Süddeutsche Zeitung

Wolfsburg wirft Felix Magath raus:Wenn ein irrwitziges Experiment scheitert

Der VfL Wolfsburg verabschiedet seinen Trainer, Manager und Geschäftsführer Felix Magath und schafft damit ein gewaltiges Macht-Vakuum. Magath hat es geschafft, in sehr wenig Zeit sehr viel Vertrauen zu verlieren - dabei spielte auch die Meinung von Bayern-Präsident Uli Hoeneß eine Rolle.

Boris Herrmann

Am vergangenen Wochenende unterlegten die Fans des VfL Wolfsburg das 0:2 ihres Teams gegen Freiburg mit einem bunten Schlager-Medley, das von "Oh wie ist das schön!" über "So ein Tag . . ." bis hin zu "Deutscher Meister wird nur der VfL!" reichte. All das war eindeutig ironisch gemeint, zumal das Publikum an einer Stelle auch ein Lied anstimmte, dessen Text nur aus drei Wörtern bestand: Lorenz, Günther und Köstner.

Fünf Tage später ist in Wolfsburg die Satire mal wieder von der Realität überholt worden. Der Amateur-Trainer Lorenz-Günther Köstner bestätigte am frühen Nachmittag, dass er wieder einmal zum Interims-Coach des Bundesliga-Teams berufen worden war. Und er bestätigte damit auch als erster Angestellter des VfL, was bereits einige Stunden zuvor durchgesickert, aber erst später am Tag offiziell war: Felix Magath ist weg. Der Rückkehrer musste wieder gehen. Eines der teuersten und irrwitzigsten Experimente der Bundesligageschichte ist kläglich gescheitert.

Der VfL Wolfsburg wollte in die Champions League - und ist Tabellenletzter. Er hat in diesem Herbst das einzigartige Kunststück vollbracht, in den ersten acht Spielen der Saison lediglich zwei Treffer zu erzielen. Die Bilanz der zurückliegenden vier Partien lautet: 0:10 Tore. Das Spiel sah meist noch viel schlimmer aus als diese Bilanz. Und jetzt könnte man natürlich sagen, es sei der branchenübliche Mechanismus, an dieser Stelle den Mann auf der Trainerbank auszutauschen.

In Wolfsburg gibt es allerdings keine branchenüblichen Mechanismen. Es wird der Sache nicht ansatzweise gerecht, wenn man die Vorgänge vom Donnerstag als "Trainerwechsel" bezeichnet. Mit dem Coach Magath, 59, geht auch der Manager Magath, der Geschäftsführer Magath sowie der Herausgeber des Stadionheftes Magath. Auch die Magath-Getreuen Bernd Hollerbach und Werner Leuthard wurden am Abend verabschiedet. Die Profifußball-Abteilung des Autokonzerns VW steht de facto vor einer Neugründung.

Wolfsburg stand da schon einmal. Im Sommer 2009 war das, damals ging Magath - aus freien Stücken - nach Schalke. Der VfL aber war gerade Meister geworden, er spielte in der Champions League, er war für seine Verhältnisse sogar ein bisschen beliebt. Trotzdem scheiterten nach- und nebeneinander Armin Veh, Dieter Hoeneß, Steve McClaren und Pierre Littbarski daran, das Magath-Vakuum wieder mit Leben zu füllen. Die Ironie der Geschichte ist, dass nun auch Magath der Zweite vor Magath dem Ersten kapitulieren musste.

Winterkorn sitzt im Aussichtrat der Bayern

Ob der treuherzige Köstner, 60, der nach der Entlassung Vehs schon einmal als Nothelfer eingesprungen war, nun länger als notwendig mit der strategischen Neuausrichtung betraut wird, darf bezweifelt werden. Bezüglich des Manager-Postens verhandelt der Aufsichtsrat angeblich mit dem im Sommer entlassenen FC-Bayern-Sportchef Christian Nerlinger.

Spannend ist allerdings nicht nur die Frage, wie es jetzt weitergehen soll. Sondern auch, wie es so weit kommen konnte. In einem offiziellen Statement des VfL hieß es, Magath habe dem Aufsichtsratsvorsitzenden Francisco Garcia Sanz am Donnerstag angeboten, "ihn von seinen Pflichten zu entbinden, da er nicht möchte, dass der Verein in Mitleidenschaft gezogen wird". Damit zeigte der Klub (respektive das, was von ihm noch übrig ist) immerhin, dass er genau so ironisch sein kann wie seine Fans.

In Wahrheit dürfte alles mit einem Stimmungswandel von Firmenboss Martin Winterkorn zusammenhängen. Er gilt als jemand, der lange zu seinen Vertrauten steht, zur Not auch bei Gegenwind. Magath hat ihm 2009 die Meisterschale gebracht und 2011 im letzten Moment den Abstieg verhindert. Es war gar nicht so einfach, diesen Kredit zu verspielen. Magath hat es trotzdem geschafft.

An dem Punkt, an dem Winterkorn den Glauben an seine Leute verliert, kann es dann sehr schnell gehen. Das hat die überraschende Trennung von Manager Dieter Hoeneß Anfang 2011 bewiesen. Und das zeigt sich jetzt auch wieder. Winterkorn war unter der Woche in Amerika unterwegs. Er schien Wichtigeres zu tun zu haben. Es ging um Autos. Nicht zuletzt deshalb war allgemein vermutet worden, dass sein Trainermanager zumindest noch bis zum Auswärtsspiel am Samstag in Düsseldorf eine Gnadenfrist bekommen würde.

Als Winterkorn aber nach Wolfsburg zurückkehrte, musste er feststellen: Es gab nun wirklich kein Argument mehr, das für den Angeklagten sprach. Die Fans haben sich von Magath abgewandt, die Mannschaft ohnehin. Torhüter Diego Benaglio galt als letzter treuer Vasall des Trainers. Im Grunde ist er auch der Einzige, der seit Magaths Rückkehr seine Leistung steigern konnte. Von den 26 Spielern, die der VfL in dieser Zeit kaufte, hat sich kein einziger bewährt.

Magaths System, die eigenen Fehler seinem Personal zuzuschieben, wurde von den Angestellten zunehmend als geistige Folter empfunden. Bayern-Präsident Uli Hoeneß lag deshalb inhaltlich nicht falsch, als er vor einigen Tagen über den VfL lästerte: "Wenn die Spieler so wenig laufen, sind sie entweder vom Training kaputt oder spielen gegen den Trainer."

Winterkorn sitzt im Aufsichtsrat der Bayern. Es ist bekannt, dass er das Wort von (Uli) Hoeneß für gewichtig hält. Nach dessen Urteil hätte Magath wohl nur noch von seiner Mannschaft gerettet werden können. Aber die hatte eher kein Interesse.

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Quelle:
SZ vom 26.10.2012/ebc
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