WM-Schiedsrichter:Webb repariert den Ruf seiner Branche

Lesezeit: 2 min

World Cup 2014 - Round of 16 - Brazil vs Chile

Gelbe Karte gegen Brasiliens Luiz Gustavo: Schiedsrichter Howard Webb widerlegte den Vorwurf, dass der Gastgeber bevorzugt werde.

(Foto: dpa)

Wenige Pfiffe, kleine Gesten, keine Aufregung: Dem Briten Howard Webb gelingt es im Achtelfinale zwischen Brasilien und Chile, den Eindruck der bisher überwiegend mäßigen Schiedsrichterleistungen bei dieser WM zu korrigieren. Und er rehabilitiert sich selbst.

Von Benedikt Warmbrunn

Die Augenbrauen nach unten gedrückt. Den linken Zeigefinger ausgestreckt. Ein sanfter Zischlaut. Schon hatte Howard Webb den wütenden Hulk gebändigt. Hulk, der bullige brasilianische Fußball-Nationalspieler, meckerte ein bisschen weiter, er hatte ein Tor geschossen, er wollte, dass es zählt. Aber auch Hulk merkte, dass dieser Schiedsrichter stärker war. Dass Howard Webb sich nicht beeinflussen lässt. Nicht von Hulk. Nicht von 57 000 kreischenden Zuschauern. Nicht einmal von den Wünschen und Verwünschungen von 200 Millionen Brasilianern.

Die 55. Minute im WM-Achtelfinale in Belo Horizonte, Gastgeber Brasilien gegen Chile, es steht 1:1. Eine Flanke auf Hulk, er nimmt den Ball an, mit der Brust, mit der Schulter, eventuell mit dem Arm, so genau kaum zu erkennen. Außer für Howard Webb. Der britische Schiedsrichter entscheidet sofort: Arm. Also: kein Tor. Es war die kniffligste Szene in einem emotionalen, intensiven, ruppigen Spiel. In dem Webb stets souverän blieb. Wenig Pfiffe. Kleine Gesten. Keine Aufregung.

In den 120 Minuten vor Brasiliens 3:2-Sieg im Elfmeterschießen widerlegte Webb den Vorwurf, dass der Gastgeber bevorzugt werde (im ersten Gruppenspiel gegen Kroatien gab es einen sehr freundlichen Elfmeterpfiff für Brasilien). Er korrigierte den Eindruck der bisher überwiegend mäßigen Schiedsrichterleistungen bei dieser WM. Und er rehabilitierte sich selbst.

Webb, 1971 in Rotherham, South Yorkshire geboren, war Polizeioffizier, ehe er sich für eine Karriere als professioneller Schiedsrichter entschied. 2003 pfiff er erstmals in der britischen Premier League, seit 2005 gehört er zu den Fifa-Schiedsrichtern. Webb wurde schnell einer der anerkanntesten Referees, er leitete sehr großzügig, pfiff selten Zweikämpfe ab, verteilte wenig Karten.

2008 durfte er mit zur EM, nach einem späten Elfmeterpfiff für Österreich gegen Polen bekam er Morddrohungen, der polnische Ministerpräsident Donald Tusk etwa sagte: "Nach dem Spiel wollte ich jemanden umbringen." Webb blieb ungerührt. Pfiff weiter. Im Mai 2010 das Champions-League-Finale zwischen Inter Mailand und dem FC Bayern, ein paar Wochen später das WM-Finale zwischen Niederlande und Spanien. Das Spiel, in dem Webb seine Souveränität verlor.

Es war ein emotionales, intensives, ruppiges Finale. Webb blieb großzügig, wenig Pfiffe, kleine Gesten. Große Aufregung. Er verlor die Kontrolle. Die Spieler traten und hackten, der Niederländer Nigel de Jong sprang mit ausgestrecktem Bein auf die Brust von Xabi Alonso. Für jeden eine rote Karte. Außer für Webb. Er zeigte die gelbe. Am Ende 13 Mal, dazu einmal gelb-rot. Die Spanier schimpften, die Niederländer schimpften. Webb blieb ungerührt. Pfiff weiter. Aber nie wieder in einem großen Spiel. Bis zu der Partie in Belo Horizonte.

Schon gilt der großzügige, souveräne, unaufgeregte Webb wieder als möglicher Schiedsrichter für das WM-Finale in Rio de Janeiro.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema