Trainer bei Europas Spitzenklubs:Und wieder wirft Zidane hin

Trainer bei Europas Spitzenklubs: "Es gibt Momente, in denen du da sein musst, und solche, in denen man wechseln muss": Zinédine Zidane.

"Es gibt Momente, in denen du da sein musst, und solche, in denen man wechseln muss": Zinédine Zidane.

(Foto: Javier Soriano/AFP)

Nach einer titellosen Saison stellt Zinedine Zidane sein Traineramt bei Real Madrid zur Verfügung. Auch bei Top-Adressen wie Inter Mailand und Juventus Turin ist einiges in Bewegung.

Von Javier Cáceres und Thomas Hürner

Am Mittwochabend stieg Rauch über dem Bernabéu-Stadion auf. Ein Schwelbrand, der beim Umbau entstanden - und ebenso rasch gelöscht wie umgedeutet war: als weißer Rauch, wie er sonst über dem Vatikan aufsteigt, wenn Päpste gewählt werden. Während Spanien gebannt auf das Europa-League-Finale in Danzig blickte, das der FC Villarreal gegen Manchester United gewann, wurde die Nachricht publik, dass Real Madrid einen neuen Trainer sucht. Zinédine Zidane teilte mit, dass er den Job per sofort aufgeben will.

Der Klub bestätigte den Rücktritt am Donnerstagmittag. Nun sei die Zeit, "Respekt und Dankbarkeit" zu zeigen für dessen "Professionalität, Hingabe und Leidenschaft". Zidane gehöre zu den "großen Mythen von Real Madrid, seine Legende geht über das hinaus, was er als Trainer und Spieler unseres Klubs gewesen ist", erklärte der Verein: "Er weiß, dass Real Madrid immer sein Zuhause sein wird."

Die Gerüchte über eine bevorstehende Demission kursierten schon länger. Vor wenigen Wochen vermeldete der Radiosender Onda Cero, Zidane habe der Mannschaft mitgeteilt, zurücktreten zu wollen. Es folgte ein halbherziges Dementi von Zidane, obwohl er zuvor selbst angekündigt hatte: "Es gibt Momente, in denen du da sein musst, und solche, in denen man wechseln muss. Aber für das Wohl aller, nicht wegen mir."

Wer kommt nun: Conte? Raúl? Oder etwa Xabi Alonso?

Zidane, 48, hatte erstmals im Jahr 2016 das Traineramt bei Real Madrid übernommen und auf Anhieb drei Champions-League-Titel in Serie gewonnen. 2018 warf er dennoch hin. Wenige Monate später war aber Real derart ins Schlingern geraten, dass der französische Weltmeister von 1998 sich im Frühjahr 2019 zur Rückkehr überreden ließ. Schon nach wenigen Monaten zeigten sich Risse: Zidane wollte Spieler wie Gareth Bale und James Rodriguez loswerden - und stattdessen Paul Pogba (Manchester United) oder Sadio Mané (FC Liverpool) holen. Er gewann 2019/2020 dennoch die Meisterschaft.

In diesem Sommer nun ist Spaniens Rekordmeister ohne Titel geblieben - erstmals nach elf Jahren. Im Pokal stolperte Real Madrid beim unterklassigen CD Alcoyano; in der Champions League ging es bis ins Halbfinale. In der Meisterschaft wurde Real hinter dem Nachbarn Atlético Madrid nur Zweiter. Nun also Zidanes neuerlicher Abschied.

Er selbst äußerte sich am Donnerstag nicht. Aber offenbar war die Frustration, die rund um den Jahreswechsel wuchs, am Ende zu groß. Seinerzeit behaupteten Medien, die Reals Chef Pérez nahestehen, dass die Unzufriedenheit mit dem Coach groß und an eine Entlassung gedacht sei.

