Wolfsburg auf Platz vier:Die zwei Seiten eines Werksklubs

Lesezeit: 3 min

VfL vs. Augsburg, 1. BL Wolfsburg, 06.11.2021, FUßBALL - VfL Wolfsburg vs. FC Augsburg, 1. BL, Saison 2021/22, VW Arena

Beschäftigte oft mehrere Augsburger auf einmal: Wolfsburgs Siegtorschütze Lukas Nmecha (in grün).

(Foto: Darius Simka/regios24 / Imago)

Der neue Wolfsburg-Trainer Florian Kohfeldt gewinnt gegen Augsburg auch sein drittes Spiel. Nach einer starken ersten Halbzeit baut der VfL allerdings stark ab und benötigt Glück und Torwart Casteels.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Ein bisschen konfus sah das aus, aber der Vorgang konnte im Sinne des VfL Wolfsburg abgeschlossen werden. Jérome Roussilion, Außenverteidiger im Dienste der Werkself, stand zur Einwechselung bereit, als er von seinem Trainer Florian Kohfeldt einen Zettel und einen Auftrag erhielt: Übergabe an Teamkollege Josuha Guilavogui. Der Zufall wollte es, dass Guilavogui noch vor der Einwechslung an der Seitenlinie vorbei kam, er konnte das Schriftstück also vorab in Empfang nehmen und sofort zurück an den Dienstboten geben. Und was machte Roussilion? Drückte den Zettel wiederum dem Absender Kohfeldt in die Hand, der etwas überrascht war, die geheimen Informationen in Windeseile übermittelt und sofort wieder in Sicherheitsverwahrung zu bekommen.

Diese Szene, so banal sie auch war, stand am Samstag auch ein bisschen exemplarisch für die noch kurze Amtszeit des neuen VfL-Trainers Kohfeldt: Das 1:0 gegen den FC Augsburg bedeutete für ihn den dritten Sieg im dritten Spiel, die Mannschaft scheint innerhalb von eineinhalb Wochen einiges verinnerlicht zu haben, was der Überkategorie "Automatismen" zuzuordnen ist - aber ein Grund für Überschwang ist in der Autostadt deswegen nicht gegeben, da die Partien jeweils eine günstige Eigendynamik hatten, die das Pendel im Zweifel stets auf Seiten der Wolfsburger schwingen ließ.

Lukas Nmecha freut sich über die Nominierung für die Nationalmannschaft

Die erste Hälfte, sagte Kohfeldt, sei die bislang "beste Halbzeit" im Vergleich mit den Erfolgen gegen Leverkusen in der Bundesliga (2:0) und in der Champions League gegen RB Salzburg (2:1) gewesen. Allerdings - und das war der Malus an der ganzen Sache - war der VfL im zweiten Spielabschnitt so fahrig und ungenau, dass der Sieg gegen die im Tabellenkeller postierten Augsburger ernsthaft in Gefahr geriet. "Wir müssen einen Punkt mitnehmen", sagte der FCA-Coach Markus Weinzierl, der zwar den schwachen Auftritt im ersten Durchgang monierte, aber mit Recht auf eine Sturm- und Drangperiode nach der Pause verwies: "So viele Chancen bekommst du gegen Wolfsburg normalerweise nicht. Aber da braucht es Effektivität, und die war heute nicht da."

In dieser Hinsicht muss sich die Werkself hingegen keine Sorgen machen, Effektivität ist in Person von Lukas Nmecha derzeit reichlich vorhanden. Der Stürmer erzielte in der 14. Minute den entscheidenden Treffer für den VfL, per Kopf nach Flanke von Außenverteidiger Pablo Otavio.

Für Nmecha geht damit eine nahezu perfekte Woche zu Ende. Die vielleicht schönste seines Fußballerlebens? Verneinen wollte der 22-Jährige diese Einordnung auf Nachfrage eines Reporters nicht, was kaum verwundern dürfte, da es triftige Gründe dafür gibt: In jedem der vergangenen drei Spiele hat Nmecha getroffen, am Freitag erhielt er erstmals eine Nominierung für die deutsche Nationalmannschaft. Das sei im ersten Moment "ein Schock" gewesen, sagte Nmecha, der die offenbar überwältigende Nachricht jedoch schnell verarbeiten konnte.

Kohfeldt lege wieder Wert auf die "Basics", sagte Mittelfeldspieler Yannick Gerhardt

Einen nicht unerheblichen Anteil an dieser Entwicklung hat auch Trainer Kohfeldt. Taktisch agierte sein Team zuletzt in einem 3-4-3-System, mit dem gelernten Mittelfeldmann Guilavogui im Zentrum der Abwehr und Stürmer Wout Weghorst als Zielspieler ganz vorne. Der große Verdienst des neuen Trainers aber ist, dass die Spieler den Glauben an die eigene Stärke zurückgewonnen haben, sie wirken spritziger, zielstrebiger und agiler als unter Vorgänger Mark van Bommel.

Insbesondere die Offensive hat eine dicke Vitaminspritze erhalten. Die Ball zirkuliert nicht mehr nur aus Selbstzweck in den eigenen Reihen, jetzt ist jederzeit ist mit Tempoverschärfungen und Tiefgang zu rechnen, mit vielen Doppelpässen und möglichst wenig Kontakten. So entstand der Treffer durch Nmecha, so entstanden auch einige weitere Möglichkeiten in der ersten Hälfe. Kohfeldt, sagte der VfL- Mittelfeldmann Yannick Gerhardt, habe den Fokus "wieder auf die Basics" gelegt: Intensität, Mentalität, Emotionen.

Über ein 1:1 hätte sich kein Wolfsburger beschweren dürfen

Aber auch eine gewisse Widerstandsfähigkeit war dann von Nöten, als sich die Wolfsburger in der zweiten Hälfte den Attacken des FCA erwehren mussten. Der Gästeelf fehlte es letztlich an der nötigen Konsequenz im Angriffsdrittel, um den Favoriten nicht nur ins Wanken, sondern auch zum Fallen zu bringen. Die größte Chance hatte der FCA-Angreifer Andi Zeqiri (52.), VfL-Keeper Casteels parierte spektakulär, der vermeintliche Ausgleich durch André Hahn wurde mit Recht aufgrund einer Abseitsstellung aberkannt (72.).

Über ein Remis, sagte Kohfeldt, hätte man sich am Ende "nicht beschweren" können - aber es hinterließ ihn "überglücklich", dass dieses Spiel "über's Ziel" gebracht wurde. Aber auch tabellarisch sind die Wolfsburger wieder auf Kurs, in nur einer Woche sind sie vom biederen Mittelmaß auf Platz vier vorgerückt - da fällt es kaum auf, wenn die Taktikzettel-Post nur aus Versehen so schnell ankommt.

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