E-Cycling-WMApp statt Alpe d’Huez

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Zum dritten Mal ganz oben: Jason Osborne bei der E-Cycling-WM.
Zum dritten Mal ganz oben: Jason Osborne bei der E-Cycling-WM. Alex Whitehead/SWpix.com/Imago
  • Jason Osborne gewinnt zum dritten Mal die E-Sport-Cycling-WM in Abu Dhabi, nachdem er ursprünglich vom Rudern kam und 2024 seine Straßenradsport-Karriere beendete.
  • Die E-Sport-Cycling-WM findet seit 2024 in einer Messehalle in Abu Dhabi statt, wo 22 Sportler auf Smart-Bikes in drei virtuellen Etappen gegeneinander antreten.
  • Rund hundert nationale Radsportverbände tragen bereits Meisterschaften via App aus, wobei E-Sport-Cycling laut UCI-Beauftragtem Fraser dafür sorgt, dass mehr Menschen Rad fahren.
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Statt sich die Berge hinabzustürzen, nehmen immer mehr Radprofis an E-Cycling-Rennen teil. Bei der WM in einer Messehalle in Abu Dhabi gewinnt zum dritten Mal der Deutsche Jason Osborne.

Von Thomas Becker

Der Ort, an dem Jason Osborne seinen nächsten großen Triumph im Radsport einfährt, hat so gar nichts zu tun mit den Kehren von Alpe d’Huez oder dem Kopfsteinpflaster von Roubaix. In einer riesigen Halle in Abu Dhabi sind er und seine Rivalen zu einem Wettkampf zusammengekommen. Auf der Bühne strampeln dicht an dicht 22 schwitzende Sportler, und auf der großen Leinwand sind die Bilder der Avatare zu sehen, dazu die aktuellen Watt-, Puls- und Trittfrequenzwerte, die in Tausendstelsekunden gemessene Fahrzeit, die aktuelle Platzierung in der Etappe und der Rang in der vorläufigen Gesamtwertung.

E-Sport-Cycling-WM, so heißt dieser Wettkampf, der erst im Jahr 2021 erfunden wurde. Bis 2023 fand das Strampeln noch in der virtuellen Welt statt, in den Garagen oder Hobbyräumen der Sportler – bis der Weltradsportverband UCI erkannte, was für ein Massenphänomen während der Pandemie entstanden war. Und seitdem mit dem 2019 in Abu Dhabi gegründeten Unternehmen My Whoosh ein Player aufgetreten ist, der den bisherigen WM-Veranstalter und Trainings-App-Anbieter Zwift aus dem Rennen kegelte, wird die WM nicht mehr im virtuellen Irgendwo ausgetragen, sondern im fröhlich vor sich hin prosperierenden Wüstenemirat. Vor Publikum, in einer riesigen Halle, live gestreamt, eine regelrechte Bombast-Show.

Für die allererste Reihe des Straßenradsports ist das E-Cycling zwar nichts; der Dauerdominator Tadej Pogacar, der seine Siege in Diensten der Equipe UAE Team Emirates erringt, war nur mal als Zuschauer da. Der Mann, der diese Art von Wettkampf besser beherrscht als jeder andere, ist Jason Osborne, Sohn einer Deutschen und eines Briten. Bei der fünften WM hat er zum fünften Mal einen Platz auf dem Podium ergattert, zum dritten Mal den ganz oben.

Während eines Ruderlehrgangs wählte er sich ins Hotel-Wlan ein – und kurz darauf war er Weltmeister

Der 31-jährige Mainzer kommt ursprünglich vom Leichtgewichtsrudern, war 2018 Weltmeister im Einer und 2019 Europameister im Doppelzweier. Zum Ausgleich saß er öfter mal auf dem Rad oder Hometrainer. Letzteren hatte Osborne auch während eines Ruderlehrgangs in Portugal dabei, als er bei der gerade erst ins Leben gerufenen WM im E-Sport-Cycling mitmachte. Er setzte sich auf sein Smart-Bike, wählte sich ins Hotel-Wlan an, strampelte los – und war wenig später Weltmeister. Im Jahr davor hatte er schon im E-Indoor-Rudern Gold geholt. So sieht sie aus, die Sportwelt in Zeiten der Digitalisierung.

