Das Motto der deutschen Tischtennisspieler bei der Mannschafts-Weltmeisterschaft in London hatte einer ausgegeben, der gar nicht mehr mitspielt: Timo Boll. Über die bröckelnde Dominanz der einstigen Tischtennisweltmacht China und die Titelchancen der deutschen Männermannschaft hatte der 45-Jährige vor der WM in einem Podcast des Deutschen Tischtennis-Bunds gesagt: „Wenn nicht jetzt, wann dann?“
Am Donnerstag hat sich jedoch gezeigt: Jetzt noch nicht. Vielleicht ein anderes Mal – bis zu einem Duell mit den Chinesen haben es die deutschen Männer erst gar nicht geschafft. Nach Siegen gegen Slowenien (3:0 im Sechzehntelfinale) und Hongkong (3:0 im Achtelfinale) haben sie im Viertelfinale gegen Japan 1:3 verloren und so bei der zweiten aufeinanderfolgenden Team-WM eine Medaille verpasst. Das war ein neuerlicher Schuss vor den Bug. Ausgerechnet in einer Zeit, in der China schwächelt, können die deutschen Männer mit der Weltspitze nicht mehr mithalten.
Gegen Japan unterlag Benedikt Duda, die Nummer 13 der Weltrangliste, zunächst dem Weltranglistendritten Tomokazu Harimoto haushoch mit 0:3. Anschließend verlor Dang Qiu (Nummer 10) gegen Sora Matsushima (Nummer 8) nach 1:0-Satzführung noch 1:3. Zwar verkürzte Patrick Franziska (17.) mit einem starken 3:1 gegen Shunsuke Togami (18.) auf 1:2, allerdings verlor Qiu dann auch noch gegen Harimoto in drei knappen Sätzen mit 0:3.
Vor der WM waren die fünf deutschen Spieler gefragt worden, wen sie als WM-Favoriten bezeichnen würden, wenn sie den Seriensieger China und die eigene Mannschaft nicht nennen dürften. Qiu und Franziska entschieden sich für Japan, Duda und Dimitrij Ovtcharov für Frankreich, André Bertelsmeier nannte Schweden. Der 37-jährige Ovtcharov sagte: „Dass gleich fünf oder sechs Teams das Potenzial haben, Weltmeister zu werden, habe ich in meiner Karriere noch nicht erlebt.“
China dominiert seit einem Vierteljahrhundert den Teamwettbewerb
Bislang letzter nicht chinesischer Mannschaftsweltmeister bei den Männern war im Jahr 2000 Schweden mit den Spielern Jan-Ove Waldner, Jörgen Persson und Peter Karlsson. Zwischen 2001 und 2024 haben die Chinesen alle elf Endspiele gewonnen: sechs gegen Deutschland, je zwei gegen Japan und Südkorea und eines gegen Belgien.
Dass die deutschen Männer in London nicht einmal das Halbfinale erreicht haben, ist eine herbe Enttäuschung, doch sie trafen auf Japan, einen der stärksten Kontrahenten, schon im Viertelfinale. „Japan war mental stärker“, sagte Franziska. Bundestrainer Jörg Roßkopf bekannte: „Wir sind extrem enttäuscht; wir müssen noch einen Tick konstanter, einen Tick besser werden.“ Die Mannschaft brenne weiter auf Erfolge, sagte er: „Aber in der Weltspitze ist es sehr eng geworden.“
Am Freitag können China und Frankreich in ihren jeweiligen Viertelfinals gegen Südkorea und Brasilien ein Halbfinale klarmachen, in dem sich die Nummern eins und zwei der Weltrangliste duellierten. Hinter China und Frankreich folgen im Ranking Schweden und Japan – dann Deutschland als Nummer fünf. „Wir müssen eine bessere Setzung kriegen, um so starken Gegnern im Viertelfinale aus dem Weg zu gehen“, sagt Roßkopf. Statt Wenn-nicht-jetzt-wann-dann könnte ein Szenario bevorstehen, in dem die Männer in der Weltspitze an Boden verlieren.

