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Zeitgeschichte:Ringen im Widerstand

Zur Erinnerung an den Berliner Werner Seelenbinder, der vor 75 Jahren von den Nationalsozialisten ermordet wurde.

Der deutsche Sport gedenkt am 24. Oktober des 75. Todestages Werner Seelenbinders, eines Ringers im griechisch-römischen Stil, eines NS-Widerständlers, eines profilierten Arbeitersportlers. Ein Mitläufer, wie so viele andere, war er nie, und er bezahlte dafür mit dem Leben. Er starb an diesem Tag des Jahres 1944 im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil, den Kopf zur Decke gerichtet. Die Nazijustiz, Adolf Hitlers Volksgerichtshof in Potsdam, hatte Seelenbinder nach zweieinhalb Jahren Haft und Folter wegen seiner politischen Aktivitäten zum Tode verurteilt und ermordet.

Nicht mehr viele wissen im Westen der vereinigten Republik von Werner Seelenbinder. In der DDR wurde er hochverehrt und zum Helden erklärt. Schulen und Sporthallen im Osten tragen noch heute den Namen des Ringers, der einer der ersten Sieger bei der Arbeiterolympiade war, einem Wettbewerb der von Hitler 1933 aufgelösten Deutschen Arbeitersportbewegung. Am 29. Juli 1945 wurde ihm ein Ehrengrab auf dem Gelände des Sportparks Neukölln errichtet; die Trainingsstätte dort hieß jedoch nur kurze Zeit "Werner-Seelenbinder-Kampfbahn". Von 1948/49 an wurde von den Westberliner Ämtern nur noch die Bezeichnung "Stadion Neukölln" verwendet. Es war die Zeit des Kalten Krieges, und ein Kommunist galt im Westen auch posthum noch als verdächtig. Erst 2006 hat der Bezirk das Areal wieder in "Werner-Seelenbinder-Sportpark" umbenannt. Seit 2008, mit großem zeitlichen Abstand, gehört Seelenbinder auch der 'Hall of Fame' des deutschen Sports an.

Schon zu Lebzeiten rankten sich Legenden um den Ringer Seelenbinder. In jungen Jahren fiel er durch seine große Hilfsbereitschaft auf, er teilte das Wenige, über das er verfügte, mit den Bedürftigen. Früh trat er als unbeugsamer Streiter wider die soziale Diskriminierung der Arbeiterschaft hervor und später gegen die Entmündigung durch die Nazidiktatur. Er erregte durch seinen risikoreichen Kampfstil Bewunderung, durch seine unbedingte Fairness und das Eintreten für seine Überzeugungen.

Als 1933 Adolf Hitler durch den Entscheid des Reichspräsidenten Hindenburg die Macht mit Hilfe der Konservativen an sich gerissen hatte, gewann Seelenbinder den ersten seiner sechs deutschen Meistertitel. Am Ende der Titelkämpfe im Halbschwergewicht trat er vor das Publikum, und als die Siegerhymne erklang, hob er auf dem Podest als Einziger nicht den Arm zum Hitlergruß, ein Zeichen seines Protests gegen den neuen Herrscher. Sein Weggefährte Erich Rochler zeigte sich überrascht über die große Tat: "Er wagt es, denen zu zeigen, ich bin nicht für euch." Die Sperre von 16 Monaten und Verhöre durch die Gestapo ertrug Seelenbinder mit Gleichmut.

"Er wagt es, denen zu zeigen, ich bin nicht für euch."

Zu diesem Zeitpunkt gehörte er bereits seit fünf Jahren der Kommunistischen Partei an, die illegalen Hilfs- und Kurierdienste brachten ihn wiederholt in Schwierigkeiten. Auf die Olympischen Spiele in Berlin 1936 durfte er sich als nationaler Meister und Medaillenanwärter vorbereiten - das Regime brauchte ihn damals noch. Doch es reichte nur zu einem vierten Platz, weil er nach dem Punktsystem zweimal siegte, aber auch zweimal unterlegen war. Vielleicht hatte seine Form gelitten durch die schwere Arbeit; er hatte eine Stelle als Schweißer angetreten. Vielleicht übertrieb er auch die Risiken und erhöhte so den Druck auf sich selbst: Im Freundeskreis hatte Seelenbinder vor den Spielen durchblicken lassen, er wolle Hitler auf dem Siegerpodest die Faust zeigen und ein paar sehr deutliche Worte ins Mikrofon sprechen.

