Zehnkämpfer Rico Freimuth:"Ich hatte einfach Bock auf andere Sachen"

Zehnkämpfer Rico Freimuth: Ziel Olympiamedaille: Rico Freimuth.

Ziel Olympiamedaille: Rico Freimuth.

(Foto: Martin Meissner/AP)
  • Zehnkämpfer Rico Freimuth verzichtete wegen "mentaler Müdigkeit" auf die EM in Berlin.
  • Er spielte Verbandsligafußball in Amsdorf - und fand dadurch eine neue Motivation.
  • Zwei oder drei Jahre will er nun noch mit der Leichtathletik weitermachen, damit er sein letztes großes Ziel erreichen kann.

Von Saskia Aleythe

Über den FC Bayern will Rico Freimuth jetzt nicht mehr reden, und das ist schon eine gute Nachricht. Gut, das war vor zwei Monaten auch nur ein Scherz gewesen, als er der Mitteldeutschen Zeitung in Amsdorf in Sachsen-Anhalt in die Mikrofone sprach, für ein Angebot des FC Bayern würde er vielleicht noch länger Fußballer sein. Aber es hatte doch schon für einigen Wirbel gesorgt, wie aus dem Zehnkämpfer Freimuth, dekoriert mit WM-Medaillen, auf einmal ein Fußballer wurde. Wie er beim Verbandsligisten Romonta Amsdorf plötzlich Laufwege studierte statt bei der EM in Berlin um Medaillen zu kämpfen. Heute sagt Freimuth: "Ich will jetzt gerne wieder Zehnkämpfer sein." Und: "Es geht mir blendend."

Die Seele kann sich nicht aussuchen, was sie belastet, und manchmal kommt der Schmerz im ungünstigsten Moment. Freimuth erwischte es Ende Mai beim Mehrkampfmeeting in Götzis, mitten im Wettkampf, auf Rang drei liegend. Da streikte plötzlich nicht der Körper, der Zehnkämpfern an diversen Stellen die Grenzen aufzeigen kann - sondern der Kopf. "Mentale Müdigkeit" nannte es der 30-Jährige selber. Vor dem Stabhochsprung packte er seine Sachen ein und sagte: "Ich habe keinen Spaß mehr." Bei einem, der seine Muskeln jeden Tag beansprucht, um für die wenigen Wettkämpfe im Jahr in Form zu sein, klang das alarmierend. Noch dazu, wenn eine EM im eigenen Land bevorsteht. Heute weiß Freimuth: Diese EM war genau sein Problem.

Sein nächstes Trainingslager hat Freimuth schon geplant

Sich in vorgefertigten Mustern zu bewegen, ist nicht die Sache von Freimuth, der sich und die Umwelt um sich herum viel hinterfragt. Klar, so eine EM kann der Höhepunkt einer Saison sein. Für andere. Aber für ihn? 2017 bei der WM in London hatte er Silber gewonnen, 2015 in Peking Bronze. In den Wochen nach seinem Saison-Abbruch in Götzis hat er sich viele Gedanken gemacht, "ob ich gar kein Ziel mehr habe, dann hätte ich meine Karriere beenden müssen. Aber das war nicht der Fall." Das Ziel ist die Olympia-Medaille 2020 in Tokio, "darauf richte ich alles aus. Ich habe ziemlich schnell gemerkt, dass die EM für mich einfach keinen Reiz hatte". Sponsoren hören so was nicht gerne, aber was soll man machen, wenn der Spaß fehlt, sich zu quälen? Geldgeber hat er in seiner Auszeit nicht verloren, aber durchaus auf Geld verzichtet. "Ich hatte einfach Bock auf andere Sachen", sagt Freimuth. Und da kam die Sache mit dem Fußball ins Spiel.

Er kannte zwei Spieler und den Trainer, der sich über die Sprinterqualitäten des neuen Stürmers nicht beschweren konnte. In ein paar Testspielen machte Freimuth mit, ein Tor in der Liga hat er auch geschossen: zwei Minuten nach seiner Einwechslung. "Das war ein ziemliches Glücksgefühl." Das Glück muss man manchmal auf unbetretenen Pfaden wieder entdecken. Bis zur Winterpause wollte Freimuth Kicker sein, eine Blessur an der Hüfte beendete die Schnupperkarriere nun vorzeitig, er will kein Risiko eingehen, jetzt wo er wieder neue Motivation gefunden hat für den Zehnkampf, weil ihm die Priorität Olympiamedaille bewusst geworden ist. Ein Trainingslager für Oktober hat Freimuth schon geplant.

Zwei oder drei Jahre will er noch Sportler sein

Dass die EM im Rahmen der ersten European Championships ein ziemlicher Erfolg wurde, hat auch Freimuth mitbekommen, er war selber ja in Berlin, zum Zuschauen und auf ein paar Terminen. "Ich hatte überhaupt keinen Herzschmerz, das hat mich selber gewundert", sagt er, womit dann auch recht schnell klar war, dass seine Entscheidung zum Pausieren die richtige war. Arthur Abele wurde schließlich Europameister, "das hat er absolut verdient", sagt Freimuth, doch für ihn steht auch fest: "WM oder Olympia haben vom Teilnehmerfeld noch mal ein ganz anderes Niveau." Weltmeister Kevin Mayer aus Frankreich scheiterte in Berlin überraschend mit drei ungültigen Versuchen im Weitsprung, für Freimuth fehlte auch Konkurrenz wie Kai Kazmirek, der 2017 in London Bronze gewonnen hatte. "Im Zehnkampf gibst du so viel, emotional, mental, körperlich", sagt Freimuth. Für die EM konnte er das nicht, dann hieß es also: Körper und Kopf schonen für die größeren Ziele. Und: auch mal Zeit haben für andere Sachen.

Ins Kino gehen zum Beispiel. Oder am eigenen Haus zu werkeln, "ich konnte viel buddeln und bauen", die Garage hat er zu einem Fitnessraum umgebaut. "Da hängt jetzt ein Boxsack in der Wand, an der man Übungen machen kann, ich habe Schaumstoffplatten angebracht und Judomatten ausgelegt." Aufgaben haben - Freimuth braucht das, auch wenn es mal nicht um den nächsten Wettkampf geht. "Manchmal war ich auch genervt, wenn ich hier gelegen habe und nicht wusste, was ich machen soll." Wofür ihm dann aber immer noch das Studium blieb, Wirtschaftswissenschaften. "Das Studium war mir immer sehr wichtig", sagt er, "ich bin 30 Jahre alt und habe noch nie richtig gearbeitet, das ist ja nicht das reale Leben. Es ist mir wichtig, darauf vorbereitet zu sein, keine Angst haben zu müssen, dass ich nach dem Sport hinten runterfalle."

Zwei oder drei Jahre will Rico Freimuth noch Sportler sein. Über seine Pause sagt er: "Ich hoffe, dass ich mit dem Schritt zurück neuen Anlauf nehmen konnte für Olympia." Das letzte große Ziel, das ihn noch reizt.

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