Wer Zidane in Madrid folgt, ist offen. Im Gespräch ist unter anderem Antonio Conte, 51, der am Dienstag bei Inter Mailand hinwarf. Und damit wäre man am nächsten Schauplatz, an dem das große Stühlerücken auf dem Trainermarkt bereits losgegangen ist: Italien. Conte hatte gerade erst den Meistertitel nach Mailand geholt, zum ersten Mal seit mehr als einer Dekade, doch zwischen dem Coach und den Klubbesitzern gibt es seit längerem Differenzen. Inter steht unter der Kontrolle des chinesischen Einzelhandelsriesen Suning, der, gebeutelt von der Pandemie, seine Inventionen zurückschrauben möchte. Selbst ein Verkauf von Stars wie Stürmer Romelu Lukaku gilt als möglich - für den erfolgsbesessenen Conte, den Top-Verdiener unter Italiens Trainern, ein Grund, jetzt "Arrivederci" zu sagen. Der Abschied wurde ihm wohl vergoldet: Conte erhält angeblich eine Abfindung von sechs Millionen Euro.

Und nun? In Italien war spekuliert worden, dass Conte gerne zu Juventus Turin zurückgekehrt wäre, wo bis zuletzt sein ehemaliger Zögling Andrea Pirlo die Stellung auf der Trainerbank hielt. Unter ihm schaffte Juventus nur knapp die Qualifikation für die Champions League, das war zu wenig nach einem Jahrzehnt der nationalen Dominanz. Am Mittwoch sah alles nach einer Trennung von Pirlo aus, nach nur einer Saison als Trainer im Piemont. Ihn beerbt laut übereinstimmenden Medienberichten aber nicht Conte, sondern Massimiliano Allegri - und diese Personalie ist nicht ohne Pikanterie: Allegri war 2014 auf Conte als Juve-Coach gefolgt, nachdem dieser seinerzeit den Job hingeschmissen hatte. Sein titelträchtiges Vermächtnis wurde von Allegri unbehelligt fortgeführt.

Teure Spieler belasten die Klubkasse, einige Profis gelten als zu alt und zu satt

Allegris voraussichtliche Rückkehr zu Juventus Turin schafft nun aber andernorts Not: Der Italiener stand auch bei Inter und Real weit oben auf der Liste für die vakanten Trainerjobs. Beide Spitzenklubs müssten sich also anderweitig umsehen. Inter hat offenbar Kontakt zu Maurizio Sarri aufgenommen, dem Vorgänger von Pirlo bei Juventus. Bei Real werden derzeit viele Namen gehandelt, unter anderem die beiden Klublegenden Raúl (derzeit Trainer der zweiten Mannschaft von Real) und Xabi Alonso (Trainer der zweiten Mannschaft von Real Sociedad San Sebastián). Auch Mauricio Pochettino, 49, derzeit in Diensten von Paris Saint-Germain, soll eine Option sein. Bundestrainer Joachim Löw, 61, hingegen nicht mehr: Vor Jahren galt er noch als ein Traumkandidat von Pérez, diese Idee wurde aber mittlerweile verworfen.

Egal ob bei Inter, Juventus oder Real: An einigen von Europas Top-Adressen stehen große Umbauten bevor - und das bei pandemiebedingt dürrer Kassenlage. In Madrid soll bald der bisherige Bayern-Profi David Alaba als Zugang vorgestellt werden, er kommt ablösefrei. Mit weiteren galaktischen Zugängen kann bei Real nicht gerechnet werden, der schon vor dem Schwelbrand alles andere als unfallfreie Umbau des Stadions verschlingt eine Summe im dreistelligen Millionen-Euro-Bereich.

Zudem belasten teure Akteure wie der zuletzt ausgeliehene Waliser Bale oder der Belgier Eden Hazard die Klubkasse. Eine Reihe von Spielern gelten als zu alt und zu satt, durch Verkäufe soll die katastrophale Einnahmelage verbessert werden. Ein wichtige offene Personalie ist überdies Verteidiger Sergio Ramos: Sein Vertrag läuft aus. Und ob er ohne Zidane bleibt, ist mehr als fraglich.

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