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Würzburg in der 2. Bundesliga:Klimawandel im Weinbauort

Würzburger Kickers: Felix Magath beim ersten Training von Bernhard Trares

"Der Trainer kann weiter in Ruhe arbeiten - halt woanders." - Bei Felix Magaths Besuch im Weinbauort Randersacker herrschte frostige Atmosphäre, obwohl die Sonne frühlingshaft schien.

(Foto: Julien Christ / Beautiful Sports / imago)

Zynismus und nach sieben Spielen schon der dritte Trainer: Den Kickers ist entglitten, wofür sie eigentlich stehen wollen. Notizen vom Dallenberg - zu einem Klub, der sich in wenigen Monaten selbst aus den Augen verloren hat.

Von Sebastian Leisgang

Zunächst einmal eine Erinnerung an einen Tag, der noch den guten Zeiten zuzurechnen ist, einen Tag aber, an dem den Würzburger Kickers einiges schon entglitten war. Es war ein warmer Samstagnachmittag im Dallenbergstadion, etwas mehr als vier Monate her, die Stunde, in der die Kickers mit der Rückkehr in die zweite Fußball-Bundesliga den großen Wurf gelandet hatten. Michael Schiele hatte es eilig an diesem Julitag, sehr eilig. Seine Spieler saßen längst auf der Steintreppe, die vom Stadionparkplatz hinauf zur Gegengerade führt, die Sonne meinte es besonders gut, und draußen vor den Stadiontoren, da versammelten sich die Anhänger und besangen die Mannschaft, die ja auch ihre Mannschaft war.

Schiele, 42, rannte also den kleinen Anstieg hinter der Fankurve hinauf, er ließ das Zelt hinter sich, in dem die besonders wichtigen Leute die Spiele verfolgen, dann bog er rechts ab und lief zu den Steinstufen. Man musste schon gut zu Fuß sein, um Würzburgs Trainer folgen zu können. Als er angekommen war, dort, wo die Aufstiegsfeier gerade anlief, setzte sich Schiele neben seine Spieler auf die Treppe. Die Fans huldigten ihm.

Wer heute zurückblickt auf diesen Tag, der weiß, dass er der Anfang vom Ende war. Dabei ist das doch gerade die Kunst: bei sich selbst zu bleiben, wenn einem alles entgleitet.

Zumindest dieser Julitag war irgendwie noch Schieles Tag. Schiele war es ja, der knapp drei Jahre zuvor nicht zurückgeschreckt war, die Kickers in einer sportlich bedrohlichen Lage zu übernehmen. Er war es, der den Verein auf den rechten Weg gebracht hatte. Und er war es auch, der Würzburg durch den Aufstieg Spiele gegen den Hamburger SV, Hannover 96 und Fortuna Düsseldorf beschert hatte.

Wer nun da oben stand, aufmerksam beobachtete und hinunter auf den Parkplatz schaute, so wie Schiele es tat, der spürte, dass sich etwas getan hatte am Dallenberg. Bei all der Freude, bei all der Glück- und Bierseligkeit, die den Klub erfasste: Die Stimmung war zwar feierlich - ausgelassen und unbeschwert war sie aber nicht. Selbst die Gesänge hatten etwas Trotziges, denn über allem standen selbst in der Stunde des Erfolgs die Fragen: Was wird aus Schiele? Was wird überhaupt?

Die Frage, ob Schiele seine Arbeit würde fortführen dürfen, beantworteten die Kickers zwei Tage später. Er durfte zwar, aber weil sich sein Vertrag durch eine Klausel nur um ein Jahr verlängert hatte, war klar, dass er Trainer auf Abruf bleibt. Jetzt, gut vier Monate später, ist bereits Schieles Nach-Nachfolger im Amt: Bernhard Trares, 55, am Montag vorgestellt als dritter Würzburger Coach dieser Saison.

Als Trares zu Wochenbeginn seine erste Einheit im benachbarten Weinbauort Randersacker leitete, stand Felix Magath auf der obersten Stufe der kleinen Sportplatztribüne und entgegnete auf die Frage, warum er schon wieder den Trainer ausgetauscht habe, obwohl er Trares' Vorgänger Marco Antwerpen jüngst zugesichert hatte, in Ruhe weiterarbeiten zu können: "Der Trainer kann weiter in Ruhe arbeiten - halt woanders." Es war eine zynische Antwort, eine, die die Frage provozierte: Was ist bloß aus den Kickers geworden? Sind sie, um es mal recht weit oben einzuhängen, überhaupt noch die Kickers?

Ein Ausflug zum Dallenberg, am Tag nach Magaths Aussage. Es ist ein wolkenverhangener Morgen, ein paar Grad über null. Auf dem Stadionparkplatz, dort, wo die Fans Schiele und der alten Mannschaft zugejubelt haben, stehen die Autos der neuen Spieler. Autos, deren Kennzeichen davon zeugen, dass sie vor ein paar Monaten noch durch die Straßen in Polen, Schweden und der Schweiz gerollt sind. Nicht weniger als 15 Spieler haben die Kickers in die Stadt geholt.

An einem Zaun vor dem Parkplatz hängen Klebebandschnipsel und Überreste von Kabelbindern. Anfang Oktober, kurz nach Schieles Aus, war hier ein Spruchband angebracht: "In der imaginären Krise gefeuert vom Unsympath!" Es waren schwarze Letter auf weißem Grund, doch "mag" und "ath" waren rot gefärbt. Die Kickers spielten gegen Fürth, es war Antwerpens Premiere, doch die Fans trieb vor allem die Sache mit Schiele um.

Familie. Davon reden die Kickers oft. Dass sie Schiele dann aber schon nach dem zweiten Spieltag abservierten, den Mann, dem sie so viel zu verdanken haben, das gab den Fans zu denken. Geht man so mit Familienmitgliedern um?

Im Klub gehe "eine Phobie" um, auch beim dritten Anlauf zu scheitern, sagt einer, der seit vielen Jahren zur Familie gehört. Die Kickers waren schon 1977/78 und 2016/17 zweitklassig, stiegen aber prompt wieder ab. So was schürt Ängste, auch wenn die Protagonisten längst andere sind, denn einen Berg schafft man ja gerade dann leichter, wenn man schon mal oben war.

Eine Erinnerung noch, an die allererste Begegnung mit Bernd Hollerbach, die Ewigkeit von fast sechs Jahren her. Es war Winterpause, die Kickers führten die Tabelle der Regionalliga Bayern an, und Hollerbach empfing in der Geschäftsstelle. Er kochte höchstselbst einen Kaffee und bot von sich aus das Du an, wie er es bei jedermann tat. So sei das hier. Familie eben. Vor gut drei Jahren war es dann der stets freundliche Schiele, der bei einem ersten Treffen gar sein Mittagessen teilen wollte.

Jetzt hängen Spruchbänder an Zäunen, Schiele wurde zuletzt mit dem MSV Duisburg in Verbindung gebracht, und Magath lässt zynische Sätze los.

Dass der ehemalige Trainer des FC Bayern nur auf dem Papier ein bloßer Berater der Kickers ist, gehört längst zum Grundwissen der Branche. Als Magath am Montag aber explizit sagte, er sei es gewesen, der Antwerpen verpflichtet habe, da wurden zwei Dinge klar: dass Daniel Sauer als Sportdirektor nur ein Platzhalter ist - und dass die Kickers tatsächlich nicht mehr die Kickers sind.

© SZ vom 11.11.2020
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