WM-Titel für Frankreich Ein goldener Dreizack in Blau

  • Kroatien war im WM-Finale von Moskau vor allem machtlos gegen ein französisches Trio: Kylian Mbappé, Paul Pogba und Antoine Griezmann.
  • Mbappé überzeugte mit seiner Geschwindigkeit, Pogba mit seiner Wucht und Griezmann mit seiner Nervenstärke.
  • Nationaltrainer Didier Deschamps setzte im Turnier auch deswegen auf eine defensive Taktik, weil er auf die Gefahr dieser Auserwählten vertraute.
Von Martin Schneider, Moskau

Die Drei ist in Frankreich eine besondere Zahl: Die Fahne hat drei Farben ("bleus, blanc, rouge") und heißt Tricolore, der Wahlspruch kennt drei Wörter (Liberté, Egalité, Fraternité), und zum Weltmeister-Titel haben die Mannschaft drei Spieler geführt. Da waren Kylian Mbappé mit seiner Geschwindigkeit, Paul Pogba mit seiner Wucht und Antoine Griezmann mit seiner Nervenstärke. Diese drei Fußballer waren am Sonntag in Moskau das Triangle d'or, das goldene Dreieck, das Frankreich beim 4:2 gegen Kroatien seinen zweiten Weltmeistertitel nach 1998 gebracht hat.

Griezmann, offiziell zum Spieler des Spiels gewählt, hatte zwei Tore vorbereitet und eins gemacht. Mit ihm begann Frankreichs Reise zum Pokal. Griezmann war es in der 18. Minute, der vor dem 1:0 den Freistoß herausholte - soll man clever dazu sagen? Noch bevor Marcelo Brozovic ihn von den Beinen holte, hob Griezmann in Erwartung des Zusammenpralls ab. Eine Aktion nahe der Schwalbe. Aber der Video-Schiedsrichter darf bei einem Foul im Mittelfeld nicht eingreifen, und so hatte Frankreich einen Freistoß in guter Position. Griezmann brachte ihn scharf herein, Mandzukic vollendete für ihn. 20 Minuten später versenkte der Mann von Atlético Madrid den ebenso umstrittenen Handelfmeter, es war sein dritter Strafstoß in diesem Turnier.

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Gegen Australien schoss er hart nach rechts, gegen Argentinien verlud er den Torwart und schoss nach links, diesmal wählte er wieder die clevere Variante und schoss mit Verstand statt mit Kraft nach links. Nach seinem Tor sprang er vor dem Kroatien-Block von einem Bein aufs andere und formte mit seiner Hand ein L vor seiner Stirn, das für "Loser" - Verlierer steht. Ein Jubel, angelehnt an das Computerspiel Fortnite, in der man in einer postapokalyptischen Welt ums Überleben kämpft. Irgendwie ist ja auch so ein WM-Finale auch ein Kampf ums Wesentliche.

Der 1,75-Meter-Mann, der mit einem Flügelhelm und einem blonden Schnauzbart wirklich ein bisschen wie Asterix aussehen würde, war der Grund, warum Frankreich zur Halbzeit mit einem Torschuss trotzdem zwei Tore erzielte. "Ich weiß gar nicht, wo ich bin", sagte er am Fifa-Mikrofon nach dem Spiel. Man sei schüchtern in das Spiel gegangen, Kroatien sei stark gewesen. Als er gefragt wurde, was sein Herz fühle, sagte Griezmann, der fast sein ganzes Leben in Spanien verbracht hat: "Das Herz ist glücklich." Er war einer von sechs Spielern, die die Niederlage im EM-Finale von 2016 gegen Portugal auf dem Platz miterlebt haben. Ein anderer war Paul Pogba.

In der 59. Minute wusste Pogba, dass es eine brillante Idee sein würde, Kylian Mbappé in ein Wettrennen zu schicken. Er bekam in der Mitte den Ball, hatte Schwierigkeiten, ihn zu kontrollieren. Aber er drehte sich um, schlug ihn nach vorne. Es war der Startschuss für Mbappé, loszulaufen. Er kam vor Ivan Strinic an den Ball, natürlich, er tanzte um die Kugel, seine Beine wirbelten. Dann spielte er den Ball in die Mitte, Griezmann jonglierte ihn noch kurz, dann vollendete Pogba seinen Spielzug einfach selbst. Er schoss mit rechts, ein Kroate stellte sich in den Weg, da schoss er mit links. Dann war der Ball drin.

Pogba stellte sein Ego in den Dienst der Mannschaft

Pogba, der ehemals teuerste Fußballer der Welt, der bei Manchester United mit der Last seiner 105-Millionen-Ablöse kämpfte und der früher den Spitznamen "Spitzhacke" hatte, weil er so oft vom Platz flog, stellte bei dieser Weltmeisterschaft sein Ego völlig in den Dienst der Mannschaft, war der erste Kämpfer in Deschamps' Defensiv-System und verzichtete weitgehend auf seine gefürchteten Weitschüsse. Bis zum Endspiel.

Und dann war da noch Mbappé, der sich mit einem satten Schuss aus dem Stand zum zweitjüngsten Final-Torschützen nach einem gewissen Pelé machte. Dieser Supersprinter, dieses Naturphänomen, der das besondere Element dieser französischen Mannschaft bei der Weltmeisterschaft war. Jeder Gegner wusste, was passieren würde, wenn dieser 19-Jährige ins Laufen kommt, aber niemand konnte es verhindern. Er wurde natürlich mit dem silbernen Ball für den besten Jugendspieler des Turniers ausgezeichnet.

Nationaltrainer Deschamps setzte im Turnier auch deswegen auf eine defensive Taktik, weil er wusste, dass vorne mindestens einer seiner Auserwählten für Gefahr sorgen kann. Griezmann, der bei diesem Turnier Meter um Meter machte und der bei der Wahl zum Spieler des Turniers Dritter hinter Belgiens Eden Hazard und Kroatiens Luka Modric wurde. Pogba, der beim Rückstand im Achtelfinale gegen Argentinien die Mannschaft pushte und im Halbfinale gegen Belgien in Manndeckung genommen wurde. Und Mbappé, der mit aller Unbekümmertheit und Geschwindigkeit sowieso nie zu halten war.

Griezmann, Pogba, Mbappé: Kroatien war im Regen von Moskau machtlos gegen diesen Dreizack in Blau. Machtlos wie alle anderen Mannschaften zuvor.

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