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Wolfsburg und HSV:Zu viel Macht schadet in der Bundesliga

Klaus Allofs wollte das Gesicht des VfL Wolfsburg werden, ebenso wie Dietmar Beiersdorfer beim HSV. Am Ende waren beide überfordert.

Kommentar von Christof Kneer

Folgt man den Gesetzen der Mathematik, dann haben Heribert Bruchhagen und der Hamburger SV alles richtig gemacht. Minus mal minus ergibt plus: Es müsste also gut ausgehen, wenn sich der HSV und ein langjähriger HSV-Kritiker miteinander verrechnen lassen. Bruchhagen hat immer sehr amüsiert über den HSV gespöttelt, über dessen Klub- und Gehaltsstrukturen etwa, und manchmal war er auch etwas unamüsiert; wenn der Mäzen Kühne mal wieder ein paar Millionen rausgerückt und damit einen Spieler namens van der Vaart angeschafft hatte. In Bruchhagens Weltbild hatte Kühne damit widerrechtlich ins natürliche Liga-Ranking eingegriffen, für das Bruchhagen eine komplexe Formel entwickelt hat, die niemand außer ihm versteht. Man muss dabei die Lizenzspieler-Etats mit den TV-Einnahmen und den Fehlpässen der zweiten Halbzeit addieren (oder multiplizieren?), und am Ende kommt immer raus, dass Eintracht Frankfurt ins Mittelfeld der Liga gehört, aber auf keinen Fall höher.

Das hat Bruchhagen übrigens auch gesagt, wenn die Eintracht mal Dritter war. Das hat ihm in Frankfurt den Ruf eingebracht, entweder sehr seriös (Wohlmeinende) oder recht grau (weniger Wohlmeinende, Presse) zu sein. Wahrscheinlich logisch, dass ein Prediger des Mittelmaßes nun den HSV retten soll, der im Schnitt ja auch Mittelmaß ist (eigener Anspruch: ganz oben, Tabelle: ganz unten).

Beiersdorfer und Allofs: Beiden war zuletzt die Überforderung anzusehen

Der neue HSV-Vorstandschef ist eine ganz eigene, durchaus originelle Figur, und das ist etwas, was ihn vom ehemaligen Vorstandschef markant unterscheidet. Dietmar Beiersdorfers Originalität bestand zuletzt darin, so leise zu reden und so bewölkt dreinzuschauen, dass man sich fragen muss, warum sich überhaupt noch Spieler für den HSV haben entflammen lassen (der Prä-HSV-Bruchhagen würde hier genüsslich auf die Gehaltsstruktur verweisen, Anm. d. Red.).

Das ist es, was die Verwerfungen in Hamburg und Wolfsburg gemeinsam haben: Den Gesichtern der Sportchefs Dietmar Beiersdorfer und Klaus Allofs war die Überforderung immer deutlicher anzusehen. Das mag daran gelegen haben, dass beide zuletzt müde und irgendwie marktfern wirkten; gewiss lag es auch an ihren komplizierten Klubs, von denen sich der eine seit Jahren hart an der Grenze der Unregierbarkeit bewegt.

Die Geschichten aus Hamburg und Wolfsburg erzählen aber auch von einem Trend, der schon wieder von einem Gegentrend abgelöst worden ist. Vor Jahren kursierte die These, dass ein Klub zwingend über ein "Gesicht" verfügen müsse, und im Zuge dieser kosmetischen Erwägungen wurden viele Sportdirektoren zu Sportvorständen befördert. An diesem Gedanken ist nichts falsch - außer, dass er in Wolfsburg und zuletzt auch beim HSV zu einer gefährlichen Macht- und Aufgabenfülle führte, die für den Sportchef ebenso ungesund war wie für den Klub. Kein Allofs kann alleine die Gremien bespaßen, das VW-Werk mitnehmen, die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, Team und Trainer beeinflussen, Spielerberater pflegen und den Marktüberblick garantieren; der Liga-Trend geht daher längst zu breiteren Organisationsstrukturen, die von einem kommunikativen Chef gelenkt werden.

Sogar beim FC Bayern können sie sich übrigens vorstellen, dass neben Uli Hoeneß, Kalle Rummenigge und dem Kaderplaner Michael Reschke in Zukunft auch noch Max Eberl und Philipp Lahm eine angemessene Arbeit im Büro finden.

© SZ vom 13.12.2016
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