabhängig davon und auch von der Frage, ob Ismaik diese zwei Millionen noch überweisen wird, droht der KGaA nun von anderer Stelle größeres finanzielles Ungemach: Es geht um die weitere Kooperation mit dem Vermarkter H.I. Squared, der zu jeweils 45 Prozent Hasan Ismaik und dem Finanzfachmann Hamada Iraki gehört.

Sie basiert auf einem Vertrag, den Geschäftsführer Robert Schäfer nach SZ-Informationen im Juni 2011 ohne finale Abstimmung mit Vereins-Aufsichtsrat und -Präsidium abgeschlossen hat. Statt sich mit ihnen abzusprechen, schrieb er an die Vereinsgremien: "Ich habe die große Freude, Ihnen mitzuteilen, dass es gelungen ist, die vorgegebenen Ergebnisse hinsichtlich der zukünftigen Vermarktung entsprechend Ihrer Vorgaben zu erzielen." Warum er schon unterschrieben hatte, begründete er so: "Um die Durchführbarkeit angesichts der bestehenden Zeitnot zu gewährleisten (. . .), war es erforderlich, die Vereinbarung bereits zu unterschreiben."

Hätten ihn Iraki und Ismaik damals nicht mittels ihrer Position im Beirat von 1860 in Schutz genommen, Schäfer wäre - vor allem aufgrund dieses Vorstoßes - von den Vereinsvertretern entlassen worden. Dieser Wunsch stand klar formuliert in einem Positionspapier, das Ende 2011 verfasst wurde.

"Schwerwiegende Konsequenzen"

5,5 Millionen Euro jährlich garantiert der Vertrag mit H.I. Squared. Das Problem ist allerdings: Die Garantiesumme wurde damals nicht durch eine Bankbürgschaft oder ein ähnliches Mittel abgesichert. Obwohl die daraus resultierende Gefahr von mehreren Personen im Verein erkannt worden war. Nun also war da statt des Vermarkterriesens IMG plötzlich eine neu gegründete Firma, die laut Handelsregister über ein eingetragenes Stammkapital von 25 000 Euro verfügte.

Und nun garantierte sie für eine jährliche Zahlung in Höhe von 5,5 Millionen Euro. Welche Gefahr diese Vertragskonstruktion (ohne wirkliche Garantien) in sich birgt, könnte sich nun erweisen, da sich Ismaik beim Gestaltungsprozess übergangen fühlt wie nie zuvor und mit Anwalt Michael Scheele (der am Donnerstagnachmittag noch immer in Abu Dhabi weilte) "schwerwiegende Konsequenzen" plant. Für den TSV 1860 München beginnt das Zittern hoch zwei.

Denn es besteht zwar eine vertragliche Verpflichtung, die für zehn Jahre geschlossen wurde. Doch die wird wenig helfen, wenn H.I. Squared einfach nicht mehr zahlt. Die Firma müsste allerdings wohl juristisch aussichtsreich erklären, warum sie es nicht mehr tut. H.I. Squared könnte etwa argumentieren, die KGaA habe in den vergangenen Monaten grob fahrlässig gehandelt - dass sie ein Klima geschaffen habe, in dem bestehende Geldgeber abspringen und die Akquise von neuen Sponsoren fast unmöglich ist. Etwa durch ablehnendes Verhalten gegenüber den Ideen des Investors oder die Verlängerung mit dem bei vielen Fans unpopulären Trainer Alexander Schmidt.

So ließe sich eine Vertragsverletzung seitens der KGaA konstruieren - die ja quasi aus dem Geist des Vertrags heraus verpflichtet ist, alles zu tun, um H.I. Squared die Erfüllung seiner Verpflichtungen zu ermöglichen. Sprich: einigermaßen ordentliche Rahmenbedingungen für die Vermarkter zu schaffen. Der juristische Ausgang eines solchen Vorgehens von Iraki und Ismaik wäre ungewiss, aber auch ziemlich egal: Bis eine Klage von 1860 gegen H.I. Squared auf Zahlung zu einem Urteil geführt hätte, wäre der Klub wohl ohnehin längst insolvent.

Natürlich stellt sich die Frage, ob Iraki und Ismaik bereit sind, ihre gesamten Investitionen einfach abzuschreiben. Aber bei Sechzig geht es ja seit Monaten nie darum, was passieren wird - sondern immer nur darum, was passieren könnte. Die jüngere Vereinshistorie ist eine Aneinanderreihung von Drohkulissen. Und das schaurigste Bühnenbild könnte, irgendwie war das zu erwarten, wieder einmal der Investor errichten - auf Grundlage des Vermarktervertrages. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Hasan Ismaik inzwischen jenen Mann loswerden will, der ihm einst diesen vortrefflichen Kontrakt garantierte. So aber steht Schäfer vor einer Falle, die er einst mithalf zu graben.

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SZ vom 19.04.2013/ebc
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