Er belegte danach noch bei den Europameisterschaften 1937 und 1938 den dritten Platz und zog sich langsam aus dem Wettkampfgeschehen zurück.

Seelenbinder, geboren am 2. August 1904 in Stettin, aufgewachsen in Berlin, lernte früh die schweren Seiten des Lebens kennen. Die Eltern unterhielten eine kleine Kolonialwarenhandlung. Die Mutter starb früh, der Vater musste 1916 in den Krieg und das Geschäft aufgeben, Werner im Alter von zwölf Jahren mit der Großmutter die Familie durchbringen. An eine Lehre war nicht zu denken. Er verdingte sich als Page, Transportarbeiter, Hausdiener, Hilfstischler. Als die Weltwirtschaftskrise 1929 bis 1935 über das Land hereinbrach, teilte er mit Millionen das Schicksal der Arbeitslosigkeit.

Es war der Sport, der ihm Freude und Selbstgewissheit verlieh. 1917 trat er dem Arbeiter-Sportklub Eiche bei und erlernte neben dem Gewichtheben das Ringen im griechisch-römischen Stil, später wechselte er zum SC Berolina 03 Neukölln. Von 1918 bis 1932 gewann er zahlreiche Berliner Titel. 1928 trat er bei der ersten internationalen Spartakiade in Moskau an: Mit ungewöhnlichen Griffen und Schwüngen feierte er Triumphe.

Die Erfahrungen in der Sowjetunion bewogen ihn, der KPD beizutreten. Er nutzte die zahlreichen Auslandsreisen zu Kurierdiensten und agierte als Verbindungsmann. 1939 wirkte er in einer Widerstandsgruppe um Robert Uhrig. 1942 im Februar flog seine Gruppe auf. Nach der Verhaftung kam er in etliche Gefängnisse und Straflager und wurde gefoltert von Justiz-Schergen. Als das Naziregime nach dem missglückten Attentat auf Hitler 1944 die Urteile an den Gegnern vollstreckte, wurde auch Seelenbinder ermordet. Drei Gnadengesuche schmetterte eine gnadenlose Parteijustiz ab.

Stephan Hermlin, einer der renommiertesten Schriftsteller der DDR, berichtete später, dass ihm einer der Mithäftlinge erzählt habe, Seelenbinder habe trotz der täglichen schweren Schläge im Zuchthaus Brandenburg seelenruhig am Fenster seiner Zelle gestanden. Er habe sich von ihnen und von seinem Vater verabschiedet, den Freunden "seinen nahen Tod ansagend, so aufrecht und lebensstark, wie er an den Tagen seiner Siege im Ring gestanden hatte". Werner Seelenbinder wog nur noch 60 Kilogramm anstatt der einstigen gut 90 Kilogramm, berichtete sein Bruder Erich Seelenbinder, den der Autor dieses Textes vor vielen Jahren in Friedrichsfelde in Berlin besuchte. Erich Seelenbinder, damals 88 Jahre alt, erzählte anhand von vergilbten Zeitungsausschnitten und brüchigen Fotos, die er aus einer Mappe zog, vom kurzen Leben seines bescheidenen, aufrechten und unbeugsamen Bruders.

Die Erinnerung an Werner Seelenbinder wach zu halten, auch das ist eine Aufgabe für den deutschen Sport in Zeiten, in denen sich der von den Nazis gezüchtete Hass wieder regt. Thomas Mann, das als Mahnung, hatte schon 1949 vor der "baldigen Renazifizierung" der Bundesrepublik gewarnt.