Süddeutsche Zeitung

WM-Vergabe:Handschriftliche Notiz belastet Zwanziger in DFB-Affäre

  • Theo Zwanziger soll laut DFB-Kreisen "tief involviert" sein in die Affäre um die Zahlung von 6,7 Millionen Euro über die Fifa an den Industriellen Louis-Dreyfus, die als Budget für eine Kulturveranstaltung ausgewiesen wurde.
  • Seine Handschrift findet sich auf einer Notiz, mit der der wahre Grund der Zahlung offenbar verschleiert werden sollte.
  • Zwanziger weist die Vorwürfe zurück: Er habe erst nach der Überweisung an die Fifa von dem eigentlichen Zweck erfahren.

Von Hans Leyendecker, Georg Mascolo und Klaus Ott

Für einen Fernsehkrimi, etwa einen Tatort, taugt die Affäre Sommermärchen 2006 eigentlich nicht. Der Zuschauer könnte angesichts der vielen Darsteller leicht den Überblick verlieren. Die Handlung ist ziemlich unübersichtlich. Innerhalb von neunzig Minuten lässt sich der Fall jedenfalls kaum aufklären. Und wer kann sicher sagen, wer warum ein fatales Memorandum oder einen einfachen Vermerk unterzeichnet hat? Wer ist eigentlich der Schurke in dem Stück?

Bei den von der heutigen Spitze des deutschen Fußball-Bundes (DFB) forcierten Ermittlungen der Wirtschaftskanzlei Freshfields rückt aus Sicht hochrangiger Fußball-Insider und wohl auch aus Sicht der Ermittler ein vertrautes Gesicht in den Mittelpunkt der Affäre: Zu den Verdächtigen gehört jetzt auch der selbsternannte Aufklärer Theo Zwanziger, ehedem Präsident des DFB. Der 70-Jährige werde durch die Untersuchungen schwer belastet, heißt es beim DFB. Er sei in den Fall der ominösen 6,7 Millionen Euro "tief involviert" gewesen. Zwanziger kontert. Das sei "dummes Zeug" und "Geschwätz von DFB-Leuten".

Tausende Dokumente haben die Ermittler von Freshfields, die Anfang März ihren Abschlussbericht vorlegen wollen, gesichtet und ausgewertet. Nach Recherchen von Süddeutscher Zeitung, NDR und WDR spielt ein Vermerk vom 18. April 2005 mit einer handschriftlichen Notiz von Zwanziger mittlerweile in dem Fall eine wichtige Rolle. Die Anwälte von Freshfieds haben dieses Dokument Zeugen vorgelegt und gefragt, was es denn damit auf sich habe. Zwanziger selbst soll, so lässt sich der Vermerk lesen, die berühmten 6,7 Millionen Euro erst passend gemacht haben. Zwanziger gibt sich gelassen: "Das kann mich gar nicht belasten".

Zehn Millionen Franken sollen in eine schwarze Kasse geflossen sein

Bevor das Für und Wider im Zusammenhang mit dem Vermerk in den Einzelheiten erklärt wird, bietet sich eine knappe Zusammenfassung der bisherigen Handlung an.

Die Geschichte der 6,7 Millionen Euro geht so: Nachdem Deutschland im Juli 2000 den Zuschlag für die WM 2006 bekommen hatte, mühten sich die damaligen Mitglieder des WM-Organisationskomitees (OK) lange Zeit vergeblich um einen Finanzzuschuss der Fifa. Erst der damalige OK-Präsident Franz Beckenbauer soll Anfang 2002 nach einem Gespräch mit dem ehemaligen Fifa-Präsident Sepp Blatter den Durchbruch geschafft haben.

Die Fifa-Finanzkommission überwies einen Zuschuss in Höhe von 170 Millionen Euro und soll im Gegenzug zehn Millionen Schweizer Franken gefordert haben. Beckenbauer wird in Ermittlungs-Unterlagen mit dem schönen Satz zitiert: "Wenn die Fifa was gibt, will sie auch was haben". Bei den bisherigen Ermittlungen soll sich der Verdacht erhärtet haben, dass das Geld in eine schwarze Fifa-Kasse geflossen sein könnte.

Aber nicht das OK zahlte 2002, sondern der frühere Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus, den der Beckenbauer-Berater Robert Schwan um Hilfe gebeten hatte. Von dem merkwürdigen Handel wussten also zunächst nur Schwan und Dreyfus und natürlich irgendwie auch Beckenbauer, soweit der sich überhaupt für solche Vorgänge interessiert. Dreyfus ließ von Beckenbauer offenbar einen Schuldschein unterschreiben.

Irgendwie musste Dreyfus sein Geld zurückbekommen

Zwanziger hatte von diesen Vorgängen keine Ahnung. Er war kein Mitglied des Bewerbungskomitees gewesen und stieß erst Mitte 2003 zum OK. Dort kümmerte er sich unter anderem um Finanzfragen. Später gab es Probleme mit Dreyfus. Der wollte sein Geld zurück.

