Zehnkämpfer Niklas Kaul:Der Rucksack wird schwerer

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Zehnkämpfer Niklas Kaul: "Ich werde in ein paar Tagen wieder trainieren können, aber es ist super ärgerlich": Niklas Kaul.

"Ich werde in ein paar Tagen wieder trainieren können, aber es ist super ärgerlich": Niklas Kaul.

(Foto: Michael Kappeler/dpa)

Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul scheitert auch in Ratingen damit, an seinen Erfolg anzuknüpfen - ein Nerv ist eingeklemmt. Um bei der WM in den USA sicher dabei zu sein, will er zuvor auch in Götzis antreten.

Von Ulrich Hartmann

Am Sonntagmittag stand der Zehnkampf-Weltmeister Niklas Kaul neben der Stabhochsprung-Anlage des Stadions in Ratingen bei Düsseldorf. In der drittletzten Disziplin wurde es langsam ernst für die Gesamtwertung. Doch der 24-Jährige hielt gar keinen Stab in den Händen, ja, nicht einmal Sportkleidung trug er.

Vor einem Jahr hatte er seinen bis heute letzten Zehnkampf absolviert

Kaul, der beim traditionsreichen Mehrkampf-Meeting die Norm sowohl für die Weltmeisterschaft im Juli in den USA als auch für die EM im August in München knacken wollte, hatte den Zehnkampf am Vorabend wegen eines eingeklemmten Nervs im Nacken abgebrochen. Was jetzt aus seinem Start bei den beiden wichtigen Wettkämpfen wird? Nun, für die WM (Norm 8350 Punkte) bekäme er als Titelverteidiger über seinen Verband notfalls eine Wildcard, und für die EM (Norm: 8100) könnte er jene 8263 Punkten heranziehen, die er vor einem Jahr in Götzis/Österreich geschafft hat - aber die reichen ihm nur dann, wenn in diesem Jahr nicht drei deutsche Zehnkämpfer mit mindestens 8100 Punkten besser sind als er.

Weil das viele Unwägbarkeiten sind und weil Kaul unbedingt einen vollständigen Wettbewerb benötigt, hat er sich entschieden, entgegen seiner ursprünglichen Saisonplanung Ende Mai in Götzis anzutreten. "Der Niklas braucht vor allem mal wieder ein Erfolgserlebnis", sagt der Mehrkampf-Bundestrainer Frank Müller. "Er braucht mal wieder einen kompletten Zehnkampf."

Seit Kaul am 3. Oktober 2019 mit 21 Jahren in Doha jüngster Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte geworden war, ist nicht mehr viel zusammengegangen. Das liegt an Corona ebenso wie an seinem Körper. Nachdem die Saison 2020 abgesagt war, ließ er eine erforderliche Ellbogen-Operation erledigen. Im Mai 2021 absolvierte er in Götzis seinen bis heute letzten vollständigen Zehnkampf. Seither hat er sich drei Mal an einem kompletten Zehnkampf versucht - und musste drei Mal abbrechen: 1) im Juni 2021 in Ratingen, wo er nach acht Disziplinen vorsorglich aufhörte, um Olympia nicht zu gefährden; 2) im August 2021 in Tokio, wo er sich beim Hochsprung eine Sprunggelenksquetschung zuzog und im Rollstuhl aus dem Stadion gefahren werden musste, und 3) am Samstag in Ratingen, wo er sich im 100-Meter-Sprint zum Auftakt einen Nerv am Hals einklemmte und beim Hochsprung schmerzhaft spürte, dass es keinen Sinn mehr hat. Im 400-Meter-Lauf brach er direkt ab. Er hatte womöglich die Befürchtung, sonst die Saison zu gefährden.

Kauls größter Wunsch: "Ich möchte einfach mal wieder frei Sport machen und Spaß dabei haben."

Kauls verletzungsbedingte Leistungen am Samstag entbehrten jeder Grundlage: 11,42 Sekunden über die 100 Meter (25 Hundertstel langsamer als seine Bestleistung), 7,03 Meter weit (33 Zentimeter weniger als Bestleistung), 13,73 Meter mit der Kugel (1,46 Meter weniger) und 1,95 Meter hoch (16 Zentimeter weniger). "Es hat keinen Sinn mehr gemacht", entschuldigte er sich am Sonntag über die Stadionlautsprecher bei den enttäuschten etwa 2000 Zuschauern. Sie hätten den Weltmeister so gern weitermachen sehen. "Den Wettkampf fortzusetzen wäre aber unverantwortlich gewesen", erklärte Mehrkampf-Bundestrainer Müller.

Chef-Bundestrainerin Annett Stein sieht Kaul nun an einem wichtigen Punkt seiner Karriere angekommen. "Jetzt wird sich zeigen, ob er den Rucksack abwerfen kann", sagt sie über die Bürde jenes WM-Titels, bei dem Kaul vor zweieinhalb Jahren mit der persönlichen Bestleistung von 8691 und erst 21 Jahren sensationell triumphiert hatte. Kaul selbst möchte aus seinem Dilemma jedoch mit einem viel simpleren Ansatz herausfinden: "Ich möchte einfach mal wieder frei Sport machen und Spaß dabei haben", sagte er am Sonntag. Gemeinsam mit dem in Ratingen ebenfalls ausgestiegenen Titelverteidiger Kai Kazmirek probiert er das nun in drei Wochen in Götzis.

Den Zehnkampf gewann der Schweizer Simon Ehammer mit 8354 Punkten. Auf Platz zwei erfüllte der Ulmer Tim Nowak mit 8160 Punkten als einziger Deutscher die EM-Norm. Den Siebenkampf gewann die Leverkusenerin Sophie Weißenberg mit 6273 Punkten vor der Frankfurterin Carolin Schäfer mit 6170 Punkten. Beide dürfen zumindest bei der EM in München starten.

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