Frischluftfreunde mögen das befremdlich finden, doch letztlich spiegelt die Entwicklung nur den Trend, sich das Fitness- oder Yoga-Studio nach Hause oder aufs Smartphone zu holen. Räumliche und zeitliche Flexibilität sind Trumpf. Jacob Fraser, E-Sport-Beauftragter der UCI, der zuvor für Zwift und My Whoosh gearbeitet hat, freut sich über das rasche Wachstum: „Es ist eine Evolution.“

Rund einhundert nationale Radsportverbände tragen schon Meisterschaften via App aus, so Fraser: „E-Sport-Cycling wird nie Outdoor-Cycling ersetzen, aber es sorgt dafür, dass immer mehr Menschen Rad fahren.“ Mit dem guten alten Hometrainer haben moderne Smart-Bikes nicht mehr viel gemein: Herzfrequenzmesser, Powermeter, Kadenzmesser, dazu animierte Strecken auf dem Bildschirm, wöchentliche Rennen mit mehr als 2000 Dollar Preisgeld, 54 Routen in fünf virtuellen „Welten“ – bei so viel digitaler Ablenkung kann die Plackerei gar nicht langweilig werden.

Drei Etappen müssen die 22 Rivalen bewältigen. Wer hinter die Chase line zurückfällt, fliegt raus

Bei den Weltmeisterschaften am vergangenen Wochenende in Abu Dhabi sieht das dann konkret so aus: 22 Frauen (darunter drei Deutsche) und 22 Männer (Osborne als einziger Deutscher) aus 16 Nationen fahren via App gegeneinander, in drei Etappen, für die es jeweils Punkte gibt. Zunächst geht es in die „Berge“, acht Kilometer, bis zu 20 Prozent Steigung. Wer hinter die sogenannte Chase line zurückfällt, fliegt raus. Nach zehn Minuten Pause geht es auf Etappe zwei, zwölf Kilometer hoch und runter, zwei Sprints, zwei Bergwertungen, plus Bonuspunkte an der Ziellinie, heißt: überall punkten, um vorn dabei zu sein. Dritte Etappe: Sprint – wenn eh schon nichts mehr in den Beinen ist außer Laktat. Acht Runden zu je 1,5 Kilometer im Flachen, doppelte Punkte am Ende, gefragt sind Speed und taktische Präzision. Generell gilt: Kopf einschalten statt blindlings powern. Wer hier gewinnt, ist kein Spezialist, sondern ein kompletter Radfahrer. Wie Jason Osborne, der Mann mit dem Abo für das Regenbogen-Jersey.

Doch so unbestritten seine immensen Leistungswerte (beim Sieg am Samstag im Schnitt 424 Watt) sind: Für einen Platz in einem Profiteam bei den Straßenfahrern hat es dauerhaft nie gereicht. Nach der zweiten Olympiateilnahme 2021 stieg er vom Ruderboot aufs Rad um, bis Herbst 2024 fuhr er für das Team Alpecin-Deceuninck, war Gesamtzweiter der Tour of Austria, beendete danach aber die Karriere auf der Straße zugunsten des E-Sports und sagte: „Die letzten Monate haben mir gezeigt, dass meine Liebe für den Straßenradsport nicht mehr die ist, die sie mal war.“

An der frischen Luft ist er trotzdem gern, fährt auch Gravel-Rennen und kurbelt Alpenpässe hinauf. Die hat Abu Dhabi natürlich nicht zu bieten. Radfahrer stören das Stadtbild in diesem komplett auf Autoverkehr ausgelegten Kosmos nicht. Dafür gibt es auf Hudayriyat Island einen beleuchteten, autofreien Rundkurs. Aber demnächst werden dann auch die Straßenprofis ein besonderes Augenmerk auf das Land legen: Denn 2028 wird dann nicht nur die E-Cycling-WM in Abu Dhabi stattfinden, sondern auch die reguläre Straßen-WM.

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