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Zielvorgaben für Olympia:Politiker kritisieren überzogene Medaillen-Erwartung

"Wir stehen vor einer Zäsur": Die deutschen Athleten haben in London bislang nicht einmal halb so viele Medaillen gewonnen, wie vom Bundesinnenministerium gewünscht. Wie kommt es zu derart überzogenen Forderungen? Politiker und Funktionäre prangern das Vergabesystem für Fördermittel an. Manche Verbände fühlen sich erpresst.

28 Olympiasiege und insgesamt 86 Medaillen: Die überzogenen Zielsetzungen des Deutschen Olympische Sportbunds (DOSB) für die Sommerspiele in London haben eine Debatte über das Fördersystem im deutschen Sport entgefacht. Das Zählen von Medaillen als wichtige Grundlage für das Verteilen von Förder-Millionen scheint nicht nur vielen Funktionären verfehlt. Auch Politiker kritisieren die Methoden heftig.

Innenminsiter Friedrich mit deutschen Spitzensportlern

Geldgeber mit diskreten Erfolgsansprüchen: Innenminister Friedrich neben nationaler Medaillen-Hoffnung.

(Foto: dapd)

"Wir stehen vor einer Zäsur in Deutschland. Ein 'Weiter so' darf es nicht geben", sagte Stephan Mayer (CSU) am Freitag im Deutschen Haus in London: "Wir können nach den Olympischen Spielen London nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, weil die Erwartungen in Sportarten wie dem Schwimmen deutlich höher waren. Das ist mit null Medaillen nicht zufriedenstellend gelaufen."

Für seinen Kollegen Martin Gerster (SPD) ist sogar vorstellbar, dass eine unabhängige Kommission nach London eine umfassende Bestandsaufnahme in der Spitzenförderung übernehmen könnte, "weil dem DOSB für eine selbstkritische Analyse die Kraft fehlt, um benötigte Umstellungen vorzunehmen".

Forderungen nach mehr Geld erteilte Gerster eine Absage. Der SPD-Politiker kritisierte zudem, dass das Innenministerium zu lange mit der Veröffentlichung der Unterlagen gewartet habe. Der Schritt "hätte bereits in der vergangenen Woche sofort nach dem Beschluss des Verwaltungsgerichts in Berlin erfolgen müssen. Mir scheint die Entscheidung des Innenministeriums und des DOSB jetzt nicht aus voller Überzeugung zu kommen. Der Druck ist wohl zu groß geworden."

Zwangsverpflichtung für Verbände?

Bereits vor der Veröffentlichung war aus den Verbänden Kritik an den Zielvereinbarungen zu hören. Es habe harte Diskussionen statt offener Gespräche gegeben, sagte Frank Hensel, Generalsekretär des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Konkrete Medaillenpläne seien seiner Ansicht nach unrealistisch. "Wir haben die Zielvereinbarung letztlich unterschrieben, damit wir handlungsfähig bleiben. Wir hatten keine andere Wahl", betonte Hensel in einem Zeitungsinterview.

Damit unterstrich er die intern erhobenen Vorwürfe anderer Verbandsfunktionäre, sie hätten sich zu den viel zu optimistischen Zielen teilweise zwangsverpflichtet gefühlt. "Vor allem dann, wenn es darum ging, das Medaillenziel zu definieren. Da sind die hohen Vorgaben des DOSB mit einem etwas größeren Realismus seitens der Sportverbände zusammengeprallt", erklärte Hensel. Zum Vergleich: Das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig hatte für London 54 Medaillen (15-19-20) prognostiziert.

Die betroffenen Fachverbände müssen nun Mittelkürzungen durch das Bundesinnenministerium befürchten. Den Unterlagen zufolge haben von den 23 in London vertretenen Sportarten bisher lediglich Tischtennis und Kanuslalom sowie die Leichtathletik - zumindest nach der Anzahl der Medaillen - das angepeilte Ziel erreicht. Als große Verlierer kehren vor allem die Schwimmer, Fechter und Schützen nach Hause zurück. Im Fußball, Basketball und Handball hatten sich die Deutschen erst gar nicht qualifiziert.

Zielvereinbarung wird umgetauft

DOSB-Präsident Thomas Bach und -Generaldirektor Michael Vesper versuchten am Samstag bei der Abschluss-Pressekonferenz der Olympischen Spiele in London zu beschwichtigen. "Es gab da viele Fehlinterpretationen. Das sollte nie eine Medaillenprognose sein. Es geht bei diesen Vereinbarungen nur darum, jeweils schon vier Jahre vor Olympia das abstrakte Potenzial in den einzelnen Sportarten zu identifizieren", sagte Bach. "Wir werden an dieser Maßnahme festhalten, aber den Namen ändern und künftig von einer Fördervereinbarung sprechen".

Auch Michael Vesper, wie 2008 in Peking Chef de Mission der deutschen Mannschaft, unterstrich: "Das war nie als Prognose zu verstehen oder Medaillenplanwirtschaft, sondern das waren mit jedem einzelnen Fachverband entworfene Einschätzungen." Im Gegensatz zu vielen Verbandsvertretern versicherte der DOSB-Generaldirektor, dieses System der Steuerung erfreue sich nach wie vor großer Zustimmung in den Verbänden. "Bei unserer Tagung der Teamleiter wurde es heute wieder positiv gesehen, und es ist klar, dass wir es beibehalten werden."

Bach ist stolz auf deutsche Athleten

Im Fördersystem gehe es um Geld, aber auch um den effizienten Einsatz der Mittel, erklärte Bach. "Wir haben beim Bundesinnenministerium vor vier Jahren Mehrbedarf angemeldet. Wir brauchen erhöhte Mittel, die Trainerausbildung ist nach wie vor unzureichend. Aber jeder Euro in den Sport ist gut investiert und keine Subvention. Ich freue mich über Statements von Politikern, die Leistung sehen wollen." Damit reagierte er auf Verteidigungsminister Thomas de Maiziere (CDU), der in einem Interview gesagt hatte: "Wenn der Höhepunkt der Saison die Qualifikation für die Olympischen Spiele ist, dann ist vielleicht etwas nicht in Ordnung. Was wir brauchen im Sport und in der Gesellschaft, ist ein Brennen für den Sieg und nicht nur ein 'Dabeisein ist alles'. Für uns müssen bessere Maßstäbe gelten."

Bach zeigte sich mit den Leistungen der Athleten indes zurfrieden. Die deutsche Olympiamannschaft habe in London "alle Erwartungen übertroffen". In seiner Abschlussbewertung sagte Bach: "Niemand hätte gedacht, dass im härtesten Wettbewerb aller Zeiten mehr Medaillen gewonnen werden könnten als in Peking." Besonders das sympathische Auftreten der Mannschaft habe ihm gefallen, "ich kann nur sagen: Ich bin stolz auf diese Olympiamannschaft."

© Süddeutsche.de/dpa/sid/infu/luk
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