Zukunft von Kroos beim FC Bayern:Erhabene Wurstigkeit

Die Debatte um Kroos führt auch zu ein paar übergeordneten Fragen: Welche Füße werden das bayerische Mittelfeld in den kommenden Jahren lenken, wer wird der creative director, der das schöpferische Ressort verantwortet und die geistreichen Ideen hat? Wer spielt in den kommenden Jahren die Pässe, die jahrelang Bastian Schweinsteiger gespielt hat? Und: Muss das unbedingt Kroos sein, jetzt, da die Bayern diesen unglaublichen Thiago gefunden haben, der aus der Barcelona-Schule stammt wie Pep Guardiola, der Trainer?

Guardiola schätzt Kroos sehr, er mag sein Rhythmusgefühl, seine Übersicht, seine Passqualität. Aber den Kroos aus dem Stuttgart-Spiel schätzt er weniger: jenen Spieler, der seinen Tempomat auf mittlere Geschwindigkeit programmiert, der schwere Spiele mit erhabener Wurstigkeit über sich ergehen lässt, anstatt sich ihnen entgegenzustemmen, und der seinen monumentalen Schuss versteckt hält, als müsse er sich für ihn schämen.

Toni Kroos, 24, kann alles und noch viel mehr, aber er zeigt es nicht immer. Solche Spieler geraten gern in die Gefahr, dass sie ungerecht behandelt werden, man will immer noch mehr von ihnen sehen, als sie ohnehin schon zeigen. Das muss man berücksichtigen, wenn man das nicht unkomplizierte Verhältnis zwischen Kroos und dem FC Bayern ergründen will.

"Kroos ist der strategischere von beiden"

Die Bosse waren all die Jahre hin- und hergerissen, sie haben ihn mal für den besten 17-Jährigen der Welt und den spanischsten Mittelfeldspieler Deutschlands gehalten; dann war er wieder der große Phlegmatiker, der im Champions-League-Finale gegen Chelsea den Elfmeter verweigert. Kroos hat all das Hin und all das Her natürlich mitbekommen, und er hat auch die Stimmen aus den oberen Büros gehört, die im Mai flüsterten, dass es der Triplesieger-Elf bestimmt nicht geschadet habe, dass Kroos in den entscheidenden Spielen verletzt fehlte.

Ja, es geht ums Geld, Kroos will mehr verdienen als das, was der FC Bayern ihm für den Fall einer Vertragsverlängerung angeboten hat. Aber es geht auch um Anerkennung. Er möchte wissen, ob Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß in ihm dauerhaft das sehen, was Matthias Sammer in ihm sieht. "Manchmal denkt Toni noch zu sehr ans eigene Spiel", sagt Sammer, "aber er hat die Anlagen, irgendwann die Verantwortung für unser gesamtes Spiel zu übernehmen."

Kroos plus Thiago, so könnte sich Sammer das Mittelfeld der nächsten Jahre gut vorstellen. "Kroos ist der strategischere von beiden, ähnlich wie Xavi", sagt Sammer, "Thiago ist mehr Iniesta, er ist der riskantere, noch etwas genialere." Sammers Aufgabe wird es nun sein, den Spieler zu überzeugen. Es ist keine leichte Aufgabe: Er wird dem Spieler sagen müssen, dass sie ihn ganz, ganz dringend behalten wollen. Aber natürlich nicht um jeden Preis.

© SZ vom 01.02.2014/bero
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