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WM-Qualifikation:Eine kleine Baustellenbesichtigung

Northern Ireland v Germany - 2018 FIFA World Cup Qualifying - Gro

Der Jubel fällt bescheiden aus: Die DFB-Elf nach dem Sieg gegen Nordirland.

(Foto: dpa)
  • Die deutsche Nationalmannschaft qualifiziert sich souverän für die WM 2018.
  • Richtig ausgelassen jubeln die Spieler nach dem Erfolg gegen Nordirland aber nicht.
  • Der Bundestrainer hat trotz des Erfolgs Sorgen: Wie soll er die Außenverteidigerposition optimal besetzen?

Er habe sich "gefreut, dass wir es klargemacht haben", hat Thomas Müller am späten Donnerstagabend gesagt. Das war eine hilfreiche Information, so ganz sicher war das ja nicht: dass sich die Deutschen ernsthaft freuen an diesem Abend, an dem sie sich für die WM 2018 qualifiziert hatten. Kurz zuvor erst war Julian Draxler durch die Katakomben des Stadions in Belfast geeilt, mit Kapuze auf dem Kopf, obwohl es nachweislich nicht regnete. Und auch andere Spieler betonten eher pflichtbewusst, wie souverän und besonders das alles sei. So gesehen war es gut, dass Müller seine Freude erwähnte. Wenngleich er einräumte: "Der ganz große emotionale Ausbruch ist heute ausgeblieben."

Die DFB-Spieler wirkten ein bisschen wie Preisträger, die man spontan auf die Bühne gerufen hat, um dem Publikum etwas Nettes zu erzählen. Sie sollten etwas sagen zu ihrer Leistung, in diesem Falle ein 3:1 in Belfast gegen - ja, wirklich - Verfolger Nordirland. Natürlich ging diese Nachricht nicht als Überraschung durch: dass sich das DFB-Team für das Turnier in Russland qualifiziert hat. Aber neun Siege in neun Spielen? 38:3 Tore, also mehr als vier Tore im Schnitt pro Spiel? Die Aussicht auf zehn gewonnen Qualifikationsspiele? "Ich weiß nicht, ob das schon mal jemand geschafft hat", sagte Müller, um dann zu erfahren, dass Spanien das gelang - just bevor es 2010 die Weltmeisterschaft gewann.

Und das war jetzt also die Frage, die über diesem Abend hing: Was genau sagt diese Qualifikationsbilanz eigentlich aus?

Ein Sieg mit zwei Funktionen

In der Nationalmannschaft wissen sie ja, dass diese neun Siege nicht gegen Spanien, Frankreich und England errungen wurden, sondern gegen Nordirland, San Marino und Tschechien, unter anderem. "Souverän", fand Mats Hummels dennoch die Bilanz, "ein Ausrufezeichen" nannte sie Teammanager Oliver Bierhoff. Er glaube, "dass die Welt auf uns schaut und sieht, was wir beim Confed Cup und in der Qualifikation gemacht haben". Andererseits sagte er: "Wir müssen aufpassen, dass wir nicht denken, dass es ein Selbstläufer wird. Weil die anderen Nationen aufholen."

DFB-Elf in der Einzelkritik

Wagner entdeckt seine nordirischen Wurzeln

Dieses 3:1 in Belfast hatte so gesehen zwei Funktionen: Es war einerseits das Spiel, mit dem sich die deutsche Elf für die WM qualifizierte. Aber es war auch eine kleine Baustellenbesichtigung, ein Abend, der Bundestrainer Joachim Löw ein paar Erkenntnisse mehr geliefert und der ihn in einigen Ansichten bestätigt haben wird.

"Nur Kimmich auf ganz hohem internationalen Niveau"

Das ging los im Sturm. Das Spiel zeigte, wie viele Optionen Löw plötzlich zur Verfügung stehen. Wie würde das DFB-Team - ohne Timo Werner, ohne Mario Gomez - gegen die Nordiren angreifen? Gegen diese Mannschaft, die in sieben von acht Qualifikationsspielen ohne Gegentor geblieben war; die im Windsor Park ein Publikum auf ihrer Seite wusste, das jeden Befreiungsschlag, jede missglückte Aktion der Deutschen ausführlich feierte.

Löw hatte die Position in der Sturmmitte Sandro Wagner angetragen, und der spielte fast nordirischer als alle Nordiren. In jeden Zweikampf warf er sich, er diente als Anspielstation in der Spitze, schirmte Bälle ab - und traf aus der Distanz zum 2:0. "Wir haben sehr gute Möglichkeiten in der Offensive, viele unterschiedliche Spielertypen", sagte Hummels hinterher. Und Wagner sagte, auch angesichts der Einwechslungen von Leroy Sané und Lars Stindl: "Ich denke, über die Offensive brauchen wir uns keine Gedanken machen." Was er meinte: keine Sorgen.

Wie die Außenverteidigerposition besetzen?

Im Grunde scheint das auch für die weiteren Zentrumspositionen zu gelten, allein in der Abwehr standen sechs Innenverteidiger zur Verfügung, im Mittelfeld sortierten Toni Kroos und Sebastian Rudy das Spiel gegen die Nordiren, die zeitweise mit einem 5-5-0-System spielten: fünf Verteidiger und davor fünf sehr defensive Mittelfeldspieler. Was Löw vielmehr umtreibt, ist ein Thema, das sein Team schon lange verfolgt: die optimale Besetzung der Außenverteidigerposition.

Er sehe "nur Kimmich auf ganz hohem internationalen Niveau"', sagte Löw nach dem Spiel, die anderen müssten "reifen". Für Marvin Plattenhardt war das nicht die beste Nachricht, er hatte gerade 90 Minuten lang als weiterer Außenverteidiger gespielt. Jahrelang bestand ja eine Vakanz auf genau dieser linken Seite, mal spielte dort Marcel Schmelzer, mal Erik Durm, mal Benedikt Höwedes, zuletzt eigentlich immer Jonas Hector (der diesmal verletzt fehlte). Die rechte Seite kam hingegen ohne größere Fluktuation aus, bis zu seinem Karriereende spielte dort Philipp Lahm, nun halt Kimmich - der erst das 1:0 von Rudy vorbereitete und später das 3:0 selbst schoss. Wobei Löw auch sagte, dass er sich wünsche, die Positionen auf Außen doppelt zu besetzen. Das kann er selbst rechts hinten höchstens noch mit dem Leverkusener Benjamin Henrichs.

Es gebe "viele Positionen, wo wir sehr viel Auswahl haben, auf anderen Positionen vielleicht ein bisschen weniger", sagte auch Thomas Müller. Es ist wahrscheinlich zu spät für Löw, bis zum Sommer einen neuen Weltklasse-Linksverteidiger zu casten, der Plan wird darin bestehen, auf eine reibungslose Genesung von Hector zu hoffen. Eine seiner Aufgaben wird sein, in den Spielen bis zur WM einen Plattenhardt so gut zu integrieren, dass er keine Bedenken haben muss, ihn im Ernstfall aufzustellen. Das Spiel am Sonntag gegen Aserbaidschan könnte da ein weiterer Schritt sein. Und es könnte jenes Spiel sein, mit dem das DFB-Team den Qualifikationsrekord der Spanier einstellt.

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