WM-Kader von Joachim Löw:Logik mit Ausstiegsklausel

Gomez, Khedira und Löw

Ein Bild aus alten Zeiten: Mario Gomez (rechts), Sami Khedira (Mitte) und Joachim Löw bei der EM 2012

(Foto: dpa)

Seit Monaten erklärt Joachim Löw die WM zu einem "Survival of the fittest"-Turnier. Mario Gomez fällt dem Fitnessdekret zum Opfer. Eine Ausnahme macht der Bundestrainer allerdings bei Sami Khedira. Denn dessen robuste Natur braucht diese eher verzärtelte Elf dringend.

Von Christof Kneer

1954 gab es Max Morlock und Helmut Rahn, 1974 gab es Gerd Müller, 1990 gab es Rudi Völler und Jürgen Klinsmann. Sie waren damals nicht allein, sie hatten exzellente Torhüter hinter sich, Respekt einflößende Verteidiger und immer auch ein paar außergewöhnliche Mittelfeldspieler. Trotzdem ist dieses Muster nicht zu übersehen: Wenn die DFB-Elf Weltmeister wurde, konnte sie sich immer auf ihre Stürmer verlassen. Die exzellenten Torhüter, Respekt einflößenden Verteidiger und außergewöhnlichen Mittelfeldspieler wussten immer, dass sich ihre Arbeit lohnt, weil vorne einer steht, der aus ihrer Arbeit Tore macht. Wenn Deutschland erfolgreich war, hatte das Spiel stets eine Zuspitzung.

Es ist ein geradezu historisches Aufgebot, mit dem Joachim Löw am 7. Juni nach Brasilien reisen wird. Es ist ein Aufgebot, das die diensthabenden Grafiker bei der öffentlichen Präsentation des vorläufigen WM-Kaders notgedrungen zu kleineren Tricksereien inspirierte. Statt in die seit Jahrtausenden etablierten vier Kategorien (Tor/Abwehr/Mittelfeld/Sturm) wurde der Kader nur in drei Kategorien unterteilt: Mittelfeld und Sturm wurden umständehalber zusammengelegt.

Eine Fusion, die einerseits den Entwicklungen des modernen Spiels Rechnung trägt, in dem Zwischenwesen wie Müller, Reus oder Götze sich zwischen allen Linien tummeln; andererseits betont diese optische Kaderfrisierung deutlich jenes Sonderphänomen, das die Experten im Gerd-Müller-Land seit langem beschäftigt: Seit einem Jahrzehnt besteht der deutsche Sturm ja eigentlich nur aus Miroslav Klose - erst recht jetzt, da Kloses einziger natürlicher Nachfolger, Mario Gomez, aus dem Kader gestrichen wurde. Und Klose selbst ist knapp 36, und seit Monaten zwickt es ihn mal hier, mal da und dann wieder dort. Das große Deutschland, man kann das kaum anders sagen, fährt beinahe ohne Sturm zur WM.

Allerdings täte man Löw Unrecht, würde man das als programmatische Aussage verstehen. Löw würde Lewandowski oder Dzeko schon mitnehmen, wenn sie zufällig Deutsche wären, auch Gomez stünde gewiss im Kader, wäre er nicht seit Monaten immer wieder verletzt. "Nun also auch die WM. Ein Anruf vom Trainer, der schmerzt. Die hässlichste Saison meiner Karriere endet mit einem weiteren Rückschlag", teilte Gomez am Donnerstag niedergeschlagen via Facebook mit.

Sie haben am Mittwoch noch mal ein bisschen diskutiert im DFB-Trainerstab, sie mögen ihren Gomez ja, aber im Grunde war Löw und seinen Vertrauten schon seit Tagen klar, dass sie sich einen halben Gomez nicht leisten können; zumal sie sich ja schon einen dreiviertel oder vierfünftel Klose leisten müssen.

Eine Autorität, die sogar Kreuzbänder beeindruckt

"Wenn Mario fit ist, kann ihn jede Elf gut gebrauchen", sagte Löw, "aber wir waren der Meinung, dass er nicht in der Lage ist, unter den Bedingungen in Brasilien körperlich zu bestehen." Gomez' Karriere in der Nationalelf sei damit nicht beendet, beeilte sich Löw zu trösten, aber er hat den Trost gleich wieder versalzen, indem er versehentlich ein "glaube ich" anhängte.

"Samis Persönlichkeit und Erfahrung sind unverzichtbar."

Gomez hat bis zum letzten Tag gehofft, aber er muss geahnt haben, dass eine Nominierung den Trainer in Erklärungsnot gebracht hätte. Seit Monaten erklärt Löw die WM mit völlig untypischer Kampf-Rhetorik zu einem Survival-of-the-fittest-Turnier, in dem nur die furchtlosesten Streiter durchkommen. Er weiß, dass er nach diesen Sätzen jetzt nicht mit einer humpelnden Truppe aufkreuzen kann. In seiner Logik hat sich Löw aber eine kleine Ausstiegsklausel genehmigt: Sie gilt Sami Khedira.

"Seine Persönlichkeit und seine Erfahrung sind unverzichtbare Attribute bei einer WM", sagte Löw, "bei ihm sind wir ein kalkuliertes Risiko gegangen, und dazu stehen wir auch." Als im November Khediras Kreuzband riss, haben sich alle verzweifelt gefragt, wer denn bloß diesen Unersetzlichen ersetzen könnte; so wie es aussieht, könnte Khedira nun sein eigener Nachfolger werden. "Er ist zurzeit natürlich nicht am Leistungslimit, aber wir sind überzeugt, ihn dahin zu bringen", sagt Löw.

Für Khedira gelten eigene Regeln, und seine Sonderrolle reicht aus, um ein kleines Kaderporträt zu zeichnen. Khedira besitzt eine Autorität, die sogar Kreuzbänder beeindruckt, er ist ein vehementer Geneser, dessen robuste Natur diese eher verzärtelte Elf dringend braucht. Im Trainerstab sind sie zur Erkenntnis gelangt, dass der Sechser Khedira in Brasilien selbst als sogenannter Kabinenspieler wertvoll wäre; dass seine Ausstrahlung und sein Kämpferherz die Elf stabilisieren könnten, selbst wenn er nicht ständig 90 Minuten spielt.

Joachim Löw hat eine Elf fast ohne Sturm und mit nicht sehr viel Wucht, aber immerhin hat er auch einen historischen Fakt auf seiner Seite: Wenn deutsche Mannschaften erfolgreich waren, hatten sie nicht nur gute Stürmer, sondern immer auch gute Sechser.

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