In der 77. Minute passierte es dann doch. So lange hatte Ann-Katrin Berger an diesem Abend nichts zu tun gehabt; Deutschlands Torhüterin hätte in Ruhe „Drei im Weggla“ essen können, es wäre nicht weiter aufgefallen. Aber dann unterlief Carlotta Wamser ein Stellungsfehler, und die sonst so harmlosen Österreicherinnen witterten ihre Chance, in diesem WM-Qualifikationsspiel doch noch einen eigenen Akzent zu setzen. Verena Hanshaw schickte Chiara D’Angelo mit einem langen Pass den linken Flügel entlang, niemand kam hinterher – und Berger an den Schuss nicht mehr dran. Da war er also, der Schönheitsfehler einer Partie, deren Ergebnis dennoch den Spielverlauf spiegelte.
Fünf Minuten später machte Wamser ihren Fehler wieder wett, ihr scharfes Zuspiel nahm Lea Schüller ein paar Schritte mit und setzte mit Unterstützung des Innenpfostens den 5:1-Schlusspunkt des Abends. Drei Spiele, drei Siege, 14:1 Tore, so lautet die Bilanz des Teams von Bundestrainer Christian Wück nun vor dem Wiedersehen mit Österreich zum Rückspiel am Samstag in Ried.
Wirklich zufrieden hatte Wück während der Partie trotzdem nicht ausgesehen, und diesen Eindruck bestätigte er direkt nach dem Abpfiff dann auch im ZDF: „Als Trainer darf man auch mal ein bisschen meckern“, sagte der Bundestrainer. „Zu viele einfache Fehler“ hatten ihn erzürnt: „Wir machen uns das Leben selbst schwer.“ Zu wenige Spielerinnen seien an „an ihre Leistungsgrenze gegangen“. Immerhin: Ihre Tore haben die Deutschen am Ende trotz mancher Schludrigkeit erzielt.
Zur Führung braucht es einen Standard: Nicole Anyomi trifft nach einer Ecke
Im vergangenen Jahr hatten die DFB-Frauen sich in der Nations League mit 4:1 und 6:0 gegen Österreich durchsetzen können. An der Rollenverteilung hat sich seither nichts geändert: Die Österreicherinnen, von denen viele in der Bundesliga spielen, stecken in einer Krise. Erst einen Schuss hatten sie in dieser WM-Qualifikation bisher überhaupt aufs Tor gebracht. Dass diese Statistik am Dienstagabend vor 24 237 Zuschauern im Max-Morlock-Stadion nicht auf den Kopf gestellt werden würde, zeichnete sich direkt ab. Die Österreicherinnen waren, tief stehend, ausgelastet damit, die Angriffe der Deutschen abzuwehren, die dem Tor allein in den ersten zehn Minuten zweimal gefährlich nahekamen. Zur Führung in der 17. Minute aber brauchte es einen Standard: Nach einer Ecke von Jule Brand versuchte es erst Rebekka Knaak mit dem Kopf, dann Janina Minge mit dem Fuß – bis Nicole Anyomi den Ball zum 1:0 über die Linie grätschte.
Der Bundestrainer vertraute weitgehend jenen Spielerinnen, die zuletzt gegen Norwegen überzeugt hatten. Nur eine Änderung nahm Wück vor: Linda Dallmann begann im Zentrum, Brand rückte von der Zehn auf ihre frühere Stammposition, weshalb Wamser vom rechten Flügel auf die Bank gesetzt wurde. Die Perspektive der 22-Jährigen änderte sich jedoch schnell wieder. In der 27. Minute blieb Giulia Gwinn nach einem Zusammenprall längere Zeit liegen, mit dem Gesicht zum Rasen gedreht, die Füße immer wieder in den Platz schlagend. Die DFB-Kapitänin war über Melanie Brunnthaler geflogen und dann ungebremst auf die Schulter geknallt. Nach der ersten Behandlung spielte Gwinn weiter, fünf Minuten später aber musste sie ausgewechselt werden, Wamser übernahm ihre Position rechts außen in der Abwehrkette.

Die Deutschen standen mit jener Dominanz auf dem Platz, mit der sie in dieses turnierfreie Jahr gestartet waren. Die Effizienz, die sie im März gegen Slowenien (5:0) und Norwegen (4:0) so stark gemacht hatte, ließ sie aber vermissen. Aus all den Angriffen resultierten durchaus Großchancen. Franziska Kett aber verrutschte der Ball leicht, Anyomis nächster Versuch wurde blockiert – und als Brand allein aufs Tor zurannte, lenkte Österreichs Keeperin Mariella El Sherif den Schuss geschickt mit dem Fuß übers Tor.
In den vergangenen Trainingstagen in Herzogenaurach hatte vor allem ein Thema im Mittelpunkt gestanden. „Ein ganz großer Schwerpunkt war das Timing“, hatte Wück am Montag erzählt. „Das Timing im Loslaufen, das Timing im Passspiel, das Timing im Räume öffnen und Räume bespielen.“ Wirklich getestet, ob sie das Erlernte verinnerlicht haben, wurden die Deutschen aber nicht, Torhüterin Berger wurde kaum mal gestört.
Jule Brand nutzte den Abend nicht nur dafür, daran zu erinnern, dass sie sich auf der Außenbahn nach wie vor ziemlich wohlfühlt. Die 23-Jährige von Olympique Lyon wurde auch zur entscheidenden Vorbereiterin. Nach der Ecke vor dem 1:0 übernahm Brand auch die Vorlagen der beiden nächsten Treffer. Erst flankte sie den Ball nach einem gewonnenen Zweikampf schnell und präzise auf den zweiten Pfosten, Vivien Endemann musste in der 52. Minute nur den Fuß hinhalten, um auf 2:0 zu erhöhen. Dann war es wieder ein Eckball von Brand, den Sjoeke Nüsken in der 68. Minute mit dem Kopf an den Kopf von Sarah Puntigam lenkte, Eigentor, 3:0.
Viermal tauschte Bundestrainer Wück in den folgenden Minuten sein Personal, die entscheidende Spielerin aber blieb dieselbe. Denn was fehlte Brand an diesem Abend noch? Richtig! Nach einem eigenen Abstoß verloren die Österreicherinnen die Kontrolle, die eben eingewechselte Larissa Mülhaus bediente Brand auf der rechten Seite. Brand zog in der 76. Minute zum 4:0 ins lange Eck ab – und machte ihren Abend perfekt.

