Süddeutsche Zeitung

Mehrkampf:In 21 Tagen um die Welt

Lesezeit: 3 min

Den Mehrkämpfern Niklas Kaul und Carolin Schäfer stehen mehrere Wettkämpfe binnen weniger Wochen bevor - entsprechend akribisch wird geplant.

Von Ulrich Hartmann, Ratingen

Der Zehnkämpfer Niklas Kaul muss in einem Wettkampf binnen ungefähr 30 Stunden vier Mal rennen, Kugel, Diskus und Speer schleudern sowie ein Mal weit und zwei Mal hoch springen, mit und ohne Stab. Das ist ganz schön anstrengend. Richtig stressig wird es, wenn Kaul wie in diesem Sommer zwei schwerwiegende Zehnkämpfe binnen dreieinhalb Wochen absolvieren muss, an der US-Westküste und in München. Unter dem Eindruck zweier Langstreckenflüge um die halbe Welt lauten die elfte und die zwölfte Disziplin in diesem Jahr: Schlaf und Erholung.

Nachdem die Corona-Pandemie halbwegs überstanden ist, knubbeln sich die Ereignisse. Die Zehnkämpfer starten binnen 25 Tagen erst bei der Weltmeisterschaft am 23. und 24. Juli in Eugene und kurz darauf bei der Europameisterschaft am 15. und 16. August im Münchner Olympiastadion. Dazwischen liegen 21 Tage, 8850 Kilometer und neun Stunden Zeitunterschied. "Im Normalfall", sagt Kaul, "hat man zweieinhalb Wochen nach einem Zehnkampf das Gefühl, wieder bei hundert Prozent zu sein." Aber auf den Normalfall darf sich ein Zehnkämpfer nie verlassen, schon gar nicht, wenn der geschlauchte Körper auch noch Jetlags verarbeiten muss.

Jetlag-Experten empfehlen: beim Flug wachbleiben, reichlich trinken und erst nach 21 Uhr ins Bett!

"Ich hätte mir gewünscht, dass wir zwischen den Wettkämpfen mehr Zeit haben", sagt Kaul. Der Mehrkampf-Bundestrainer Frank Müller weiß, warum das leider nicht so ist: "Bei der Leichtathletik-WM in Eugene wollen sie den Zehnkampf als Highlight am Ende, bei der Leichtathletik-EM in München gleich am Anfang als Stimmungsmacher." Allen muss es der Weltmeister Kaul, 24, recht machen. Damit das nicht auf Kosten seiner Leistung geht, recherchiert Müller derzeit bei Schlaf- und Regenerations-Wissenschaftlern.

Zwei Wochen vor der WM fliegt die Mehrkampf-Mannschaft gen Westen. Aufgabe: Schlaf- und Essenszeiten schon vorher sukzessive anpassen, während des Flugs wach bleiben, viel trinken, nach der Landung nicht gleich hinlegen, sondern sich bewegen und erst gegen 21 Uhr ins Bett gehen. Der Rückflug wird noch problematischer, weil die Athleten einen WM-Wettkampf in den Knochen haben und weil lange Flüge gen Osten durch Dunkelheit und gefühlten Zeitverlust anstrengender sind. Faustformel: Für jede Stunde Zeitverschiebung benötigt man einen Tag Erholung. Das wird herausfordernd für den Zehnkampf-Shootingstar Kaul.

Bei der EM 2018 in Berlin hat er mit 20 Jahren als Vierter sein internationales Debüt im Männerbereich gefeiert. 2019 in Doha ist er mit 21 Jahren jüngster Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte geworden. Seither gab es wegen Corona keine EM und keine WM mehr und bei Olympia 2021 in Tokio musste Kaul nach dem ersten Tag mit einem gequetschten Sprunggelenk aufgeben. Im Rollstuhl haben sie ihn aus dem Stadion geschoben. Jetzt feiern alle drei gemeinsam ihr Comeback: Kaul, die WM und die EM.

Kaul und Schäfer haben hartnäckige Beschwerden überwunden - der erste Formtest ist am Wochenende in Ratingen

Dass eine globale WM bedeutsamer ist als eine kontinentale EM, ist eigentlich klar, aber Kaul weiß seit der EM 2018 in Berlin: "Vor Heimpublikum ist es emotionaler." Berlin sei sein "schönster Wettkampf jemals" gewesen, sagt er, und dabei darf man eben nicht vergessen, dass er ein Jahr später in Doha Weltmeister geworden ist. "Bei der WM in den USA will ich natürlich auch einen super Wettkampf abliefern", sagt Kaul, "aber mein Highlight ist München."

Der Siebenkämpferin Carolin Schäfer geht es ähnlich. "Seit Berlin 2018 weiß ich, wie es ist, mit Standing Ovations von 60000 ins Ziel zu kommen", sagt die 30-Jährige. Damals gewann sie Bronze. Der bislang größte Erfolg ihrer Laufbahn war WM-Silber 2017 in London. Bei Olympia in Tokio im vergangenen Jahr wurde sie Siebte, nachdem sie sich in den Monaten zuvor mit impfbedingter Müdigkeit geplagt hatte. Ihre Beschwerden sind jetzt genauso überwunden wie Kauls Verletzung. Und so gehen am Wochenende beide mit großen Erwartungen ins 25. Mehrkampf-Meeting in Ratingen bei Düsseldorf. Dort gilt es die Normen zu knacken. "Ratingen", sagt Kaul, "spielt dieses Jahr eine besondere Rolle."

Die Polizistin Schäfer hat bei Olympia in Tokio (6419 Punkte) die WM-Norm für Eugene (6420) um einen Punkt verpasst. Sollte sie diese in Ratingen erneut versäumen, könnte sie auf eine aussichtsreiche Platzierung im World Ranking hoffen - oder zur Sicherheit noch den Siebenkampf im österreichischen Götzis (28./29. Mai) absolvieren. "Aber vier Siebenkämpfe in einer Saison - das wäre der Worst Case", sagt sie. Die EM-Norm für München (6250) hat sie seit Tokio sicher.

Der Lehramts-Student Kaul hat als amtierender Weltmeister eine Wildcard für die WM in den USA in Aussicht. Die EM-Norm für München (8100 Punkte) hat er bereits im vergangenen Mai in Götzis (8263) geknackt. Vor zwölf Monaten. Es war sein bis heute letzter vollständiger Zehnkampf. Jetzt stehen ihm drei binnen vier Monaten bevor.

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