WM 2026 in den USA Ahnungslos, wie es weitergehen soll

Christian Pulisic fehlte bei der WM mit dem US-Team.

(Foto: AFP)
  • Die USA sollen gemeinsam mit Mexiko und Kanada die WM 2026 ausrichten, doch im US-Verband herrschen chaotische Zustände.
  • Neun Monate dauert die Suche nach einem neuen Nationaltrainer bereits, doch die Verantwortlichen wollen sich weiter Zeit lassen.
  • Der Fußball in den USA sucht sich gerade selbst, nachdem er sich vor vier Jahren angeblich gefunden hatte.
Von Jürgen Schmieder, Los Angeles

Das Mädchen in der fünften Reihe hinter dem Tor ist begeistert, weil sie diesen Typen kennt, der gerade einen Elfmeter verwandelt hat. "Zlataaaaaaaan", ruft sie, und dieser Zlatan guckt zufrieden, weil er es mag, wenn die Leute seinen Namen rufen oder ihm auf sonstige Art huldigen. Der Vater des Mädchens jubelt ebenfalls, danach erklärt er ihr mit der Gewissheit, die nur Väter von Grundschulkindern derart überzeugend hinbekommen: "Hätte Zlatan heute für Schweden gespielt und nicht für Galaxy, dann hätte England keine Chance gehabt!" Das Mädchen nickt. Und sicherlich würde auch Zlatan nicken, hätte er das gehört, er ist jedoch mit dem Empfangen von Huldigungen beschäftigt.

Es ist Samstagabend, und den Sportfans in Los Angeles wird einiges geboten. Hier, in diesem Stadion im Süden, da demütigt der Fußballverein Galaxy vor mehr als 21 000 Zuschauern das Team von Columbus Crew 4:0. Ein paar Kilometer weiter duellieren sich die hiesigen Baseballklubs beim Stadtderby, die Dodgers gewinnen bei den Angels 3:1. Beim 96:79-Sieg der Basketballer der Los Angeles Lakers gegen die Sacramento Kings in der NBA-Sommerliga schafft der deutsche Zugang Moritz Wagner 16 Punkte und acht Rebounds, und es gibt noch ein weiteres Fußballspiel in der Stadt, in diesem neuen Stadion im Zentrum: Der LAFC besiegt Orlando City 4:1. Zuschauer: 22 000. Ausverkauft.

Als wäre das Herz in zwei Teile zersprungen

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Nein, das ist kein Druckfehler: Bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland wurden am Samstag zwei Viertelfinal-Partien ausgetragen, am selben Tag fanden in der US-Profifußballliga MLS insgesamt zehn Partien statt. Das Mädchen beim Galaxy-Spiel kennt nicht nur Zlatan Ibrahimovic, sie kennt auch die mexikanischen Brüder Giovani und Jonathan dos Santos, die fünf Tage davor im russischen Samara gegen Brasilien verloren haben und nun für Galaxy auf dem Feld stehen. Sie weiß, dass beim Lokalrivalen LAFC drei WM-Teilnehmer mitspielen, Omar Gaber (Ägypten), Marcos Urena (Costa Rica) und Carlos Vela (Mexiko). Und sie weiß, dass Gustav Svensson nicht für die Seattle Sounders aufläuft, weil er bei der Niederlage der Schweden gegen England auf der Ersatzbank sitzt. Die MLS nimmt bei ihrer Saisonplanung keine Rücksicht auf solche Nebensächlichkeiten wie eine Weltmeisterschaft.

Eine schlimme Fehlinterpretation

Das alles ist wichtig, um zu verstehen, was da gerade los ist im amerikanischen Fußball, der gemeinsam mit Mexiko und Kanada die WM 2026 ausrichten soll. Er sucht sich gerade selbst, nachdem er sich vor vier Jahren angeblich gefunden hatte: Die US-Nationalelf hatte bei der WM 2014 in Brasilien die so genannte "Todesgruppe" mit Deutschland, Ghana und Portugal überlebt und danach im Achtelfinale knapp gegen den so genannten "Geheimfavoriten" Belgien verloren.

Die Amerikaner trafen sich damals in den Bars, zahlreiche Beobachter wollten eine so genannte "Fußballbegeisterung" entdeckt haben. Es hat in der Geschichte der kickenden Menschheit nur selten eine schlimmere und Jahre überdauernde Fehlinterpretation gegeben als jene, dass der Fußball nun endlich angekommen sei in diesem Land. Die Amerikaner haben sich für die Begeisterung begeistert, sie haben sich an sich selbst berauscht und dem Nationalstolz gefrönt.

Die Nationalelf hat dann jedoch zum ersten Mal seit 32 Jahren die Qualifikation zur WM-Endrunde verpasst, nicht in einer Todesgruppe, noch nicht einmal gegen Geheimfavoriten. Die USA haben unter anderem gegen Costa Rica und Trinidad und Tobago verloren - und wer das in den vergangenen Monaten ein bisschen beobachtet hat, der dürfte zwei Dinge festgestellt haben: Den meisten Amerikanern war die Nicht-Qualifikation ziemlich gleichgültig. Im Verband, da haben sie aber so was von keine Ahnung, wie es nun weitergehen soll.