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WM-Qualifikation:Ein Land richtet sich auf

171009 ALEXANDRIA Oct 9 2017 Essam El Hadary of Egypt celebrates after winning the 2018 F

Später Jubel: Ägyptens Torwart Essam al-Hadary wird bereits 45 Jahre alt sein, wenn er 2018 bei der Weltmeisterschaft in Russland antreten darf.

(Foto: Xinhua/Imago)

Ägypten qualifiziert sich zum ersten Mal seit 28 Jahren für eine Fußball-WM - der Einzug in die Endrunde wird sogleich vom Regime genutzt.

Die Fans im Borg el-Arab-Stadion bei Alexandria feiern schon den Einzug der ägyptischen Nationalmannschaft in die Endrunde der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, da durchkreuzt Arnold Bouka Moutou alle Träume: 88. Minute, Flanke an den Fünfmeterraum, der kongolesische Mittelfeldspieler schiebt den Ball vorbei am 44 Jahre alten Torwart Essam el-Hadary, dem legendären Kapitän der Pharaonen. Stille. Entsetzen. Kein Laut unter den mehr als 80 000 im Stadion. Und den Millionen in den Straßencafés von Kairo, vor Leinwänden, die im ganzen Land aufgestellt worden sind. Jeder Sieg hätte gereicht, das 1:0, das der Stürmer Mohamed Salah in der 63. Minute geschossen hatte. Sie wären weiter gewesen.

Und nun? Wieder eine Enttäuschung, wie beim verlorenen Finale der Kontinentalmeisterschaft im Februar? Auch damals war Ägypten 1:0 in Führung gegangen, um dann noch 1:2 gegen Kamerun zu verlieren. Nur ein Unentschieden gegen den Tabellenletzten der Afrika-Gruppe E in der Qualifikation? Und dann ein Showdown gegen Ghana, das es 2006, 2010 und 2014 zur WM geschafft hat und sich ohnehin vom Schiedsrichter verpfiffen fühlte beim 0:0 gegen Uganda? Der hatte ein reguläres Tor in der Nachspielzeit nicht anerkannt und zuvor schon einen Elfmeter nicht gegeben.

Mohammed Salah trifft per Elfmeter in der Nachspielzeit

Stunden vor dem Anpfiff strömen die Ägypter auf die Straßen, in die Cafés, zum Public Viewing, gehüllt in rot-weiß-schwarze Flaggen, geschminkt in den Landesfarben, mit Vuvuzelas ausgestattet und anderen Krachmachern, als stünde die Mannschaft schon im Finale von Moskau. Die Menschen sind fußballverrückt, für viele der 95 Millionen Ägypter gibt es sonst wenig, über das sie ausgelassen jubeln könnten. Das Leben ist hart in diesem stolzen Land, seit die Währung vor einem Jahr freigegeben wurde und das Pfund gegenüber dem Dollar die Hälfte an Wert verloren hat. Die Devisenreserven haben sich seitdem zwar auf 36 Milliarden Dollar verdoppelt, aber was die Ägypter spüren, ist die Inflation. Sie hat im Juli 35 Prozent erreicht - und ist seitdem kaum gefallen.

Fünf Minuten Nachspielzeit zeigt der vierte Unparteiische von der Seitenlinie. Das ganze Land wartet auf ein Wunder, noch immer stumm vom Schock der 88. Minute. Als die "schwierigsten Momente meines Lebens" wird der Stürmer Mohamed Salah diese Minuten nach dem Spiel bezeichnen. Der 25-Jährige war noch nicht geboren, als Ägypten zum vorerst letzten Mal in eine WM-Endrunde einzog. 1990 war das, in Italien. Davor hatte sich die Mannschaft nur 1934 qualifiziert. Nun wollte sie unter dem argentinischen Trainer Héctor Cúper "dem Albtraum von 28 Jahren" ein Ende setzen, wie die Zeitungen schrieben.

Die Minuten ticken herunter, der vielleicht letzte Angriff in der 94. Minute. Trezeguet, der in Wahrheit Mahmoud Ibrahim Hassan heißt, wird im Strafraum zu Fall gebracht. Der Schiedsrichter zeigt auf den Punkt. Die Ersatzspieler stürmen jubelnd auf den Rasen, in den Cafés gibt es kein Halten mehr. Mohamed Salah, für den der FC Liverpool 42 Millionen Euro an AS Rom überwiesen haben soll, läuft an. "Ich habe an nichts gedacht in diesem Moment, als zu treffen und das Match zu gewinnen", sagte er später. Und er trifft. Trocken. Flach. Ins rechte Eck. Kongos Torwart war nach links gesprungen. Ein ganzes Land richtet sich auf an diesem einen Tor.

"Gratulation an die ägyptische Mannschaft! Gratulation an den Präsidenten der Republik, Abdelfattah al-Sisi! Gratulation an das ägyptischen Volk", ruft der Kommentator, die Stimme überschlägt sich. Er wiederholt das minutenlang wie eine Ehrenrunde im Stadion - wissend, dass seine Worte im Jubel untergehen. Salah, Trezeguet und Cúper werden auch noch bedacht, ebenso wie Torwart el-Hadary, der am Tag danach schon scherzhaft von der Weltmeisterschaft 2022 redet. Er wäre dann 49 Jahre alt. Aber da ziehen längst hupende Autokorsos durch die Städte.

Es ist das erste Mal seit Sommer 2013, dass das vom Militär dominierte Regime von Präsident Sisi Menschen auf die Plätze lässt; damals hatte es nach Massendemonstrationen die Macht übernommen. Zehntausende feiern auf dem Tahrir-Platz in Kairo, verbrüdern sich mit den schwarz gekleideten Polizisten der Sondereinheiten des Innenministeriums. Sie schießen sonst schnell mit Tränengas, wenn sich irgendwo Menschen versammeln und sich Proteste entwickeln könnten. Die Ultras der Kairoer Klubs Zamalek und auch al-Ahly standen nicht selten auf der anderen Seite, wenn es Schläge gab und mehr.

Die ägyptische Liga spielt seit 2014 vor leeren Rängen. Beim Versuch, die Zuschauer zurück in die Stadien zu lassen, kam es im Februar 2015 zu einer Massenpanik mit 19 Toten, die auch dadurch ausgelöst wurde, dass die Polizei Tränengas auf die Fans schoss, die in das Stadion bei Kairo drängten. Von 2012 bis 2014 war die Liga ausgesetzt, nachdem 74 Menschen - unter ihnen 72 Ahly-Ultras - bei Unruhen in einem Stadion in Port Said getötet worden waren, denen die Sicherheitskräfte nicht Einhalt gebieten konnten oder wollten.

Nun versucht das Regime den Erfolg auch für sich zu nutzen: Präsident Sisi empfing die Mannschaft am Montag während der Eröffnung des neuen Messezentrums von Kairo und dankte den Spielern, vor allem dem neuen Nationalhelden Mohamed Salah. Im Hintergrund war auf einer riesigen Video-Leinwand immer wieder sein Siegtor zu sehen. Die Ägypter ließen sich davon die Laune nicht vermiesen, ebenso wenig von Prämien von umgerechnet 72 000 Euro, mit denen laut lokalen Medien die Spieler belohnt wurden - in einem Land mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 3300 Euro im Jahr. Vor der Abwertung wohlgemerkt.