Wolfsburg Auswärtsstark und irre effektiv

Reitet auf einer ungewohnten Erfolgsweelle: Trainer Bruno Labbadia (rechts) hat den VfL Wolfsburg im oberen Tabellendrittel etabliert.

(Foto: imago/Norbert Schmidt)

Die Konterkünstler von Trainer Labbadia werden zum Champions-League-Rivalen der 3:0 besiegten Gladbacher.

Von Ulrich Hartmann, Mönchengladbach/München

Gut möglich, dass Werder Bremen, Fortuna Düsseldorf und Hannover 96 jetzt Post bekommen, in der ihnen der VfL Wolfsburg großzügig anbietet, das Heimrecht zu tauschen und aus einem Auswärtsspiel ein Heimspiel zu machen. Abgesehen davon, dass die Liga das nicht erlauben würde, sollten die kommenden Wolfsburger Gegner aber sowieso nicht darauf eingehen, denn der VfL ist auswärts stark. Er ist auf fremden Plätzen die aktuell zweitstärkste Mannschaft der Bundesliga (23 Punkte) und sogar klar besser als daheim (15).

Das 3:0 bei Borussia Mönchengladbach war der siebte Sieg im zwölften Auswärtsspiel. Der Rückstand auf eine Champions-League-Position ist auf ein Minimum geschrumpft. "Das fühlt sich gut an nach zwei Jahren Relegation", sagt der Mittelfeldspieler Yannick Gerhardt, der in Gladbach mit dem ersten von insgesamt nur fünf Wolfsburger Torschüssen das 1:0 (34.) erzielte und den Ball dabei nicht einmal richtig traf. Es passte einfach alles.

Der selige Trainer Bruno Labbadia nannte die drei Treffer aus einer veritablen Abwehrschlacht heraus: "Wahnsinnig effektiv." Das ist neben der Abwehr die größte Wolfsburger Stärke.

Gladbachs Kapitän Lars Stindl benutzte eine identische Vokabel. "Wahnsinn!", sagte er zu dem Umstand, dass seine Mannschaft trotz 12:1 Ecken, 13:3 Flanken und 15:5 Torschüssen mit 0:3 verlor. Der Wahnsinn wird noch wahnsinniger, wenn man bedenkt, dass dies im zweiten Heimspiel nacheinander so passierte. Gladbachs Fans erlebten ein scheußliches Déjà-vu nach dem 0:3 gegen Hertha BSC Berlin, bei dem die Borussen aus 65 Prozent Ballbesitz, 20:8 Flanken und 13:11 Torschüssen auch schon nichts Zählbares mitgenommen hatten. Der vor drei Wochen noch komfortable Zehn-Punkte-Vorsprung vor dem fünften Tabellenplatz ist nahezu aufgebraucht. Die Fans nahmen die zweite 0:3-Heimniederlage nach zuvor zwölf Heimsiegen in Serie trotzdem tapfer auf, weil ihr Team selbst in der ersten Krise dieser Saison immer noch auf einem Champions-League-Qualifikationsplatz steht. "Diese Phase müssen wir annehmen, nachdem wir bisher eine herausragende Saison gespielt haben", sagte Sportdirektor Max Eberl im Bemühen um Beruhigung. Diskutiert wird unter den Fans, ob das Heimspiel gegen den FC Bayern am kommenden Samstagabend in dieser Situation nun passend kommt - oder doch eher ungelegen.

Schon vorige Saison war der Februar Gladbachs Krisenmonat

Zumindest vom Spielverlauf her wird es anders werden, denn Berlin und Wolfsburg haben Gladbach genüsslich anrennen und ihre Chancen vergeben lassen. Mindestens Florian Neuhaus (26. und 27. Minute) und Thorgan Hazard (75.) hätten ihre Gelegenheiten effektiv nutzen sollen wie der erst in der 64. Minute eingewechselte Wolfsburger Admir Mehmedi mit seinen Toren zum 2:0 (68.) und 3:0 (83.). Doch die Chancenverwertung ist Gladbachs größtes Manko. Der 23-Millionen-Stürmer Alassane Plea hat seit 5:45 Stunden nicht getroffen, der angeblich von Borussia Dortmund umworbene Thorgan Hazard seit 9:53 Stunden und Kapitän Stindl seit 13:27 Stunden nicht mehr.

Bereits in der vergangenen Saison war der Februar nicht gerade Gladbachs erfolgreichster Monat gewesen mit vier Niederlagen ohne eigenen Treffer. In dieser Phase verspielte man die großen Saisonziele. Hatte man nach 15 Spielen noch auf einem Champions-League-Platz und nach 19 Spielen auf einer Europa-League-Position gestanden, so landete man am Ende abgeschlagen auf Platz neun. So schlimm muss es diesmal nicht kommen, immerhin hat Gladbach zwölf Punkte mehr als zum gleichen Zeitpunkt der vergangenen Saison.

Am skeptischsten äußert sich der Trainer Dieter Hecking, wenn er sagt: "Es wäre zu einfach, es darauf zu reduzieren, dass wir unsere Chancen nicht nutzen." Als verbesserungswürdig erscheinen das Spiel in die Tiefe und das Tempo beim Spiel vors Tor. Ganz zu schweigen von der Defensive. Die Innenverteidigung mit Matthias Ginter und Nico Elvedi sowie der Außenverteidiger Oscar Wendt wirkten in den wenigen prekären Situationen indisponiert.

Auch das hatten die Wolfsburger den Gladbachern voraus. "In der Defensive haben wir top gearbeitet", sagte Labbadia. Der Trainer, seit einem Jahr beim VfL, verbessert mit jedem Sieg seine Verhandlungsposition für Vertragsgespräche, die man auf April terminiert hat. Dabei läuft der Vertrag im Juni schon aus. Der 53-Jährige aber hat es nicht eilig. Zu Rückrundenbeginn sagte er: "Ich bin in einem Alter, in dem ich nur noch das machen will, worauf ich Lust habe - und auf Abstiegskampf habe ich keinen Bock mehr." Mindestens in dieser Hinsicht ist er mit Wolfsburg gerade auf einem guten Weg.