WM-Historie Als Suárez den großen WM-Traum Ghanas wegfaustete

Dominic Adiyiah im Spiel gegen Uruguay, in dem er fast das womöglich wichtigste Tor seiner Karriere geschossen hätte.

(Foto: imago sportfotodienst)
  • Dominic Adiyiah hätte bei der WM 2010 fast das entscheidende Viertelfinal-Tor für Ghana geköpft - wenn Luis Suárez es nicht mit der Hand verhindert hätte.
  • Von da an ging es mit der Karriere des gahnaischen Stürmers steil bergab. Zur Zeit sucht er einen Verein.
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Von Felix Haselsteiner

Wild gestikulierend sprang Dominic Adiyiah auf und rannte los. Erst einmal weg von der Szene, die sich gerade im Strafraum des Soccer-City-Stadions von Johannesburg abspielte, weg von dem Fünfmeterraum, wo er gerade den wohl wichtigsten Kopfball seines Lebens gespielt hatte. Erst als der Schiedsrichter pfiff, auf den Punkt zeigte und die rote Karte aus seiner Brusttasche zog, löste sich Adiyiahs Panik in Erleichterung auf. Ghana stand kurz vor dem größten Sieg in der Geschichte des afrikanischen Fußballs.

Luis Suárez versteckte sich in diesem Moment irgendwo im großen Pulk an Spielern, der sich am Elfmeterpunkt gesammelt hatte. Er wusste genau, was gleich passieren würde. Er würde den Platz verlassen müssen, in der Nachspielzeit der Verlängerung des Viertelfinals der Weltmeisterschaft 2010. Er hatte, auf der Torlinie stehend, die Hände hochgerissen, als Adiyiahs Kopfball aus kurzer Distanz auf ihn zugeflogen war. Er hatte gar nicht anders gekonnt, als ihn wegzufausten und seine Mannschaft damit vor dem sicheren Ausscheiden zu bewahren. Asamoah Gyan sollte den Strafstoß verschießen, Uruguay im Elfmeterschießen gewinnen.

Eine Szene an einem Juliabend inmitten tausender, dröhnender Vuvuzelas hat die Karrieren von zwei Spielern in unterschiedliche Richtungen geprägt. Der Bösewicht dieser Geschichte ist am Ende der große Gewinner. Und der eigentliche Held ist gescheitert.

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Acht Jahre später hat Luis Suárez, 31, in Russland seine dritte Weltmeisterschaft gespielt. Auch wenn er diesmal im Viertelfinale ausgeschieden ist: Er ist einer der bekanntesten Fußballer der Welt geworden. Das Handspiel von damals ist längst vergessen, erst recht, nachdem der Uruguayer 2014 den Italiener Giorgio Chiellini in die Schulter biss. Suárez spielt gemeinsam mit Lionel Messi beim FC Barcelona in einer der besten Offensivreihen der Welt. Laut der spanischen Sportzeitung AS verdient er aktuell 16 Millionen Euro im Jahr, lebt in Barcelona im noblen Vorort Castelldefels, 28,8 Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram. Er hat unter anderem drei spanische Meisterschaften und die Champions League gewonnen.

Dominic Adiyiah, 28, folgen 5303 Menschen, er hat nichts gewonnen. Nach dem Ausscheiden bei der WM 2010 begann für den Ghanaer eine beispiellose Odyssee durch den Weltfußball, die in Italien ihren Anfang nahm. Im Sommer 2018 sucht er einen Verein.

Keine Minute hatte Adiyiah bei seinem Traumverein spielen dürfen

Vor fünf Jahren deutete noch vieles auf eine große Karriere hin. Als Teil der "goldenen Generation" Ghanas, gemeinsam etwa mit André Ayew und Jonathan Mensah, gewann der Stürmer Adiyiah, 1989 in Accra geboren, die U20-WM 2009 und wurde mit acht Toren als bester Spieler des Turniers ausgezeichnet. Er hatte Angebote aus ganz Europa, entschied sich für den AC Mailand, wo sein Vorbild George Weah in den 1990er-Jahren so erfolgreich gespielt hatte.

Adiyiah bekam die Härte in Europa schnell zu spüren. Mailand ließ ihn bereits im Sommer 2010 weiterziehen, keine Minute hatte er in dem halben Jahr bei seinem Traumverein spielen dürfen. Es folgten Leihen nach Reggina, zu Partizan Belgrad, zu Karsikaya in die Türkei und schließlich ein Wechsel zu Arsenal Kiew. Nach zwei Jahren in der Ukraine, wo dunkelhäutige Spieler regelmäßig rassistischen Beleidigungen ausgesetzt sind, und dem Abstieg in die zweite Liga entließ ihn der Verein.

Als Luis Suárez im Sommer 2014 für 83 Millionen Euro nach Barcelona wechselte und zum damals drittteuersten Spieler der Fußball-Geschichte wurde, unterschrieb Adiyiah einen Vertrag beim FK Atyrau in Kasachstan. Ein halbes Jahr später wechselte er endgültig ins fußballerische Abseits nach Thailand. Adiyiahs Familie blieb vorerst in Europa und pendelte später zwischen Großbritannien und Nakhon Ratchasima, dreieinhalb Autostunden von der Hauptstadt Bangkok entfernt.

Immer mal wieder hat Adiyiah den "Swat Cat FC" verlassen, um vielleicht doch nach Europa zurückzukehren

Im thailändischen Fußball lässt sich die Geschichte eines Spielers wie Dominic Adiyiah gut verkaufen. Mal beim AC Mailand gewesen zu sein reiche schon aus, um Bekanntheit zu erlangen, erzählt Björn Lindemann, der zwei Jahre Adiyiahs Mitspieler war: "Dominic war trotz seiner Vorgeschichte ein sehr unterhaltsamer Mitspieler, ein echter Komiker". Mit Lindemann und den wenigen anderen Ausländern verbrachte Adiyiah die meiste Zeit, seine Familie wollte nicht dauerhaft nach Asien ziehen. Eine beträchtliche Zahl an Afrikanern spielt in Asien Fußball. Die Gehälter von Exoten wie Adiyiah liegen oberhalb von 15 000 Euro im Monat, das reicht, um ein gutes Leben zu führen und Geld nach Hause zu schicken.

Doch der Traum einer großen Karriere rückte in Thailand in weite Ferne. "Fußball dort ist ein komplett anderes Spiel", sagt Lindemann, der inzwischen, mit 34, wieder in der Regionalliga Nord spielt. Die thailändische könne sich nicht einmal mit den großen Ligen des asiatischen Fußballs in Südkorea oder Japan messen. Fußballkultur bedeutet dort, im Training auch mal mit Militärgesang über den Platz zu laufen.

Adiyiah ist zu einem soliden Offensivspieler geworden, auch wenn er sich auf dem Platz einen Ruf als Hitzkopf erarbeitet hat, der häufig auf Schiedsrichter und Gegner losgeht. Immer mal wieder hat er den "Swat Cat FC" verlassen, um vielleicht doch nach Europa zurückzukehren, zuletzt im Mai 2018. Einen Tag nach dem Eröffnungsspieltag der WM postete er ein Foto von 2010. Es zeigt ihn im Zweikampf mit Uruguays Außenverteidiger Maxi Pereira, im Hintergrund sieht man Luis Suárez, der versucht hinterherzukommen. "I was there", schreibt Adiyiah darunter. Er war dabei.

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