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Schach-WM in Sotschi:Wahnsinn am Brett

Magnus Carlsen, Vishwanathan Anand

Ist Schach die Zuspitzung des sportlichen Gedankens? Magnus Carlsen (rechts) und Vishwanathan Anand in Sotschi

(Foto: AP)

Im Schach gab es immer große Denker, große Strategen, große Duelle. Aber zeigen die aktuellen Großmeister Magnus Carlsen und Viswanathan Anand in Sotschi auch großen Sport? Es ist sogar mehr. Über den Kampf zweier Philosophien.

Der Mai 1997 ist für die Schachwelt ein trauriger Monat - und schuld daran ist der Computer. Es läuft ein bedeutender Wettkampf, auf der einen Seite sitzt Garry Kasparow, der Weltmeister, auf der anderen Seite sitzt: niemand. Der Russe spielt gegen den IBM-Computer Deep Blue - und unterliegt. Erstmals verliert der weltbeste Mensch einen Wettkampf gegen die weltbeste Maschine. Die IBM-Aktie steigt, aber Teile der Schachwelt sehen fortan den Kerngedanken ihres Sports infrage gestellt. Das menschliche Hirn ist nicht mehr das entscheidende Element. Es ist, als müsste der FC Bayern gegen elf Roboter antreten, die feinere Freistöße als Mario Götze schießen und bessere Paraden als Manuel Neuer zeigen. "Game over", heißt passenderweise ein Dokumentarfilm, der ein paar Jahre später erscheint.

Der November 2014 ist für die Schachwelt ein guter Monat - und der Dank dafür gebührt dem Computer. In Sotschi läuft die WM, Magnus Carlsen, 23, versus Viswanathan Anand, 44, die Revanche fürs Vorjahr, als der Norweger seinen Kontrahenten deklassierte, und das Interesse ist immens. In den Turnierräumlichkeiten findet sich zwar kaum ein Zuschauer ein, aber Hunderte Millionen Menschen verfolgen die Partien zu Hause an ihren Computern, alle Internetseiten verzeichnen hohe Zugriffe auf Liveticker und Analysen. Die Fans debattieren detailliert Züge, Varianten, Fehler, sie spielen nach und probieren aus, was sie für Züge wählen könnten, wenn sie an der Stelle eines der beiden Duellanten säßen. Wie kein anderer Sport taugt Schach dazu, ihn im Internet zu spielen - und zu verfolgen.

Ein Ort der Harmonie, der Ästhetik, ja fast der Poesie

Das Schachspiel ist ja eine erstaunliche Mixtur. Das Brett mit seinen 64 Feldern ist der Ort für große Mathematik, für das Rechnen bis in die schiere Unendlichkeit - nirgends schöner illustriert als in der Weizenkorn-Legende des angeblichen Schachspiel-Erfinders Sissa ibn Dahir. Der König gestand ihm einen Wunsch zu, also erbat sich Sissa ein paar Körner, und zwar eines auf dem ersten Feld des Bretts, zwei auf dem nächsten und danach auf jedem weiteren Feld die doppelte Menge gegenüber dem vorangegangenen. Der König war verblüfft: Beinahe 18,5 Trillionen Körner wären es geworden, wenn sie ernst gemacht hätten.

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Er ist 23, Millionär und der Jüngste, der je die Spitzenposition der Schach-Weltrangliste erreicht hat. Der Norweger Magnus Carlsen verzückt sein Heimatland. Doch eines kann er nicht: Gefühle zeigen.   Von Silke Bigalke

Das Brett ist aber auch ein Ort der Harmonie, der Ästhetik, ja fast der Poesie, wenn es darum geht, die Figuren im Gleichklang anzubringen; "Liebesschach" heißt ein katalanisches Gedicht aus dem 15. Jahrhundert, bei dem es sich zugleich um die älteste erhaltene Niederschrift über den Ablauf eines Schachspiels handelt. Das Brett ist der Ort der Strategen, nicht umsonst haben es Lenin, Napoleon und Che Guevara leidenschaftlich geliebt. Und dann ist das Brett der Ort, an dem sich Genie und Wahnsinn ganz nahe kommen. Viele Schach-Großmeister hatten eine Macke, und manche hatten sogar mehr als das. Wilhelm Steinitz etwa, der erste Weltmeister, landete in einer Nervenheilanstalt: Er wollte nur noch gegen Gott spielen.

