WM-Gastgeber China Besessen vom eigenen Image

Im 20-Kilometer-Gehen holte Hong Liu (li.) das erste Gold für China bei dieser WM - auch, weil Xiuzhi Lu ihr den Vortritt ließ.

(Foto: Christian Petersen/Getty Images)
  • Die Chinesen schauen bei ihrer WM vor allem darauf, was die Welt von ihnen denkt.
  • Erfolg ihrer Sportler ist dabei nicht so wichtig.
  • Liveticker und Ergebnisse der Leichtathletik-WM finden Sie hier.
Von Johannes Knuth, Peking

Den bislang kuriosesten Moment dieser 15. Leichtathletik-Weltmeisterschaften bekamen sie in China gar nicht richtig mit. Am Donnerstag war ein Kameramann dem Jamaikaner Usain Bolt mit einem Stehroller versehentlich in die Hacken gerutscht. Bolt, der neue Weltmeister über 200 Meter, überstand den Verkehrsunfall unverletzt, alle lachten herzlich. Bis auf die Zuschauer von CCTV, dem chinesischen Staatssender.

Als CCTV die WM am Abend live ins Land sendete, tauchte die Szene noch kurz auf. In diversen Abendnachrichten fehlte sie. Die Zensoren hatten sie rausgeschnitten, es war ja einer ihrer Kameramänner gewesen, dem das Missgeschick unterlaufen war. Es dauerte freilich nicht lange, ehe sich der Clip in chinesischen Internetforen verbreitete. Samt Spott für den Sender.

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Nicht alle Bilder passen zur Wahrheit

Seit einer Woche ist die Leichtathletik-WM in Peking, am Sonntag geht sie zu Ende. China zeigt sich mal wieder der Welt, und nicht alle Bilder, die man sieht, passen zur Wahrheit, die dahintersteckt. Es ist schwer, aus dieser WM schlau zu werden, aber vielleicht liegt darin auch der Fehler: dass man aus Menschen schlau werden will in einem Land, das sich nicht in ein Gedankengebäude pressen lässt. Die Gegensätze in China sind groß, politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich, auch in dem winzigen Kosmos im Pekinger Vogelnest, in dem die Leichtathletik gerade gastiert.

In den ersten Tagen, als Sebastian Coe ins Präsidentenamt des Weltverbandes IAAF gewählt wurde, war das Wetter beißend, Smog kroch in die Lungen, Hitze drückte auf den Schädel. Seit Tagen ist der Himmel blau. Die Organisation ist an einem Tag chaotisch, am nächsten perfekt. Die heimischen Sportler scheiden mal völlig unterlegen aus, am Freitag gab es dann die erste Goldmedaille, die Geherin Hong Liu gewann vor ihrer Landsfrau Xiuzhi Lu. Was bleibt hängen von dieser WM?

In China sagen sie "cha bu duo", wörtlich heißt das: "fehlt nicht viel". Manche packt der Ehrgeiz, wenn nicht mehr viel fehlt. Das chinesische Gemüt interpretiert "cha bu duo" aber eher als Endpunkt. Passt schon. Eine WM ist aber immer auch ein offener Spalt, durch den man in ein Land hineinschauen kann, und in China sind sie besessen davon, was die Welt von ihnen denkt. Deshalb ist ihnen diese WM dann doch wieder wichtig. Sie haben 120 Millionen Dollar für den Etat zusammengebracht, mehr hat noch kein Gastgeber für eine Leichtathletik-WM ausgegeben.

Sie haben sich einige Pannen geleistet, am ersten Tag fehlte beim Marathon im Ziel ein Band, die Sportler liefen einfach weiter. Als die IAAF am 17. Juli öffentlich gerügt hatte, dass der Vorverkauf schleppend verlaufe, stand am nächsten Tag am Verbandssitz in Monaco eine chinesische Delegation vor der Tür. Sie gelobte Besserung. Zehn Tage später waren fast sämtliche 800 000 Tickets abgesetzt. Allerdings nicht am freien Markt, das Erziehungsministerium hatte allein 280 000 Karten erstanden. Man trifft im Vogelnest in diesen Tagen viele fröhlich schnatternde Schüler.