World Series im Baseball:Ausgerechnet Maldonado

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MLB: World Series-Atlanta Braves at Houston Astros

Seltenes Erfolgserlebnis: Martin Maldonado trifft einen Ball des gegnerischen Werfers so satt, dass seine Teamkollegen in der Finalserie gegen die Atlanta Braves zwei Punkte erlaufen.

(Foto: Thomas Shea/USA Today Sports)

Die Houston Astros gleichen in der Baseball-Finalserie gegen die Atlanta Braves zum 1:1 aus - auch, weil einer trifft, der gewöhnlich kaum trifft: Catcher Martín Maldonado, der Dirigent der Defensive.

Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Wer sämtliche Varianten menschlicher Verblüffung in einem Gesicht sehen will, sollte sich diese zehn Sekunden nach dem erfolgreichen Schlag von Martín Maldonado ansehen. Erst zeigte der Catcher der Houston Astros ein erstauntes "Oh" darüber, dass er den Ball tatsächlich getroffen hatte; gleich darauf ein verzücktes "Ui" über den tölpelhaften Fehler der gegnerischen Atlanta Braves, dessentwegen noch ein Kollege Maldonados punkten konnte - und schließlich ein erfreutes "O-ho", weil er durch den Fehler auf den Bases selbst aufrücken durfte. 4:1 hieß es nach diesem Zwei-Punkte-Schlag von Maldonado. Auch auf der Astro-Ersatzbank, in dreißig Gesichtern, spiegelte sich in diesem Moment nichts als Verblüffung. Der Ausdruck, bei allen: ausgerechnet Maldonado!

Das liegt daran, dass Maldonado der Ruf vorauseilt, ein unfassbar schlechter Schlagmann zu sein. Seine Quote in der regulären Spielzeit hatte mickerige 17,2 Prozent betragen, und seitdem wurde es nur noch schlimmer. In den Playoffs traf er vor Beginn der World Series bei 29 Versuchen nur zwei Mal (6,8 Prozent); in der Finalserie gegen Atlanta vor diesem Treffer noch gar nicht. Und dennoch hat Maldonado gewaltigen Anteil am Erfolg der Houston Astros, die diese Finalserie mit ihrem 7:2-Sieg im zweiten Spiel ausglichen: Er ist derzeit, bei allem Respekt vor J.T. Realmuto von den Philadelphia Phillies oder Yasmani Grandal von den Chicago White Sox, der beste Mann hinter der Platte in der nordamerikanischen Baseballliga MLB.

"Der Catcher ist der General auf dem Feld", sagt Astros-Trainer Dusty Baker

Catcher zu sein, das ist eine der kompliziertesten Positionen im Sport - und im Baseball, in dem so ziemlich alles vermessen und ausgewertet wird, lässt sich dieser Arbeitsplatz tatsächlich nur schwer objektiv bewerten. Sicherlich gibt es auch hier Statistiken, Maldonado liegt beispielweise auf Platz drei in der Kategorie, die erfasst, gegnerische Laufspieler zu erwischen, die wagemutig von der ersten zur zweiten Base vorrücken wollen - eine Base stehlen, heißt das im Fachjargon. Der Catcher muss dabei vom Schlagmal zu dieser zweiten Base werfen - und zwar so, dass der Mitspieler dort den Ball fangen und den heraneilenden Gegner mit dem Fanghandschuh berühren kann.

Maldonado schafft das präzise und gewöhnlich in nur 1,6 Sekunden. Im Halbfinale gegen Chicago waren es sogar 1,4 Sekunden - Gegner erwischt, Spielabschnitt vorbei. Nun stellt sich hier die interessante Frage: Wer wagt es überhaupt, ein Laufmal zu stibitzen gegen einen wie Maldonado, der alle Finten kennt und als wandelndes Lexikon über alle Schlag- und Laufstatistiken der Gegner gilt? Präsenz allein sorgt schon für Furcht beim Gegner, so wie sie bei den Kollegen für Vertrauen sorgt.

MLB: World Series-Atlanta Braves at Houston Astros

Dank an den Dirigenten: Houstons Werfer Kendall Graveman (links) bedankt sich bei Martin Maldonado für dessen gewiefte Ratschläge während des letzten Spielabschnitts.

(Foto: Troy Taormina/USA Today Sports)

Maldonado, 35 Jahre alt, beruhigt junge Werfer wie Framber Valdez, Cristian Javier und Luis Garcia, indem er ihnen die richtigen Würfe ansagt; Pitcher und Fänger stimmen sich dabei per Zeichen ab. Da ist es dann auch gar nicht mehr so schlimm, dass den Astros zwei ihrer besten Werfer (Justin Verlander und Lance McCullers) verletzt fehlen. Er dirigiert auch die Verteidiger vor jedem neuen Schlagmann in ihre Positionen, und vielleicht wäre das die ohnehin die treffende Bezeichnung für Maldonados Tätigkeit: Er ist der Dirigent der Astros-Verteidigung, und beim Dirigenten eines Orchesters käme auch niemand auf die Idee, das Schwingen des Taktstocks statistisch zu vermessen. Wichtiger ist selbstverständlich der Klang des Zusammenspiels.

"Alles wird gemessen, aber es gibt leider keine Zahlen für Führungsstärke, akribische Vorbereitung, Gelassenheit in hektischen Situationen", findet Astros-Werfer Kendall Graveman, der am Mittwoch für das letzte Aus der Partie sorgte und danach von Maldonado den Kopf getätschelt bekam: "Gäbe es Statistiken dafür, wäre Martín ganz vorne in der MLB." Er umschrieb damit die momentane Stärke des Teams aus Houston: Die Defensive der Astros ist auch deshalb so gut, weil die Spieler eben wissen, dass sie hinter der Platte einen Routinier haben, dem sie in jeder Situation vertrauen können. "Der Catcher ist der General auf dem Feld", so sieht es Astros-Trainerlegende Dusty Baker, der im Alter von 72 Jahren den ersten Titel seiner 28-jährigen Laufbahn als Coach gewinnen will; als Spieler triumphierte er 1981 mit den Los Angeles Dodgers. "Der Wert eines grandiosen Catchers ist unermesslich", führt er aus: "Genau das ist Martín für uns."

Sie schätzen Martín Maldonado als Catcher also so sehr, dass sie den grandios schlechten Schlagmann Maldonado akzeptieren - und solche Treffer wie jenen am Mittwoch halb verzückt, halb verblüfft bestaunen. Die Best-of-seven-Finalserie wird an diesem Freitag fortgesetzt, die nächsten drei Spiele finden an drei Tagen nacheinander in Atlanta statt. Hinter der Platte, wie immer, und deshalb in der Offensive hin und wieder auch mal seitlich davon: Martín Maldonado.

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