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Zlatko Dalic bei der Fußball-WM:Der Boss der Feurigen

Scheint es selbst kaum fassen zu können: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic nach dem Finaleinzug seiner Mannschaft.

(Foto: Frank Augstein/AP)

Vom Namenlosen zur Legende seines kleinen Landes: Kroatiens Trainer Zlatko Dalic hat bei dieser WM Außergewöhnliches erreicht. Dabei ist er bis zum Final-Einzug Risiken eingegangen.

Von Tobias Schächter

Als alles verloren schien, blieb Davor Suker hart: Die Qualifikation für die Weltmeisterschaft in Russland war für Kroatien Anfang Oktober nach einem trostlosen 1:1 gegen Finnland in Rijeka in Gefahr, ein Sieg im letzten Gruppenspiel in der Ukraine musste her, um wenigstens die Playoff-Spiele zu erreichen. Also entschied sich Suker, der Präsident des kroatischen Fußballverbandes (HNS), nicht nur dafür, Trainer Ante Cacic zu feuern, sondern auch in Zlatko Dalic einen selbst in Kroaten unbekannten Nachfolger zu ernennen. Dabei wollte der damals mächtige Verbandsvize und kroatische Fußball-Pate Zrdavko Mamic eigentlich lieber Slawen Bilic auf der Trainerbank sehen, heißt es. Doch Suker setzte sich durch.

Dalic sah seine Spieler vor dem Gruppenendspiel das erste Mal kurz vor dem Abflug nach Kiew auf dem Flughafen in Zagreb. Die Installierung Dalics, der nur ein durchschnittlicher Spieler gewesen war und der nach Stationen bei zweitklassigen Teams auf dem Balkan in den letzten sieben Jahren erfolgreich in den Arabischen Emiraten trainiert hatte, war eine Panikaktion. Einen wirklichen Plan gab es nicht - nur den, das Spiel in Kiew zu gewinnen. Irgendwie. Dalic sagte damals: "Wenn wir scheitern, bin ich übermorgen wieder weg." Warum einzig der Torwarttrainer aus dem Stab des entlassenen Cacic mit in die Ukraine reisen durfte, erklärte Verbandsboss Suker damals so: "Es würde seltsam aussehen, wenn Dalic in Kiew alleine auf der Bank sitzen würde."

Man muss sich dieses chaotische Szenario vom letzten Herbst noch einmal vor Augen führen, um die Leistung von Zlatko Dalic zu bewerten. Die Mannschaft war ein zerstrittener Haufen von Diven, der Rückhalt der Fans war verspielt, auch weil neben schlechten Leistungen viele Spieler in den mafiösen Sumpf des kroatischen Fußballs verstrickt waren. Nun aber stehen die vier Millionen Kroaten staunend vor einem "Fußall-Wunder", wie der Kommentator im kroatischen TV nach dem Halbfinalsieg der "Vatreni" (die Feurigen) gegen England jubelte: An diesem Sonntag in Moskau spielt Kroatien im WM-Finale gegen Frankreich um die Krone im Weltfußball. Und Zlatko Dalic ist nicht mehr Notlösung, sondern Glücksfall.

Der sagenhafte Aufstieg zum Nationalhelden scheint Dalic nicht zu belasten

Innerhalb von acht Monaten stieg der 51-Jährige aus dem bosnischen Livno vom Namenlosen zum WM-Finalisten und "beliebtesten Kroaten" auf, wie die Zeitung Vecernji List dieser Tage schrieb. Dem gläubigen Katholiken schrieb das Blatt sogar zu, für einen Moment das von Korruption und Abwanderung geplagten Land zu einen. Nie machte Dalic in den letzten Wochen den Eindruck, als belaste ihn dieser sagenhafte Aufstieg zum Nationalhelden.

Auf der letzten Pressekonferenz vor dem Finale am Samstag erklärte er: "Wir haben die Möglichkeit, etwas Unglaubliches zu schaffen. Egal, ob wir gewinnen oder verlieren: Es wird ein Ereignis, das die Erde in Kroatien zum Beben bringt. Hoffentlich werden vier Millionen Menschen in den Straßen feiern."

Zlatko Dalic hat etwas geschafft, an dem seine Vorgänger Slawen Bilic, Igor Tudor, Niko Kovac und Ante Cacic gescheitert sind: Er hat diese Ansammlung von Hochbegabten zu einer Einheit geformt und den Spielern die Angst vor dem Versagen genommen. Die Elf um Kapitän Luka Modric und die in die Jahre gekommenen Stars Mario Mandzukic, Ivan Rakitic und Ivan Perisic spielte immer auch gegen die Last der Vergangenheit an.

In der Heimat werden die WM-Dritten von 1998 als "Goldene Generation" verehrt. In Russland aber schrieben Modric und Co. nun eine neue, noch größere Erfolgsgeschichte, nachdem sie noch vor ein paar Monaten auf dem Weg schienen, als die Unvollendeten in die Sportgeschichte ihrer Heimat einzugehen. Für Luka Modric hat an dieser Erfolgsgeschichte Trainer Zlatko Dalic den Hauptanteil.

Die Spieler schätzen Dalics Konsequenz

"Er kam in einer schwierigen Zeit", sagt Modric, "aber er hat es geschafft, dass wir von der ersten Sekunde an Vertrauen in ihn hatten." Die Kroaten gewannen das wichtige Spiel in der Ukraine 2:0, setzten sich in der Barrage souverän gegen Griechenland durch und zeigten bei dieser WM eine Wettkampfhärte, die ihnen in den Jahren zuvor abgegangen war: Drei Mal mussten sie in der K.o.-Runde in die Verlängerung, zwei Mal ins Elfmeterschießen - aber sie behielten immer die Nerven. Und das hat wenig damit zu tun, dass Dalic in kniffligen Momenten seine Hand an jenen Rosenkranz legt, den er immer in der Hosentasche trägt. Die Spieler, von denen viele hochdekoriert sind und alle in Topvereinen Europas spielen, folgen Dalic.

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