Aus dieser Mischung heraus hat es große Duelle gegeben, Capablanca gegen Aljechin, Fischer gegen Spasski als Fortsetzung des Ost-West-Konflikts, die ewige innerrussische Fehde zwischen dem Kreml-treuen Anatolij Karpow und dem rebellischen Garry Kasparow. Schachfachlich betrachtet muss sich das aktuelle Duell Carlsen gegen Anand in dieser Liste nicht verstecken.

Große Denker, große Strategen, große Duelle. Aber auch großer Sport?

In Deutschland hat es vor nicht allzu langer Zeit eine bemerkenswerte Debatte gegeben. Der organisierte Sport und das Bundesinnenministerium haben die Förderrichtlinien so formuliert, dass Schach zunächst aus der Spitzensport-Förderung herausfiel. Der Grund: eine fehlende "eigenmotorische Aktivität". Mit anderen Worten: Schach ist kein richtiger Sport.

Er sucht die Entscheidung im direkten Fight

Es gibt in der Schachszene selbst den einen oder anderen Vertreter, der das so sieht. Sie empfinden ihr Spiel als Kunst, als Wissenschaft. Aber in gewisser Weise ist Schach eben auch die Zuspitzung des sportlichen Gedankens. Mensch gegen Mensch, Gehirn gegen Gehirn, Gedanke gegen Gedanke. Die körperlichen Anforderungen sind höher, als es manchmal den Anschein hat, weswegen nicht von ungefähr der topfitte Carlsen, der nebenbei auch Fußball, Basketball und Skifahren betreibt, im Moment noch den WM-Titel innehat. Und vor allem hat Schach das Zufallselement eliminiert: Kein Pfosten kann dem Schuss im Weg stehen, kein abgefälschter Ball, keine falsche Schiedsrichter-Entscheidung.

Auch die besten Spieler bereiten sich am Computer vor

Natürlich hat der Einsatz des Computers dieses Spiel verändert. Zwischen fünf und sieben Stunden dauert eine WM-Partie offiziell, aber in Wahrheit dauert sie viel länger. Schachspieler sind geniale Denker, die am Brett in kurzer Zeit verblüffend oft die beste Lösung finden. Aber öfter als es der normale Zuschauer glaubt, versuchen die Akteure während eines solchen Spiels, "im Buch zu bleiben", wie das in ihrer Sprache so schön heißt. Sie versuchen, die Stellungen aufs Brett zu kriegen, die sie zu Hause mit ihren Assistenten und am Computer vorbereitet haben. Diese Vorbereitung gab es zu Zeiten von Aljechin natürlich auch schon, aber jetzt noch viel intensiver, weil es mit dem Computer einfacher ist.

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Magnus Carlsen pflegt die Zurückhaltung, Viswanathan Anand hat Lust auf Aktion - und dann stehen alle Figuren zu gut für einen Sieger. Die entscheidenden Züge der vierten Partie.

Bisweilen hatte das dann in den vergangenen Jahren die Konsequenz, dass die Partien etwas fader, weil ausanalysiert verliefen. Aber ausgerechnet der junge Carlsen schafft es, den Schachsport wieder ein Stück weit vom Computer wegzubringen. Selbstverständlich nutzt auch er den Rechner - aber nicht so intensiv wie andere, und er baut nicht auf ihn, er sucht die Entscheidung im Endspiel, im direkten Fight. Er ist ein Kämpfer, der in den Momenten brilliert und Wege findet, in denen die Rechner Stellungen als harmlos und als quasi unentschieden werten.

Zum Beispiel die Partie zwei in Sotschi: Carlsen setzt Anand so geschickt unter Druck, dass diesem ein gravierender Fehler unterläuft. Partie drei: Carlsen ist nicht genügend präpariert gegen eine Untervariante des Damengambits, die Anand offenkundig hervorragend mit seinen Sekundanten ausgetüftelt hat. Partie vier: Alles deutet auf ein Remis hin, doch Carlsen probiert es weiter und erkämpft sich sogar einen kleinen Vorsprung, doch diesmal bleibt's beim Remis.

Wenn das in den maximal zwölf Partien bis zum Monatsende in dieser Art weitergeht, dürfte es ein denkwürdiger Monat für den Schachsport werden.