WM-Quali:Griechischer Fußball spielt am moralischen Abgrund

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Greece vs. Bosnia and Herzegovina

Tor in letzter Minute: Georgios Tzavellas (3), feiert den Ausgleich gegen Bosnien-Herzegowina.

(Foto: dpa)

Notorischer Korruptionsverdacht, Fans glorifizieren Völkermord, das Haus des Schiedsrichter-Chefs brennt: Allein die Leistungen der Nationalelf unter dem deutschen Trainer Michael Skibbe machen im griechischen Fußball Hoffnung.

Von Tobias Schächter

Georgios Tzavellas, das haben die meisten wegen der ansonsten bescheidenen Auftritte des Griechen im Trikot von Eintracht Frankfurt (2010 bis 2012) längst vergessen, hat einmal einen Bundesligarekord aufgestellt: Am 12. März 2011 drosch der Linksverteidiger den Ball aus 73 Metern für die Eintracht ins Tor von Schalke 04 - aus größerer Entfernung hatte bis dahin noch kein Spieler getroffen. Geholfen hat den Frankfurtern das einzige Bundesligator von Tzavellas übrigens nicht, am Ende der Saison stiegen sie ab - und nur zehn Tage nach dem denkwürdigen Kunstschuss des Außenverteidigers wurde damals ein gewisser Michael Skibbe vom Traineramt bei der Eintracht freigestellt.

Aber oft ist es ja tatsächlich so, dass man sich im Leben mindestens zweimal über den Weg läuft: Skibbe ist seit einem Jahr Nationaltrainer von Griechenland, und Tzavellas, mittlerweile bei Paok Saloniki aktiv, ist jetzt wieder sein Spieler. Am Sonntagabend rettete just jener Tzavellas der griechischen Auswahl von Skibbe durch ein Tor in der fünften Minute der Nachspielzeit das wertvolle 1:1 im WM-Qualifikationsspiel gegen Bosnien-Herzegowina.

Das Remis sichert den Griechen nach vier Spieltagen weiterhin den Playoff-Tabellenplatz zwei in der Gruppe H mit nun zehn Punkten. Bosnien hat als Dritter nur sieben Zähler und wäre - Stand jetzt - raus. Tabellenführer Belgien feierte am Sonntag eine 8:1-Gala gegen Estland.

Die lange, letztlich entscheidende Nachspielzeit in Piräus machte ein Tumult während einer Spielunterbrechung (78.) notwendig: Der bosnische Mittelstürmer Edin Dzeko (ehemals VfL Wolfsburg, jetzt AS Rom) zog dem griechischen Abwehrchef Sokratis von Borussia Dortmund bei einem Rugby-ähnlichen Gerangel um den Ball die Hose runter und wurde deshalb mit Gelb-Rot vom Platz gestellt. Im anschließenden Handgemenge zwischen Spielern beider Teams leistete sich Sokratis' Abwehrkollege Papadopoulos von RB Leipzig eine Tätlichkeit und sah Rot. Bei zehn gegen zehn kamen die Griechen dann nicht unverdient zum Ausgleich.

Der griechische Klubfußball steht chronisch unter Korruptionsverdacht

Zusammenhalt war nicht die Stärke der griechischen Elitekicker, als sie Skibbe im Oktober 2015 übernahm. Nach der peinlichen Qualifikation für die EM 2016 mit zwei Niederlagen gegen die Färöer schoben sich die Spieler gegenseitig die Schuld in die Schuhe. Nach einem 0:1 bei seinem Debüt in Luxemburg redete Skibbe dann Klartext: "Wer keine Lust hat und keinen Teamgeist zeigt, der wird rausgeschmissen - fertig."

Nach drei folgenden Pflichtsiegen in der WM-Qualifikation - in Gibraltar (4:1), gegen Zypern (2:0) und in Estland (2:0) - darf das Remis gegen Bosnien als weiterer Stabilisierungsschritt gewertet werden. Nach seiner bisher letzten Bundesligastation bei Hertha BSC in Berlin, wo Skibbe nach fünf Pflichtspielpleiten 2012 nach nur 50 Tagen im Amt gefeuert wurde, trainierte er mäßig erfolgreich in der Türkei (Karabükspor, Eskisehirspor) und in der Schweiz Grasshopper Zürich. Seine Vereinstrainerkarriere brachte ihm außer einem Supercup-Gewinn mit Galatasaray Istanbul keinen Titel, weder in Dortmund, Leverkusen oder Frankfurt. Griechenland ist für den 51-Jährigen nun die Möglichkeit, wieder auf die große Bühne einer WM zu treten.

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