Wolfsburg in der Krise:Kuhfladen am Schuh

Wolfsburg in der Krise: Schön viel Platz hier: Freiburgs Verteidiger Philipp Lienhart überwindet Koen Casteels (links) zur 1:0-Führung in Wolfsburg.

Schön viel Platz hier: Freiburgs Verteidiger Philipp Lienhart überwindet Koen Casteels (links) zur 1:0-Führung in Wolfsburg.

(Foto: Ina Fassbender/AFP)

Der VfL Wolfsburg verliert absolut verdient 0:2 gegen den SC Freiburg. Durch die vierte Niederlage in Serie rutscht das Team von Trainer Mark van Bommel in eine sportliche Krise.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Mark van Bommel hat es noch drauf. Der Ball war gerade ins Seitenaus gerollt, genau in die Richtung des Niederländers. Eine fachmännische Annahme mit links, ein Lupfer auf den rechten Fuß, dann ein stilsicherer Balanceakt auf dem Spann - und schon konnte der Ball sicher in die Hände des Freiburger Spielers übergeben werden, der sich zum Einwurf nach draußen begeben hatte.

Es bestehen keine Zweifel darüber, dass van Bommel mal ein erstklassiger Fußballer war, seine trophäenreiche Karriere beim FC Bayern, dem FC Barcelona oder der AC Milan spricht für sich. Über den Trainer Mark van Bommel ist hingegen noch nicht allzu viel bekannt. Klar, es hat sich rumgesprochen, dass er seit dieser Saison in sportlicher Verantwortung beim VfL Wolfsburg steht, auch sein folgenreicher Wechselfehler in der ersten Pokalrunde gegen Münster rief einiges an Resonanz hervor. Aber sein spieltaktischer Unique Selling Point? Seine fußballerischen Leitmotive?

"Man sieht, dass es an Selbstvertrauen mangelt", sagt VfL-Sportdirektor Marcel Schäfer

Davon war in dieser Saison noch nicht viel zu sehen, da bildete die 0:2-Heimniederlage gegen den SC Freiburg am Samstag keine Ausnahme. Selbst das eher nicht zum Hyperventilieren neigende Publikum in der Wolfsburger Arena war spürbar unzufrieden mit dem fahrigen und inspirationslosen Auftritt des VfL: Es gab Pfiffe zur Halbzeitpause, Pfiffe zum Schlusspfiff, Pfiffe während des schleppenden Umhergeschiebes dazwischen. Die Werkself ist wettbewerbsübergreifend seit nunmehr acht Spielen ohne Sieg, in der Liga handelte es sich um die vierte Niederlage in Serie, in der Tabelle ist der VfL abgerutscht ins graue Mittelmaß.

Nach branchenüblichen Maßstäben wird bei so einer Bilanz von einer manifesten Krisensituation gesprochen, was hinterher auch weder von den Spielern noch von den Verantwortlichen bestritten wurde. "Man sieht, dass es am Selbstvertrauen mangelt", sagte der VfL-Sportdirektor Marcel Schäfer, der aber immerhin eine Steigerung zu den Spielen in den vergangenen Wochen erkannt haben wollte. Etwas defätistischer klang das Resümee bei Mittelfeldmann Maximilian Arnold, der am Samstag zu seinem 260. Bundesliga-Einsatz kam und dadurch zum neuen Wolfsburger Rekordspieler wurde. "Wir machen es den Gegnern momentan sehr, sehr einfach Tore gegen uns zu schießen", sagte Arnold: "Da versagen wir als Kollektiv."

VfL vs. Freiburg, 1. BL Wolfsburg, 23.10.2021, FUßBALL - VfL Wolfsburg vs. SC Freiburg, 1. BL, Saison 2021/22, VW Arena

Noch keine richtige Einheit: Wolfsburgs Spieler (in grün) und ihr neuer Trainer Mark van Bommel.

(Foto: Darius Simka/Imago)

Und Trainer van Bommel brachte die Lage auf den Punkt, indem er einen bundesweit gleichermaßen bekannten wie beliebten Ausspruch von Andreas Brehme zitierte. An dieser Stelle jedoch nur eine leicht entschärfte Version: Haste Kuhfladen am Schuh, haste Kuhfladen am Schuh.

