WM 2006 Viele offene Fragen zum Sommermärchen

Die deutsche Aufarbeitung des WM-2006-Komplexes offenbart eine erstaunlich schwache Seite.

(Foto: Marcel Mettelsiefen/dpa)

Im Ausland gehen die Ermittlungen zur WM 2006 weiter. Das ist gut so - denn die deutsche Aufarbeitung der Affäre offenbart einige Merkwürdigkeiten.

Kommentar von Thomas Kistner

Die erste Klappe fällt in der Sommermärchen-Affäre, der deutsche Teil zu den Millionendeals um die WM 2006 ist ausermittelt. Wohlgemerkt, der deutsche Teil: Strafrechtlich zielt er nur auf vier Akteure, die als ausführende Personen auftraten, aber nicht die Köpfe waren hinter den anrüchigen Geldtransfers. Schon deshalb ist dies nur ein kleiner Teil der Aufklärung; ein Vorgeschmack auf Spannenderes, an dem die Schweizer und die US-Bundesjustiz werkeln. Ihnen geht es um die Kernfragen: Wofür genau wurden die 6,7 Millionen Euro des deutschen WM-Organisationskomitees bezahlt? Wurden auch Stimmenkäufe getätigt, auf anderen Wegen?

Dass all dies im deutschen Verfahren nicht zu klären war, liegt auch daran, dass die deutschen Behörden zu Affärenbeginn 2015 nur noch ein Steuerdelikt erkennen wollten. Alle anderen Ansätze hielten sie für verjährt. Gut also, dass es im Ausland weitergeht. Denn die deutsche Aufarbeitung des WM-2006-Komplexes offenbart neben einer starken auch eine merkwürdig schwache Seite.

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Die Stärke liegt in klaren Nachweisführungen. Zum Privatdarlehen, zu Vertuschungen und dazu, dass sich der Kooperationswille der Beteiligten in auffallend engen Grenzen hielt, bei Zeugen wie auch bei der neuen Spitze des Deutschen Fußball-Bundes. Die Behörden erlebten Vertrautes: Hat der Sport Affären, schließt sich die Wagenburg der Kameraden.

Schwächen verrät die Arbeit an anderer Stelle. Das fällt umso mehr auf, weil sie generell, wohl auch wegen der öffentlichen Bedeutung im Weltmeisterland, mit großer Akribie geführt wurde. Deshalb fragt sich nun umso mehr, warum die gescheiterte WM-Eröffnungsgala weitgehend im Dunkeln bleibt. Mit ihr wurde ja die falsche Millionenzahlung des OK begründet, sie hätte bis ins letzte Detail durchleuchtet gehört. Tatsächlich wurde nicht mal in den Vorraum geschaut.

Am Ende fällt die Gala ins Wasser, die Millionen fließen trotzdem

Dabei stellt sich der Sachverhalt, stark verkürzt, nun so dar: 2002 gab es das Darlehen von Robert Louis-Dreyfus. Jahrelang drängte er auf Rückzahlung, die Sache wurde zum Dauerthema auch im OK, aber erst im Herbst 2004 zeichnete sich jene Lösung ab, die Monate später eintrat. Von da an überschlugen sich die Ereignisse. Die Deutschen traten die Zuständigkeit für die Auftaktgala an die Fifa ab, nur Tage später landete der Grundentwurf für die ominöse Rückzahlung beim deutschen OK, verschickt von einem Faxgerät der Fifa. Zugleich hat Gala-Organisator André Heller ein zusätzliches Projekt ersonnen, den LED-Teppich: eine sündteure Sache. Und plötzlich wollen die Deutschen, die doch die Gala gerade erst abgetreten haben, gleich wieder satt investieren: 6,7 Millionen Euro. Am Ende fällt die Gala ins Wasser, an Hellers Projekt fließen trotzdem 19 Millionen Euro, zur Abgeltung von Vorleistungen und ausfallender Gagen. Also fast die gesamte Vertragssumme, ein halbes Jahr vor der WM.

Was ist eigentlich genau passiert? Warum trat die Bundesregierung die Gala an die Fifa ab, warum pumpte der sonst so knausrige Weltverband mal locker 19 Millionen in ein Kunstevent, das, wenn es stattgefunden hätte, ja nicht die Fifa, sondern Deutschland hätte erstrahlen lassen? Wie war die Entstehungsgeschichte des LED-Teppichs, der die plötzlichen Mehrkosten evozierte? Warum wurde das ambitionierte Projekt aus dürftigen Gründen abgesagt? Ein Stadion kriegt man auch für eine Gala voll, zur Not mit Freikarten. Und dass der Stadionrasen leiden könnte, wusste man seit Anbeginn. All das hätte man ja bei Aufsichtsorganen und beteiligten Politikern erfragen können. Und bei LED-Visionär Heller.

Für die Fahnder steht fest: Die konkrete Bestimmung der OK-Millionen müsse für ihre Zwecke gar nicht geklärt werden. Das lässt sich, im Blick auf das Gesamtwerk, fast als Arbeitsthese verstehen. Und so geht das Märchen weiter.

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