Würzburger KickersÜber Kreuz

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„Es geht für alle Beteiligten darum, eigene Interessen im Sinne des Klubs zurückzustellen“: Trainer Martin Lanig.
„Es geht für alle Beteiligten darum, eigene Interessen im Sinne des Klubs zurückzustellen“: Trainer Martin Lanig.
Frank Scheuring/Imago

Entzweiungen, gegenseitige Vorwürfe und Funkstille: Bei Regionalligist Würzburg ist das Klima vergiftet. Es ist ein Rückfall in alte Zeiten, in denen der Klub tief fiel.

Von Sebastian Leisgang

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Es mag schon sein, dass diese Erzählung mittlerweile aus der Zeit gefallen ist: elf Freunde, die gemeinsam einen Fußballplatz betreten, Seite an Seite kämpfen, füreinander einstehen und so lange laufen, wie ihre Beine sie tragen. Es ist die gute, alte Einer-für-alle-und-alle-für-einen-Geschichte, die kaum noch Platz findet im rigorosen, auf Höchstleistung und Profit getrimmten Geschäftsbetrieb, zu dem der Fußball längst geworden ist. Aber damals, vor ziemlich genau fünf Jahren, gab es für eine solche Erzählung noch eine Nische, ein Schlupfloch im Fußball-Hinterland.

In der ersten Hälfte des Pandemie-Jahres 2020 überflügelten die Würzburger Kickers große Traditionsvereine wie den 1. FC Kaiserslautern, den TSV 1860 München und Hansa Rostock. Sie stiegen in die zweite Liga auf und schafften damit als Provinzklub den Aufstand in einer Zeit, in der alle Abstand halten mussten. Doch mittlerweile hat sich die Würzburger Geschichte längst umgekehrt.

Ein Abend in dieser Woche, Martin Lanig stockt. „Wie soll ich das sagen?“, fragt der Trainer der Kickers, wenn man ihn bittet, die Lage des Regionalligisten zu beschreiben, der in der vergangenen Saison in den Aufstiegsspielen zur dritten Liga gescheitert ist und nun eine verkorkste Saison erlebt. Es ist zu spüren, wie sehr Lanig, 40, darauf bedacht ist, die richtigen Worte zu finden. Doch in diesen Tagen ist das gar nicht so leicht. „Es geht für alle Beteiligten darum, eigene Interessen im Sinne des Klubs zurückzustellen, den angestoßenen Prozess voranzutreiben und sich zu dem gemeinsam beschlossenen Weg zu committen“, sagt der frühere Bundesligaspieler. Mehr will er öffentlich nicht sagen. Schließlich braucht es Ruhe, um die restliche Saison als Vorbereitung für die neue zu nutzen und sich schon jetzt für den nächsten Anlauf Richtung Drittklassigkeit in Stellung bringen zu können.

Nur: Derzeit ist es mit dem Commitment so eine Sache. Die Kickers liefern mal wieder den Stoff für eine Geschichte, die eher mit einer Einer-gegen-alle-und-alle-gegen-einen-Erzählung zu tun hat als mit elf Freunden.

Bei den Verantwortlichen gebe es Zerwürfnisse, ist zu hören. Das Klima am Dallenberg sei „vergiftet“, im Führungszirkel verfolge jeder „seine eigene Agenda“, um sich am Ende, wenn abgerechnet wird, bestmöglich aus der Affäre ziehen zu können.

Lanig stammt aus Königshofen, nur ein paar Einwürfe entfernt von Bad Mergentheim, wo der Hauptsponsor seinen Sitz hat

Die Kickers, hoch gehandelt und auch selbst hoch ambitioniert, stehen nur auf Platz sechs der Regionalliga – hinter mehreren Klubs, die bloß Feierabendfußballer in ihren Reihen haben. Bei zwölf Punkten Rückstand auf Tabellenführer FC Schweinfurt 05 und nur noch acht ausstehenden Spielen ist klar, dass die Würzburger in der nächsten Saison einen vierten Anlauf für den Aufstieg nehmen müssen. Die Frage ist bloß: Sind sie dazu überhaupt bereit?

Lanig sitzt seit Ende September auf der Trainerbank. Schon vor der Saison führten die Kickers mit ihm Gespräche, doch dann entschied sich Sportdirektor Sebastian Neumann, gebürtiger Berliner, für Markus Zschiesche, einen gebürtigen Berliner. Nach nur sieben Regionalliga-Spielen war die Trennung dann unumgänglich – und Lanig, zuvor höchstens Neumanns zweite Wahl, kam doch an den Dallenberg.

Jetzt genügt schon ein Blick auf die Vereinsstrukturen, um zu erahnen, wer wem zugetan ist und wer mit wem über Kreuz liegen dürfte. Lanig stammt aus Königshofen, das nur ein paar Einwürfe entfernt ist von Bad Mergentheim, wo der Hauptsponsor der Kickers seinen Sitz hat. Dass auch der Ausrüster von hier kommt, legt zumindest nahe, dass es eher nicht Neumann gewesen sein dürfte, der bei der Suche nach einem Zschiesche-Nachfolger als Lanigs größter Fürsprecher auftrat.

Inzwischen sollen die beiden kaum noch miteinander sprechen. Ein Rückfall in alte Zeiten, die den Klub beinahe ins Bodenlose stürzen ließen. Schon damals, als Zweitligist, verloren die Kickers aus den Augen, was sie zuvor ausgezeichnet hatte: Kräfte zu bündeln, ein Rädchen ins andere greifen zu lassen und schließlich über sich hinauszuwachsen. Oder um es anders auszudrücken: elf Freunde zu sein und füreinander einzustehen.

Auf Geheiß des damaligen Geldgebers Thorsten Fischer und seines Beraters Felix Magath kamen seinerzeit zig Spieler nach Würzburg, die ihren Zenit längst überschritten hatten. Es kam zu Dissonanzen, Überwerfungen und öffentlichen Bloßstellungen, der Klub wurde zum Gespött, und der damalige Sportvorstand Sebastian Schuppan musste Trainer Michael Schiele gegen seinen Willen entlassen, weil es ihm die Klub-Oberen aufgetragen hatten. Es war der Anfang vom Ende.

Nicht wenige sagen, dass sich die Kickers bis heute nicht vollständig davon erholt haben, welch großes Chaos damals um sich griff. Würzburg wurde aus der zweiten in die vierte Liga durchgereicht, es war ein Absturz sondergleichen, der auch die Frage aufwarf, wie lange in Würzburg überhaupt noch Profifußball gespielt werden kann.

In der Regionalliga schienen die Kickers zwar wieder auf die Beine zu kommen, unter Trainer Marco Wildersinn erzeugte die Mannschaft Aufbruchstimmung – in den Aufstiegsspielen vor zehn Monaten scheiterte sie aber an Hannover II. Dann misslang der Wiederaufbau von Neumann und Zschiesche, bevor auch die erhoffte Aufholjagd unter Lanig ausblieb. Und jetzt, im Frühjahr 2025, gegen Ende der dritten Regionalliga-Saison am Stück, dreht sich alles um nicht weniger als die Frage: Wie geht es in Würzburg eigentlich weiter?

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