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WM-Qualifikation:Alarm ist eben relativ

Ratlos: Italiens Nationaltrainer Gian Piero Ventura hätte wohl auch nicht gedacht, dass seine Elf zu Hause gegen Mazedonien nur 1:1 spielt.

(Foto: Marco Bertorello/AFP)

Bundestrainer Joachim Löw macht sich Sorgen um den deutschen Fußball? Nun ja: höchstens ein bisschen. Denn ein Blick auf diverse Qualifikations-Dramen beweist: Düster sieht es anderswo aus.

1:1 gegen Mazedonien! Und nun: Zittern vor Albanien! Nein, es läuft gerade nicht viel zusammen in Italiens Nationalmannschaft. Der ewige Rekordtorwart Gianluigi Buffon hält inzwischen nach jedem Länderspiel eine Brandrede: "Wir dachten, auf einem höheren Niveau zu sein", mahnte er diesmal, "jetzt müssen wir uns mit Stolz aus dieser Lage aufraffen. Wir brauchen eine psychologische Wende." Aber ob diese psychologische Wende nun ausgerechnet Gian Piero Ventura zuzutrauen ist? Jenem 69-jährigen Commissario Tecnico, der in seinen 36 Jahren als Trainer von Virtus Entella über ACR Messina bis zum FC Turin eine Menge Mittelklasse-Klubs betreut hat, ehe man ihm 2016 die Squadra Azzurra anvertraut hat, ohne dass jemand so richtig weiß, wieso?

Die Wahrscheinlichkeit, dass Italien tatsächlich die WM 2018 in Russland verpasst, ist nach wie vor überschaubar. Aber Spanien ist längst außer Reichweite als Tabellenführer der Gruppe G, und wenn am Montag in Albanien nicht wenigstens ein Unentschieden herausspringt, dann könnten sogar die beiden Playoff-Partien im November in Gefahr sein für die Italiener, die seit 1962 bei jeder WM dabei waren. Und selbst wenn es noch mal gut ginge, müsstem auch diese Entscheidungsspiele ja erst noch bewältigt werden...

Statt psychologischer Wende ist da deshalb erst mal Fatalismus und Fassungslosigkeit. "Die Azzurri versinken im totalen Chaos", schrieb die Gazzetta dello Sport. Und Tuttosport hat auch den Schuldigen ausgemacht: "Ventura, Basta!" Ventura, es reicht.

Ach, wie vergleichsweise läppisch nehmen sich da die Alarm-Schlagzeilen aus, die es rund um die deutsche Nationalmannschaft in der vergangenen Woche gab?

Dass der ewige Rekord-Jogi 2018 schon in sein sechstes Turnier als Cheftrainer zieht, wird von der Branche als glückliche Fügung und überhaupt als alternativlos begrüßt. Den Alarm, den schlägt in Deutschland allenfalls der Bundestrainer Joachim Löw selbst. Wobei das, wenn man genau hingehört hat, ja kein schriller Alarm war, eher ein jogimäßiger Scho-au-irgendwie-Alarm. "Ein wenig alarmierend", nannte es Löw vor der Partie am Donnerstag in Nordirland (3:1), dass in der Vorwoche sämtliche deutsche Europapokal-Starter eine Niederlage kassiert hatten, vom FC Bayern bis zum 1. FC Köln, was wirklich kein Ausweis von deutscher Fußballgroßartigkeit war. Also sprach Löw: "Wenn gesagt wird, die Bundesliga ist die beste Liga überhaupt, sollte man sich hinterfragen, ob das tatsächlich stimmt. Da muss man sich sicherlich Gedanken machen." Ende des Alarms.

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Tatsächlich wird das ja gar nicht so häufig gesagt, dass die Bundesliga die beste Liga überhaupt sei. Und darüber hinaus ist festzuhalten, dass es gerade Löws Nationalmannschaft auf bemerkenswerte Weise gelingt, sich von Negativtrends in den Klubs zu entkoppeln, mögen diese nun kurze Ergebnis-Dellen sein oder als längere, strukturell bedingte Täler daherkommen.

Gute Spieler reichen nicht mehr, es braucht eine taktische Idee

Wer einen Blick auf die Quali-Tableaus für die Russland-WM wirft, sieht Straucheln und hört Wehklagen: Die Türkei ist raus. Österreich ist raus. Italien muss zittern. Holland ist Holland. Und England ist zwar qualifiziert, aber in so trostloser Stimmung, dass die Zuschauer zuletzt beim 1:0 gegen Slowenien Papierflieger aufs Feld warfen und die eigenen Spieler verhöhnten. In Südamerika braucht der WM-Finalist Argentinien schon die Hilfe der Konkurrenz, um sich samt Lionel Messi noch nach Russland zu retten.

Daran, dass Italienern, Türken, Argentiniern oder gar den missmutigen Engländern die talentierten Spieler ausgehen, liegt es eher nicht, dass sich ihre Nationalmannschaften mehr schlecht als recht durch die Qualifikation würgen. Eher daran, dass es heutzutage halt nicht mehr reicht, eine Ansammlung noch so guter Spieler ohne eine klare taktische Idee aufs Feld zu schicken. Doch der alte Italien-Coach Ventura scheint einen strategischen Plan vom Fußballspielen ebenso wenig vermitteln zu können wie der junge, aber wenig entscheidungsfreudige England-Coach Gareth Southgate. Und die Erwartung, dass Messi seine Argentinier schon irgendwie ins Paradies führen wird, wenn man nur alle Bälle schön auf ihn spielt, die lastet selbst auf diesem Ausnahmekönner zu schwer auf den Schultern.

Joachim Löw mag ja recht haben: Die exquisite Nachwuchsschulung in den Elite-Internaten der Klubs, mit denen in Deutschland schon 2004 begonnen wurde, haben andere Ligen inzwischen kopiert. Und dass es nicht reicht, mit Investorengeld teure Spieler zu kaufen, sondern dass es auch Trainer braucht, die daraus funktionierende Mannschaften formen, das hat sich insbesondere in der englischen Premier League inzwischen herumgesprochen.

Aber solange über die Nationalmannschaften vieler Länder weiter die Verbandspatriarchen herrschen, solange als Nationaltrainer populäre Ex-Kicker oder greise Kompromisskandidaten ausgewählt werden, so lange kann sich Joachim Löw auch in seinem sechsten Turnier scho au irgendwie weiter als Avantgarde fühlen. Als einer, der sein riesiges Reservoir an Talenten klug zu nutzen weiß.

Alarm ist eben relativ.

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