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Würzburger Kickers:Unliebsame Überraschungen

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Plötzlich auf Vereinssuche: Niclas Staudt (links, hier noch im U19-Pokal gegen Nürnbergs Jonas Scholz) hatte zwar einen Vertrag bei den Kickers, aber keine Mannschaft mehr – für die A-Junioren ist er mittlerweile zu alt.

(Foto: Volker Danzer/imago)

Dass der Drittligist seine U23-Mannschaft erst nach Saisonende abgemeldet hat, verärgert den Verband und die Spieler. Der Schritt sorgt intern für Kontroversen.

An Spieltagen richtet sich Jochen Seuling immer auf der Pressetribüne ein. Mittlere Reihe außen, die Blindenreporter vor ihm, die Zeitungsjournalisten neben ihm, die Radioreporter hinter ihm. Von da lässt sich das gesamte Spielfeld überblicken; und weil sowieso nicht allzu viele Journalisten vorbeischauen, wenn die Würzburger Kickers in der dritten Liga 0:0 gegen Großaspach oder 0:2 gegen Zwickau spielen, bleibt für Seuling ein nettes Plätzchen mit guter Sicht.

Jochen Seuling leitet das Nachwuchsleistungszentrum der Kickers. Er wird manchmal als Pep bezeichnet - nicht nur, weil er dieselbe Frisur wie Guardiola ausführt. Seuling ist ein versierter Trainer und ein höchst geschätzter Mitarbeiter bei den Kickers, allerdings ist er eben auch einer, von der die Öffentlichkeit selten Notiz nimmt.

"Kein Kommentar", sagt Trainer Rainer Zietsch - wissend, dass das auch ein Kommentar ist

Mittlerweile hat sich in der Stadt auch bis zum Letzten rumgesprochen, dass es nicht mehr Bernd Hollerbach ist, der die Würzburger trainiert. Die Leute wissen, dass inzwischen Michael Schiele die Richtung vorgibt. Schiele, sagen sie dann, das ist doch der, der immer so herrlich ungeniert Schwäbisch schwätzt und ganz nebenbei sogar ein bisschen Ahnung vom Fußball hat. Auch Daniel Sauer, der den ganzen Laden führt, ist den Leuten längst ein Begriff. Aber Seuling? Von dem haben sie dann doch eher selten gehört.

Dieser Tage ist allerdings auch Seuling ein gefragter Mann. Auch er wird jetzt um Interviews gebeten, und das hat mit jenem Schritt zu tun, den Würzburg bereits in der vergangenen Woche publik gemacht hat, der aber nach wie vor hohe Wellen schlägt: Die Kickers haben ihre zweite Mannschaft aus dem Spielbetrieb der Bayernliga zurückgezogen - als die Saison längst Geschichte war. Es ist nicht der Rückzug der U23 selbst, der verwundert und weit über Würzburg hinaus Kritik hervorruft - es ist der Zeitpunkt.

Da es den Kickers über Jahre hinweg nicht gelungen ist, einen U23-Spieler für Schieles Mannschaft aufzubauen, ist die Entscheidung aus sportlicher Sicht verständlich. Aber auch Seuling räumt ein: "Keiner stellt in Frage, dass der Zeitpunkt unglücklich ist. Aber es hat sich erst jetzt so ergeben." Er meint: Erst jetzt hätten die Kickers eine Kooperation mit dem TSV Aubstadt fixiert, einem Aufsteiger in die Regionalliga, an den Würzburg in Zukunft immer wieder Talente verleihen will, um diese an den Männerfußball heranzuführen. Dessen Abteilungsleiter Günter Schirling erklärt allerdings, der TSV sei erst "zwei Tage vor der Abmeldung involviert" gewesen: "Unsere Kaderplanung ist abgeschlossen. Die Details, wann genau die Kooperation beginnt, müssen sowieso erst noch geklärt werden." Man dürfe, was diese Kooperation angeht, ohnehin "keinem etwas vormachen", sagt Seuling, "auch der Schritt zur Regionalliga ist groß, auch das werden nur die richtig Guten schaffen." Er glaubt aber: Die Regionalliga ist für junge Spieler eine geeignetere Zwischenstation als eine Bayernliga-U23.

Seuling bietet Auflösungsverträge an und will den Spielern bei der Suche nach neuen Klubs helfen

Das sehen allerdings nicht alle so. Nicht mal innerhalb des Vereins. Bittet man etwa Rainer Zietsch, den bisherigen Trainer der Würzburger Reserve, um eine Stellungnahme, so grätscht er ebenso entschieden dazwischen wie früher auf dem Platz. Zietsch, ein ehemaliger Bundesligaspieler, der mit seinen Gegenspielern ebenso unnachsichtig umgegangen ist wie Hollerbach, hatte bereits einen Kader für die nächste Saison zusammengestellt. Spieler wie Niclas Staudt und Dominik Meisel, beide in der U19 vom 1. FC Nürnberg nach Würzburg gewechselt, sind nun vereinslos. Als Zietsch sich zum plötzlichen Aus für seine Mannschaft äußern soll, beißt er sich selbst auf die Zunge und sagt nur: "Kein Kommentar" - wohlwissend, wann kein Kommentar auch ein Kommentar ist.

Andere machen aus ihrer Verärgerung keinen Hehl. Etwa Vereine, die aus der Bayernliga abgestiegen sind oder eine zehrende Relegation spielen mussten, die ihnen bei einem früheren Rückzug der Kickers erspart geblieben wäre. Oder der Bayerische Fußballverband, der nun eine Nordstaffel mit ungerader Mannschaftszahl bilden musste und in die Würzburger Pläne ebenso wenig eingeweiht war wie einige Spieler aus dem eigenen Haus, die einen Vertrag für die nächste Saison unterschrieben hatten. Seuling aber sagt: "Wir haben keinen Spieler im Regen stehen lassen." Vielmehr habe man ihnen "Auflösungsverträge angeboten und ihnen versichert, dass wir behilflich sind bei der Suche nach einem neuen Verein. Das haben die meisten auch angenommen." Sie sollen, so lautet der Plan, bei anderen ambitionierten Klubs unterkommen.

Ihr bisheriger Trainer Zietsch hingegen bleibt bei den Kickers. Er wird in der kommenden Saison zu Schieles Trainerteam in der dritten Liga zählen und nicht mehr vor 80 Zuschauern an der Seitenlinie stehen, sondern vor tausenden. Und oben auf der Tribüne sitzt auch dann wieder Seuling - mit bestem Blick.