Nun war gewiss nicht alles Mist, was die Wolfsburger auf dem Rasen veranstalteten. Nur: Das Erbe von Ex-Trainer Oliver Glasner, der mit dem VfL in der vergangenen Saison als Drittplatzierter ins Ziel ging, scheint sich derzeit aufzulösen wie eine Magnesium-Tablette in einem Wasserglas. Unter dem Österreicher standen Intensität, Pressing und noch mehr Pressing im Vordergrund, wohingegen van Bommel einen dominanten Ballbesitzfußball am Mittellandkanal installieren wollte. Eingelöst wurde bislang jedoch nur die Hälfte des Versprechens. Der Ball zirkuliert in der Tat vornehmlich in den eigenen Reihen, auch gegen Freiburg waren wieder Vorteile bei den relativen Anteilen zu verzeichnen. Dominant wirkt das aber nicht.

Die Wolfsburger Zugänge im Angriff zünden noch nicht richtig

Es gibt etliche Gründe dafür, dass bei den Wolfsburgern zuletzt die Zuspitzung im Angriff fehlte. Erstens musste am Samstag Top-Stürmer Wout Weghorst ersetzt werden, der sich nach einigen Corona-Verharmlosungen das Virus einfing und eine wandschrankgroße Lücke im gegnerischen Strafraum hinterließ. Zweitens, und das ist nicht van Bommels Schuld, sind die Wolfsburger Zugänge im Angriff zu unstet und bislang nicht die erhofften Verstärkungen: Luca Waldschmidt ist momentan verletzt und benötigt noch Zeit zur Akklimatisierung; Dodi Lukebako ist zumeist auf der Ersatzbank anzutreffen und fällt, wie bei seinem Ex-Verein Hertha BSC, bisweilen durch divenhafte Attitüden auf.

Am meisten weiß noch Lukas Nmecha zu überzeugen, der von Beginn an stürmte und immer wieder als Gefahrenherd in Erscheinung trat. Der Ertrag ist allerdings noch zu gering, gegen Freiburg ließ Nmecha mal wieder zwei, drei Hochkaräter liegen - ein Abschluss drohte die Latte zu spalten. "Wolfsburg hatte die ein oder andere Chance mehr als wir", sagte der SC-Trainer Christian Streich, was in der Gesamtanalyse zutreffend war. Bedenklich ist aber, dass etablierte VfL-Größen teils beträchtlich ihrem Leistungsniveau aus der Vorsaison hinterherhinken: Die Abwehr etwa, die unter Glasner noch zu den stärksten der Liga zählte und über eine ihr inhärente Schwarmintelligenz zusammengehalten wurde, fällt neuerdings vor allem durch vermeidbare Unzulänglichkeiten auf.

"Wir hatten das Momentum auf unserer Seite", sagte Freiburgs Trainer Christian Streich

Der erste Gegentreffer fiel am Samstag nach einem vom Freiburger Vincenzo Grifo getretenen Freistoß. Der VfL-Verteidiger Kevin Mbabu verlor seinen Gegenspieler Philipp Lienhart aus den Augen, der am langen Pfosten freistehend zum 1:0 traf (27.). Dann war es erneut Mbabu, der mit einem Ballverlust eine Kettenreaktion in Gang setzte, an deren Ende SC-Kapitän Lucas Höler den 2:0-Endstand erzielte. Danach konnte sich Wolfsburg zwar einige passable Möglichkeiten herausspielen, eine verbindende Idee war jedoch nicht zu erkennen.

"Wir hatten das Momentum auf unserer Seite", sagte Streich, der für seinem Kollegen van Bommel sofort zur Seite sprang, als er das für erforderlich hielt. Auf der Pressekonferenz hatte ein Reporter den Niederländer auf vereinzelte "van Bommel-Raus!"-Rufe angesprochen, die im Stadion zu hören gewesen sein sollen. "Alles, was recht ist", zürnte Streich: "Da muss man doch mal die Kirche im Dorf lassen!" Van Bommel nickte - und lauschte dann wieder jenem Trainer, der mit seinen ungeschlagenen Freiburgern gerade auf einem Champions-League-Platz steht.

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