Würzburger Kickers:Mehr Abstieg als Kampf

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v.li.: Ryan-Segon Adigo (FC Würzburger Kickers), Niko Kijewski (Eintracht Braunschweig), 30.11.2021, Würzburg (Deutschl

Chancenlos: Ryan Adigo (links) und der FC Würzburger Kickers konnten sich gegen Brauschweig mit Niko Kijewski nicht durchsetzen.

(Foto: Frank Scheuring/foto2press/imago)

Nach dem 0:2 gegen Braunschweig fällt der Tabellen-Vorletzte vernichtende Urteile. Trainer Schwarz meint: "Ich hoffe, die Mannschaft ist selbst erschrocken."

Von Sebastian Leisgang

Nach allem, was man weiß, hat sich Danny Schwarz am Mittwoch keine Zeit genommen, um einen Brief aufzusetzen. Es hätte zwar durchaus Anlass gegeben, sich mit einem Schreiben an den Deutschen Fußball-Bund zu wenden und zu beantragen, dass er, Schwarz, in Zukunft elf Mal pro Spiel wechseln darf - vermutlich hat der Trainer der Würzburger Kickers aber alleine deshalb darauf verzichtet, weil die Aussicht auf Erfolg ungefähr genauso dürftig gewesen wäre wie die Leistung seiner Mannschaft am Dienstagabend.

Da verlor Würzburg 0:2 gegen Eintracht Braunschweig und spielte derart schlecht, dass Schwarz später sagte, er hätte "schon nach 20 Minuten die halbe Mannschaft auswechseln" können. Was er nicht sagte: warum er die halbe Mannschaft nicht ausgewechselt hatte - seit Jahresbeginn ist es ja wieder erlaubt, fünf Spieler zu tauschen.

Schwarz, 46, hatte es am Dienstagabend nicht leicht. Da war ihm der Verband schon entgegengekommen, indem er das Wechselkontingent aufgestockt hatte - doch nicht einmal das half Würzburgs Trainer. "Ich hoffe, die Mannschaft ist selbst erschrocken", sagte Schwarz, als er später bei der Pressekonferenz versuchte, ein Spiel zu erklären, das nicht zu erklären war. Drei Tage nach dem 1:3 gegen den SV Meppen hatten die Kickers ihre zweite Niederlage unter Schwarz kassiert und derart enttäuscht, dass der anfängliche Aufschwung längst wieder in den Hintergrund gerückt ist.

Dabei war es doch so vielversprechend losgegangen, nachdem Schwarz den Trainerposten von Torsten Ziegner übernommen hatte. Die Mannschaft punktete, im Medienraum wurde Schwäbisch geschwätzt, und draußen auf dem Rasen war wieder eine Spielidee zu erkennen. All das weckte Erinnerungen an Michael Schiele, der die Kickers einst in die zweite Liga geführt hatte, am Dienstagabend aber mit Eintracht Braunschweig an den Dallenberg kam.

"Wir dürfen nicht absteigen, das muss in die Köpfe rein", fleht Stürmer Pourié

Ein bisschen wehmütig konnten sie da ja werden, die Würzburger Anhänger unter den 1305 2G-plus-Zuschauern, die oben auf der Tribüne saßen und die beiden Trainer unten an der Linie sahen, Schiele links, Schwarz rechts. Während der Verflossene vor seiner Bank stand und Braunschweig mit ruhiger Hand zum Sieg coachte, krallte sich der Neue zehn Minuten vor der Halbzeit seinen Stuhl und schleuderte ihn Richtung Ersatzbank. Später gestand Schwarz: "Ich habe meine Mannschaft in der ersten Halbzeit nicht wiedererkannt. Das hatte überhaupt nichts mit dem zu tun, was wir vorher besprochen haben."

Tatsächlich spielten die Kickers am Dienstagabend nicht wie die Kickers. Okay, ein bisschen vielleicht schon, aber mehr wie die Ziegner-Kickers, die ja eigentlich keiner mehr sehen wollte. "Es war ein Klassenunterschied, man könnte fast meinen: ein Zwei-Klassen-Unterschied", sagte Innenverteidiger Tobias Kraulich und nannte den Auftritt "ganz schlimm", während Marvin Pourié beinahe flehend forderte: "Wir dürfen nicht absteigen, das muss in die Köpfe rein." Der Angreifer ist einer der wenigen, die schon mal den Abstiegskampf der dritten Liga erlebt haben. Er weiß, wie herausfordernd es ist, Woche für Woche unter Druck zu stehen - aus seinem Mund klang es deshalb besonders alarmierend, was er am Dienstagabend zu sagen hatte.

Nur: Was heißt das, wenn Pourié nach 17 Spielen meint, die Mannschaft müsse lernen, den Abstiegskampf anzunehmen, obwohl diese schon seit 13 Spielen durchgehend auf einem Abstiegsplatz steht? Heißt das, dass die Spieler nichts verstanden haben?

Schieles lässt seine Mannschaften liebend gerne Auf-sie-mit-Gebrüll-Fußball spielen, doch gegen diese Kickers brauchte es kein Gebrüll

"Ich hoffe, dass sich jeder das Spiel nochmal anschaut und sich fragt, ob er alles gegeben hat", sagte Kraulich. Während man bei Schieles Braunschweigern stets das Gefühl hatte, dass sie könnten, wenn sie müssten, war man sich bei Schwarz' Würzburgern nicht mal sicher, ob sie wollten, obwohl sie mussten. Die Kickers stecken ja seit Saisonbeginn im Abstiegskampf, doch das, was sie am Dienstagabend im Dallenbergstadion - und offenbar auch: im Ernst - zeigten, das sah mehr nach Abstieg als nach Kampf aus.

Aus Schieles Würzburger Zeit weiß man noch, dass er seine Mannschaften liebend gerne Auf-sie-mit-Gebrüll-Fußball spielen lässt, doch gegen diese Kickers brauchte es kein Gebrüll. Braunschweig genügte es, in den ersten Minuten kurz die Stimme zu heben und den Würzburgern dann (vermutlich auf Schwäbisch) ins Ohr zu flüstern: Ist das etwa alles, was ihr drauf habt?

Diese Frage gilt es nun zu beantworten, erst am Samstag in Halle, dann bei den letzten beiden Heimspielen des Jahres. Die vergangenen 180 Minuten haben Würzburg zumindest schon mal die Erkenntnis gebracht, dass es nicht reicht, wenn der Neue ein bisschen Schwäbisch schwätzt.

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