WM-Kader von Joachim Löw:Breit wie nie

Lesezeit: 4 min

WM-Kader von Joachim Löw: Eingerahmt von Philipp Lahm (links) und Miroslav Klose: Bundestrainer Joachim Löw

Eingerahmt von Philipp Lahm (links) und Miroslav Klose: Bundestrainer Joachim Löw

(Foto: AP)

Bundestrainer Joachim Löw stellt für Brasilien das größten WM-Aufgebot der DFB-Geschichte vor. Es ist noch ein sehr provisorisches Konstrukt - und ein tückisches. Einige der 30 Berufenen werden noch vor Turnierbeginn wieder gestrichen.

Von Philipp Selldorf, Frankfurt

Der Bundestrainer musste sich den Weg bahnen, bis er seinen Platz einnehmen konnte, es wurde gedrängelt, gepufft und geknufft, als Joachim Löw mittags um halb eins seine Schritte über den imaginären roten Teppich in den Sitzungssaal in der DFB-Zentrale steuerte. Die Fotografen und Kameraleute verfolgten ihn wie eine hochwohlgeborene Persönlichkeit, deren Rang im Zentrum des Universums anzusiedeln ist, wenigstens aber im Mittelpunkt der Landesgeschichte. Und tatsächlich ist es ja nicht zu leugnen, dass Joachim Löw mit seinem Auftritt zumindest für die Fußballnation eine historische Stunde einläutete, denn spätestens mit diesem Verkündungstermin in der mit Recht weltberühmten Otto-Fleck-Schneise Nr. 6 hat für die Deutschen die zwanzigste Fußball-Weltmeisterschaft begonnen.

Torwart René Adler wird zum zweiten Mal nach 2010 kurz vor der WM gestrichen

Für die Mission in Brasilien hat der DFB das durchaus pompöse Motto "Bereit wie nie" ausgerufen; was der Bundestrainer nun mitzuteilen hatte, lässt sich aber zunächst unter der Devise "Breit wie nie" rubrizieren. Nach einem komplexen Auswahl-Prozess, nach umfassenden Erkundungstouren, Beratungen und Klausurtagungen trafen Löw und seine Mitstreiter eine Entscheidung: nämlich die, dass sie die meisten Entscheidungen zum WM-Personal lieber später treffen möchten. 23 Spieler dürfen die Deutschen nach Brasilien mitnehmen, 30 Spieler hat Löw erst mal berufen, wobei auch dieser Kreis noch offen ist für Spätberufene.

Es ist also ein höchst provisorisches Konstrukt, das der DFB am Donnerstag vorstellte, so provisorisch, dass es bei der Präsentation der 30 Reisekandidaten nicht mal für eine vollständige Fotogalerie langte. Für den Freiburger Matthias Ginter ließ sich auf die Schnelle offenbar kein Bildmaterial finden. Was dem 20-Jährigen und seinen Alliierten aber ziemlich egal war. In Freiburg herrschte großer Stolz. "Matze hat sich das verdient", sagte Trainer Christian Streich. Und "Matze" versprach brav: "Ich werde im Trainingslager in Südtirol mein Bestes geben."

Schon an dieser Stelle erschließt sich eine der vielen trügerischen Tücken des größten Aufgebots, das der DFB jemals für eine WM benannt hat. Löw will nicht mit 30 Spielern reisen, wenn er am 21. Mai ins Passeiertal aufbricht, für 30 Fußballer ist der Trainingsplatz zu klein, und das Üben würde zu unübersichtlich. Er wird also aus diesem Kader drei bis vier Spieler streichen und auf Abruf bereit halten, weshalb mancher Jubel, der mittags um halb eins durch die Republik hallte, vielleicht ein wenig zu früh kam. Der Dortmunder Erik Durm, 22 Jahre alt und mit der bescheidenen Erfahrung einer Handvoll Bundesligaspiele ausgestattet, darf aber wohl mit einem Schlafplatz in Tirol rechnen, weil er den Vergleich mit den wackligen Linksverteidiger-Kollegen Marcell Janßen und Marcel Schmelzer antreten soll.

Ob aber auch die Neulinge Leon Goretzka, Max Meyer und Kevin Volland die gute Bergluft atmen dürfen, hängt auch davon ab, wie sie sich beim Testspiel gegen Polen am kommenden Dienstag in Hamburg bewähren, wo sie - wie wohl auch André Hahn und Shkodran Mustafi - mutmaßlich ihr Debüt für Deutschland geben werden - was dieses Länderspiel, das in der Vorberichterstattung den Titel "Farce" verpasst bekam, immerhin zu einem interessanten Probelauf aufwertet. Denn während die Stammkräfte aus München, Dortmund, London und Madrid bei ihren Vereinen verbleiben, um sich auf diverse Pokal-Endspiele vorzubereiten, findet in Hamburg das Casting für die Plätze in Tirol und für die zweite Reihe des WM-Kaders statt.

Auch Lars Bender, Julian Draxler und Benedikt Höwedes, die schon länger zum Nationalteam gehören, können hier etwas für ihr Ansehen tun. Sie müssen es sogar, auch ihr WM-Trip ist - zumindest bei Draxler und Höwedes - mangels Alleinstellungsmerkmalen gefährdet.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB