Wolfsburg Wolfsburger Traumpaar

Treibt seine Mannschaft unablässig nach vorne: Wolfsburgs agiler Stürmer Daniel Ginczek.

(Foto: imago/regios24)

Der VfL Wolfsburg erfreut sich beim 2:2 gegen Hoffenheim an der herausragenden Form von Daniel Ginczek und Admir Mehmedi, zwei "Brüdern im Geiste". Der VW-Fußball scheint sich langsam von der Krise zu erholen.

Von Jörg Marwedel, Wolfsburg

Waren es 100 oder doch 200 Kilometer pro Stunde, mit denen der Ball auf Hoffenheims Innenverteidiger Ermin Bicakcic in der 28. Minute zusauste? Der Flankengeber Daniel Ginczek war bescheiden, entschied sich für die 100. Sein "Opfer" machte die Hereingabe von der rechten Seite dagegen mit der Zahl 200 noch gefährlicher. Wie auch immer: Bicakcic beförderte die Vorlage des Wolfsburgers mit Karacho per Kopf ins eigene Netz zum 1:1. Und weil er gerade "in der Form meines Lebens ist", wie er unlängst mitteilte, kommentierte er dieses Ungeschick mit der Süffisanz eines Selbstbewussten: "Geiles Ding!" Er habe "rangehen" müssen, weil hinter ihm ein Gegner "völlig blank" stand, und dann sei er ein bisschen weggerutscht. So wurde es zum vielleicht schönsten Eigentor des Jahres, was ja in gewisser Weise zur Form des Lebens passt.

Es war nicht der einzige Höhepunkt beim 2:2 der Wolfsburger gegen die Gäste aus dem Kraichgau. Es war eine Partie der besseren Art, denn es wurde nach vorne gespielt. Hoffenheim bemühte am Ende sogar fünf Stürmer, wie Coach Julian Nagelsmann hervorhob. Wolfsburgs Trainer Bruno Labbadia befand: "Man muss beiden Teams ein Kompliment machen, wie sie Fußball gespielt haben." Es wirkte zeitweise fast, als würde da so etwas wie eine Wolfsburger Spitzenmannschaft in der Volkswagen-Arena spielen. Aus den Kräftemessen mit den Europapokal-Teilnehmern Leipzig, Frankfurt und Hoffenheim hat man zuletzt sieben Punkte ergattert, nun kommen bis zum Jahresende Nürnberg, Stuttgart und Augsburg, also drei schwächere Kaliber.

Nur das Publikum scheut derzeit den Besuch, als ob man wegen der VW-Skandale auch keinen VW-Fußball mehr mag. Nur 20 602 Zuschauer kamen, das war der zweitschlechteste Besuch in dieser Saison nach den 19 205, die im September zur Begegnung Mainz gegen Wolfsburg kamen. Dabei sah man nicht nur das hübscheste Eigentor des Jahres. Das 0:1 schon nach vier Minuten, als Ishak Belfodil eine Flanke von Andrej Kramaric volley zum 0:1 ins Tor schmetterte, war ebenfalls sehenswert. Als Schiedsrichter Felix Zwayer den Fernseher auf Anweisung des Video-Assistenten bemühte, war es still im Stadion. Der Unparteiische gab dann trotz des Handspiels des Wolfsburgers Felix Uduokhai keinen Strafstoß, weil der Weg vom Schuss zur Hand sehr kurz war. Und als statt des 0:2 das glückliche 1:1 fiel, übernahmen die Gastgeber (vorerst) das Kommando.

Drei Minuten später profitierten die Wolfsburger vom Traumpaar des Nachmittags, den Stürmern Admir Mehmedi und Ginczek. Mehmedi hatte gesehen, wie sich sein "Bruder im Geiste" (so bestätigte er das innige Verhältnis zum Kollegen) im Rücken des Gegners fortschlich und überraschte mit einem Zuspiel, das die Abwehr der Hoffenheimer ein weiteres Mal schlecht aussehen ließ. Ginczek nahm Maß und beförderte den Ball zum 2:1 ins Netz - wieder mit Hilfe seines Freundes Bicakcic. Den traf er mal zufällig im Urlaub, seitdem sind sie Kumpel. Bicakcic gab der Kugel mit seinem Rücken eine Kurve, die Keeper Oliver Baumann erneut zum staunenden Zuschauer degradierte.

Nur: Mehmedi, der wie Ginczek wohl sein bestes Spiel im VfL-Dress absolvierte, musste nach 66 Minuten vom Rasen. Die "Hüfte blockierte", wie er erläuterte. Und so brach das Umschaltspiel der Wolfsburger zusammen. "Wenn Admir auf dem Platz geblieben wäre, hätten wir gewonnen", sagte Labbadia. Diesen Satz bezeichnete er zwar als Spaß, aber abwegig war das nicht. Nach Mehmedis Auswechslung gewannen die Hoffenheimer vor allem mit Hilfe der Brasilianer Joelington und Nelson (der in der 59. Minute kam), die Überhand. Bald darauf fiel der Ausgleich durch Kramaric zum gerechten Remis.

Blieb noch die Rückkehr zweier Langzeit-Verletzter zu bestaunen. VfL-Kapitän Josuah Guilavogui dirigierte nur drei Monate nach seinem Kreuzbandriss erstmals wieder das Spiel vor der Abwehr. Hoffenheims Benjamin Hübner, vier Monate mit den Auswirkungen einer Gehirnerschütterung außer Gefecht, durfte in der Innenverteidigung mitmachen. Manche unsichere Aktion war noch dabei. Auch am Mittwoch wird es sehr schwer für die TSG. Man muss im letzten Champions-League-Spiel bei Manchester City antreten. Bicakcic, der Mann mit der Form seines Lebens, will trotz des feststehenden Ausscheidens "nicht nur antreten, um das Stadion anzuschauen".