Zwanziger reiste mit dem früheren DFB-Generalsekretär Horst R. Schmidt zu Dreyfus. Die beiden OK-Leute baten ihn, auf die Forderung, von der sie gehört hatten, zu verzichten. Dreyfus lehnte ab. Das Gespräch soll sehr kurz gewesen sein. Zwanziger legt heute Wert darauf, dass er den eigentlichen Hintergrund des Handels überhaupt nicht gekannte habe.

Dreyfus wurde dann immer ungeduldiger und die WM-Macher wollten Beckenbauer, der ja einen Schuldschein unterzeichnet haben soll, nicht hängen lassen. Irgendwie musste Dreyfus das Geld zurückbekommen.

Im Frühjahr 2005 kam dann jemand im OK - man streitet sich noch darum, wer wirklich die Idee hatte - auf den Trick, das Geld auf Umwegen an Dreyfus zurückzuzahlen. Der Millionenbetrag sollte, das war wohl mit der Fifa abgemacht, auf ein Konto des Weltfußballverbandes überwiesen und von dort an Dreyfus weitergeleitet werden. Das Problem war nur: Wie löst man das in der Buchhaltung? Der Name Dreyfus durfte nicht auftauchen. Es gab ja auch kein echtes Darlehen mit sauberen Papieren.

Der Betrag musste passend gemacht werden

Die Idee war: Die Summe sollte aus dem Kultur-Budget genommen werden. Da es aber keinen echten Anlass für eine solche Zahlung an die Fifa gab, wäre es auffällig gewesen, wenn man dem WM-OK-Aufsichtsrat, den es auch gab, einen krummen Betrag genannt hätte.

In einem Protokoll der OK-Präsidiumssitzung vom 7. April 2005 heißt es unter Ziffer 7: Das Präsidium stimme einer Zahlung an die Fifa in Höhe von sieben Millionen Euro "grundsätzlich" zu. Aber Dreyfus, von dessen Millionen der Aufsichtsrat keine Ahnung hatte, wollte ja nur 6,7 Millionen Euro.

Der Betrag musste also passend gemacht werden. Auf einer Tischvorlage für die entscheidende Sitzung des OK im April 2005 standen noch die sieben Millionen Euro. Dann soll Zwanziger aus dem Zuschuss für die Fifa 300 000 Euro für Personalkosten des deutschen OK herausgerechnet haben. Auf dem Vermerk findet sich seine Handschrift. Der damalige Bundesinnenminister Otto Schily (SPD), der dem OK-Aufsichtsrat angehörte, hat schon vor Monaten auf eine Anfrage der SZ erklärt: "Wenn der Betrag von 6,7 Millionen Euro genannt worden wäre, hätte es vermutlich Nachfragen gegeben haben, wie er zustande kommt".

Die Ermittler von Freshfields haben den vom DFB entlassenen früheren stellvertretenden Generalsekretär Stefan Hans gefragt, ob die Einbehaltung von Personal-und Sachkosten bei einer Zahlung üblich gesen sei. Hans erklärte, ihm falle kein ähnlicher Vorgang ein, bei dem das gemacht worden sei. Es habe sich um einen Sonderfall gehandelt, den es noch nie gegeben habe.

Im DFB ist ein Zitat von Hans zum geflügelten Wort geworden. Er hatte im Zusammenhang mit den 6,7 Millionen Euro von einem "Hochreck" der Verschleierung gesprochen. "An diesem Hochreck hat Herr Zwanziger maßgeblich geturnt" sagt ein DFB- Insider.

Die Staatsanwaltschaft will die Unterlagen prüfen

Zwanziger sieht das ganz anders. Er habe erst nach der Überweisung der 6,7 Millionen Euro an die Fifa von dem eigentlichen Zweck erfahren, sagt er auf Anfrage. Er habe damals im WM-OK gesagt: "Ihr müsst einen Weg finden, der sauber ist. Das geht nur über die Fifa".

Zwanziger sei "glaubhaft vermittelt" worden, dass es sich "um eine notwendige Provisionszahlung an Dreyfus handelte, die dem Interesse des DFB diente und mit der Fifa abgestimmt" gewesen sei, hat sein Anwalt neulich in einem Schriftsatz für einen anderen Streitfall geschrieben. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt, die im Zusammenhang mit den 6,7 Millionen Euro, gegen drei Beschuldigte, darunter Zwanziger, ein Steuerstrafverfahren eingeleitet hat, will sich die Unterlagen alle anschauen.

Die Verdachtsmomente gegen ihn seien falsch, sagt Zwanziger. "Ich habe mit dem Staatsanwalt telefoniert. Ich werde mich in Kürze bei der Staatsanwaltschaft äußern".

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