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Aus von Frankreich bei WM:Ein Spiel verloren, Millionen Herzen gewonnen

Frauenfußball-WM - Frankreich - USA

Die Französin Marion Torrent (r.) weint nach dem Aus im Viertelfinale der Heim-WM.

(Foto: Michel Euler/dpa)

Für die französische Nationalmannschaft endet der Traum vom Gewinn der Heim-WM im Viertelfinale gegen die USA. Trotz des Aus hat das Team in Frankreich etwas bewegt.

Von Tim Brack

Das Leid der Französinnen war am deutlichsten in den leeren Blicken der stolzen Kapitänin Amandine Henry abzulesen. Bis kurz vor Schluss hatte sie einen Kampf geführt, der nicht mehr zu gewinnen war. Als der Schlusspfiff ertönte, sank sie auf den Rasen. Mit 1:2 (0:1) verloren die französischen Fußballerinnen im Viertelfinale der WM gegen die USA. Der Traum, die Weltmeisterschaft im eigenen Land zu gewinnen, endete abrupt. La fête est finie. Nach der Party der "Kater", wie die französische Sportzeitung L'Équipe titelte.

Fünf Spiele lang haben "Les Bleues" mit ihren Auftritten die Begeisterung für Frauenfußball in Frankreich gesteigert. Wenn die Mannschaft von Nationaltrainerin Corinne Diacre auflief, blieb kein Platz im Stadion frei. Menschen trafen sich in Bars oder zu Hause, um Spielerinnen wie Eugénie Le Sommer, Wendie Renard oder Henry auf ihrem Weg zu verfolgen. Wie sehr diese Mannschaft ihr Land begeisterte, verdeutlicht die Nachricht von Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron. Das Team habe "definitiv die Herzen der Franzosen gewonnen!", schrieb er auf Twitter und dankte ihm dafür.

Kaum Chancen gegen weltmeisterliche Abgeklärtheit

Dass das große Fest bereits vor dem Endspiel endete, hat verschiedene Gründe. Da ist zum einen das Unglück der Französinnen, bereits im Viertelfinale auf die USA getroffen zu sein, den großen Favoriten dieser WM. Das Duell war im Vorfeld zum "Spiel der Spiele" stilisiert worden. Das Beste, was der Frauenfußball zu bieten hat. Doch es stellte sich eben auch heraus, dass die französische Mannschaft einer solchen Partie noch nicht gewachsen ist.

Zwar kombinierten sich Frankreichs Spielerinnen munter durchs Mittelfeld, hatten 60 Prozent Ballbesitz und viele Schussversuche. Davon flogen aber nur wenige in Richtung Tor. Das US-Team hingegen spielte mit weltmeisterlicher Abgeklärtheit und ließ nur selten den Eindruck aufkommen, ihre Selbstgewissheit könne durch die französischen Attacken erschüttert werden. Auf der anderen Seite bestraften die US-Spielerinnen die Fehler in der französischen Defensive konsequent. Die Mannschaft von Trainerin Diacre habe "eine Lektion in Realismus" bekommen, schrieb die L'Équipe.

Die erste Unterrichtsstunde im Parc des Princes erfolgte bereits in der fünften Minute. Megan Rapinoes Freistoßtor zum 1:0 ließ die Party der französischen Fans verstummen. Der frühe Gegentreffer lehrte die Französinnen zum einen, dass eine Mauer mit drei Spielerinnen sinnvoller gewesen wäre. Und zum anderen, dass die französische Torhüterin Sarah Bouhaddi zumindest eine unglückliche Figur machte. Trainerin Diacre sagte ihrem Team nach dem Spiel in der Kabine, es gebe nicht viel zu bereuen, "außer den Fehler beim ersten Gegentor".

Trainerin Diacre steht in der Kritik

In der 65. Minute ließen sich die Französinnen aber ein weiteres Mal zu leicht bezwingen. Wieder traf Rapinoe. Mit fünf Turniertreffern führt sie nun die Torjägerliste an - gleichauf mit Sturmpartnerin Alex Morgan, Ellen White (England) und Sam Kerr (Australien). Der französische Anschlusstreffer zum 1:2 durch Renard (81.) weckte noch einmal die Hoffnung auf eine dramatische Comeback-Geschichte: ein Tor noch, Verlängerung, Sieg im Elfmeterschießen. Die Französinnen kämpften bis zum Schluss aufopferungsvoll, doch mit ihrer Fünferkette schrieben die Amerikanerinnen ein anderes Drehbuch, verteidigten die Führung bis zum Schluss. "Es ist ein Mangel an Erfahrung, eindeutig", beurteilte Henry im französischen Fernsehen das Ausscheiden ihrer Mannschaft.

Im Angesicht des Misserfolgs richtete sich der Fokus schnell auf Chefin Corinne Diacre. Hatte sie die richtigen Spielerinnen ausgewählt, fragte das französische Fernsehen, als die Tränen der Akteurinnen noch nicht getrocknet waren. Die Trainerin räumte "ein sportliches Versagen" ein, man sei "weit von unserem Ziel entfernt." Ihren Rücktritt wollte die 44-Jährige aber nicht anbieten: "Ich bin nicht der Typ, der aufgibt." Sie habe einen sehr langen Vertrag, es läge am Präsidenten des französischen Fußballverbands, eine Entscheidung zu treffen. Aber: "Ich habe noch viel zu tun."

In der Gemengelage nach dem Aus verlor sie nicht aus den Augen, was ihre Spielerinnen während des Turniers und in dieser Partie speziell bewegt hatten: "Sie haben heute Abend etwas gewonnen: die Herzen von Millionen von Menschen."

© SZ.de/sebi
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