Hansi Flicks erster Kader:Mit Lust auf Experimente

SOCCER - BL, RBS vs A.Klagenfurt SALZBURG,AUSTRIA,21.AUG.21 - SOCCER - ADMIRAL Bundesliga, Red Bull Salzburg vs SK Austr; Adeyemi

Karrieresprung: An Karim Adeyemi von RB Salzburg findet Bundestrainer Flick Gefallen.

(Foto: Thomas Bachun /Gepa/Imago)

Zu seiner ersten Länderspieltour nominiert Bundestrainer Hansi Flick ein paar alte Bekannte und drei Neulinge. Die größten Veränderungen werden aber taktischer Natur sein.

Von Martin Schneider

Wäre natürlich interessant gewesen, wie Hansi Flick das mit Jérôme Boateng gemacht hätte. Ihn nominieren? Auf ihn verzichten? Als er noch Trainer des FC Bayern war, war Boateng Stammspieler unter Flick, doch bei der Europameisterschaft im Sommer inkludierte Flicks Vorgänger Joachim Löw Boateng explizit nicht in die Rückholaktion der Veteranen Mats Hummels und Thomas Müller. Schwierige Situation. Es kommt Flick allerdings nun entgegen, dass Boateng noch keinen neuen Verein gefunden hat. Deshalb kann der neue Bundestrainer in der Angelegenheit erstmal folgenlos abwarten.

Obwohl dieses kleine Rätsel unaufgelöst bleibt, kann man nicht sagen, dass Flicks erstes 26-Spieler-Aufgebot für die drei WM-Qualifikationsspiele gegen Liechtenstein (2. September), Armenien (5. September) und auf Island (8. September) uninteressant sei - ganz im Gegenteil. Gleich drei Debütanten berief Flick: Innenverteidiger Nico Schlotterbeck (21, SC Freiburg), Linksverteidiger David Raum (23, TSG Hoffenheim) sowie den 19-jährigen Stürmer Karim Adeyemi von RB Salzburg.

"Nico Schlotterbeck hat eine sehr gute U21-EM gespielt, ein Linksfuß, der sehr variabel eingesetzt werden kann", sagte Flick. "David Raum hat ja zusätzlich noch Olympia gespielt, er war sehr belastet, aber er hat es verdient, dabei zu sein, weil wir gerade auf der linken Verteidigerposition nochmal einen anderen Spieler sehen wollten, das war uns wichtig", begründete Flick die Nominierung in einem vom DFB aufgezeichneten Video. Speziell zu Adeyemi sagte Flick nichts, aber es ist offensichtlich, dass er mit dem Stürmer, der sich gerade mit Salzburg für die Champions League qualifiziert hat, die ewige Neuner-Lücke schließen will. Inwiefern das ein international weitgehend unerfahrener 19-Jähriger kann, ist natürlich wieder eine ganz andere Sache.

Reus sei "einer der besten im letzten Drittel", sagte der Bundestrainer

Dazu kommen fünf Spieler, die bei der EM keine Rolle spielten: der Dortmunder Mo Dahoud etwa, der eine starke Rückrunde absolvierte, Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain, dazu die U21-Spieler Florian Wirtz und Ridle Baku sowie Marco Reus. Der Dortmunder Kapitän verzichtete freiwillig auf die EM, wurde von Flick aber schon in den vergangenen Tagen explizit gelobt. Reus sei "einer der besten im letzten Drittel", sagte der Bundestrainer.

Nicht dabei ist wie erwartet Mats Hummels, der an einer Verletzung laboriert, auch Matthias Ginter und Robin Koch sind nicht fit, und Torwart Marc-André ter Stegen wurde im Mai an der Patellasehne operiert und ist ebenfalls noch nicht dabei. Mutmaßlich aus Leistungsgründen fehlen Julian Draxler, auf den Löw ebenfalls schon bei der EM verzichtete und Kevin Volland von der AS Monaco. Ebenfalls nicht dabei ist Mario Götze, den Flick aber explizit im Auge behalten will.

Es ist anzunehmen, dass die größten Änderungen trotz eines Kaders mit ein paar Überraschungen aber taktischer Natur sein werden. Flick spielte mit dem FC Bayern ein extrem hohes Pressing, Löw kultivierte in vielen Spielen einen vorsichtigeren Fußball. Im Mittelfeld fehlt nach dem Rücktritt von Toni Kroos eine zentrale Figur - Joshua Kimmich wird da nach seinem Ausflug auf die rechte Seite wieder zurückkehren. Um den Spieler herum wird Flick Ilkay Gündogan, Leon Goretzka und Thomas Müller platzieren - wie, in welcher Formation und ob überhaupt alle Platz finden, ist eine spannende Frage. Zudem fiel Flick bislang nicht als Freund der Dreierkette auf, mit der Löw im Sommer versuchte, den chronischen Mangel an Außenverteidigern und die wacklige Abwehr zu kompensieren.

Ein bisschen Druck ist auch dabei

Darüber hinaus hat Flick als neuer Bundestrainer aber auch die übergeordnete Aufgabe, die Menschen wieder für die erste Mannschaft des Landes zu begeistern. Für das Länderspiel in Stuttgart gegen Armenien verteilte der Deutsche Fußball-Bund Freikarten - als Dankeschön, wie es heißt. Das ist einerseits eine schöne Geste, andererseits erspart es dem DFB aber möglicherweise auch die Peinlichkeit, die Tickets nicht loszuwerden. Schon vor der Pandemie fand manches Länderspiel vor unausgefüllten Tribünen statt.

"Wichtig ist, dass die Mannschaft zeigt, was für eine Qualität sie hat, denn sie hat eine enorme Qualität", sagte Flick. "Wir alle sind heiß drauf, mit der Mannschaft zu arbeiten und sie auf die Spiele vorzubereiten." Das Auftaktprogramm liest sich auf dem Papier ideal, um zu experimentieren, allerdings steht die Mannschaft zumindest ein bisschen unter Druck. Im Frühjahr setzte es eine 1:2-Heimniederlage gegen Nordmazedonien, Deutschland ist gerade Tabellendritter - und nur der Gruppensieger reist direkt nach Katar.

Der Kader im Überblick:

Tor: Manuel Neuer (Bayern München), Bernd Leno (FC Arsenal), Kevin Trapp (Eintracht Frankfurt)

Abwehr: Ridle Baku (VfL Wolfsburg), Robin Gosens (Atalanta Bergamo), Thilo Kehrer (Paris St. Germain), Lukas Klostermann (RB Leipzig), David Raum (TSG Hoffenheim), Antonio Rüdiger (FC Chelsea), Nico Schlotterbeck (SC Freiburg), Niklas Süle (Bayern München)

Mittelfeld/Angriff: Karim Ademeyi (Red Bull Salzburg), Mahmoud Dahoud (Borussia Dortmund), Serge Gnabry (Bayern München), Leon Goretzka (Bayern München), Ilkay Gündogan (Manchester City), Kai Havertz (FC Chelsea), Jonas Hofmann (Borussia Mönchengladbach), Joshua Kimmich (Bayern München), Thomas Müller (Bayern München), Jamal Musiala (Bayern München), Florian Neuhaus (Borussia Mönchengladbach), Marco Reus (Borussia Dortmund), Leroy Sané (Bayern München), Timo Werner (FC Chelsea), Florian Wirtz (Bayer Leverkusen)

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