WM 2010: Arjen Robben Den Traum vergeben

Die Niederländer vertrauen vorne auf die Künste ihres hochveranlagten Angreifers. Doch Arjen Robben scheitert an Iker Casillas Zeh - und beendet die Weltmeisterschaft als enttäuschte Angriffs-Hoffnung.

Von Thomas Hummel, Johannesburg

Sollte Arjen Robben den niederländischen Traum vom ersten Weltmeistertitel vergeben haben? Nach 64 Minuten lief er der spanischen Abwehr davon, der Pass von Wesley Sneijder kam wie gemalt in seinen Lauf, Robben hatte 15 Meter, 20 Meter lang Zeit, sich Gedanken zu machen, wohin er den Ball nun schießen würde, denn so viel war klar: Niemand würde den Sprinter mehr einholen. Der Gedanke, dem spanischen Torwart Iker Casillas gegen den kleinen Zeh zu schießen, kam ihm sicher nicht. Und dennoch schoss Robben den Ball gegen den kleinen Zeh von Casillas, von wo aus er nicht ins Tor, sondern ins Aus flog. Arjen Robben schaute danach als würde er denken: Hoffentlich hab ich jetzt nicht unseren Traum vergeben.

Verzweifelter Niederländer: Arjen Robben.

(Foto: afp)

Vor dem Finale in Soccer City hatte er noch breitbrüstig angekündigt, dass sich seine Mannschaft stets auf ihre gute Organisation verlassen könne. "Und dann wissen wir, dass wir immer ein Tor machen, und das haben wir bislang hier auch immer geschafft." Diesmal schafften sie es nicht. Robben vergab auch seine zweite große Chance. Als er wenig später noch einmal den Spaniern davonlief und noch einmal an Casillas scheiterte, rannte er Schiedsrichter Howard Webb hinterher und beschwerte sich bitter, er sei doch behindert worden. Und so kam in der Pause vor der Verlängerung die halbe Mannschaft zu ihm, umarmte ihn, sprach ihm gut zu. Denn die Mannschaft ahnte: Wenn vorne etwas gehen könnte, dann mit Arjen Robben.

Während im Mittelfeld und hinten die meisten Niederländer zuallererst den Spaniern die Lust am Spiel nehmen sollten, vertraute die Mannschaft vorne auf die Künste seiner hoch veranlagten Angreifer. Vor allem den Künsten des fünfmaligen WM-Torschützen Wesley Sneijder und des Münchner Außenstürmers. Was keine schlechte Idee zu sein schien nach der wunderbaren Saison, die der 26-Jährige für den FC Bayern abgeliefert hatte. Dabei wäre Robbens WM-Reise fast von seinen anfälligen Muskelfasern gestoppt worden. Zwei Wochen vor der WM hatte er sich in einem Testspiel so viele davon gerissen, dass sein Einsatz ernsthaft in Frage stand. Doch wie das heutzutage manchmal so ist, kriegen die Ärzte die Muskeln eines wichtigen Spielers schnell wieder hin. Auch wenn Robben vor dem Finale gegen Spanien klagte: "Es gab noch keine WM-Partie, in der ich schmerzfrei spielen konnte."

Kraft und Konzentration fehlt

Auf dem Platz machte es indes nicht den Eindruck, als wäre Robben in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Er ging mit seinen gelben Schuhen, die bis unter das Stadiondach leuchteten, in den ersten Minuten drei Meter hierhin, drei Meter dorthin, wies seine Mitspieler ein bei Freistößen, wirkte hektisch und fast hyperaktiv. Wie ein sehr ehrgeiziger Fußball-Profi, der nicht binnen zwei Monaten zum zweiten Mal ein wichtiges Finale verlieren will. Im Champions-League-Endspiel hatten ihn Inter Mailands Abwehrstrategen aus dem Spiel genommen. Zu dritt und zu viert waren sie auf ihn losgegangen.

Wie Mourinhos Inter setzte ihm del Bosques Spanien nicht zu, und so hatte Robben kurz vor der Pause zum ersten Mal Zeit und Raum, seine Lieblingsbewegung vorzuführen: Ball nach innen legen, auf den linken Fuß, Schuss. In München ist diese Robben-Bewegung bekannt und vorhersehbar wie aggressive Autofahrer bei Föhn. Wie die Münchner Autofahrer ihre Föhn-Aggressionen nicht verhindern können, so können die Gegner scheinbar diese Robben-Bewegung nicht stoppen. Doch diesmal brachte Robben nicht genug Kraft in seinen Schuss.

Vielleicht fehlte ihm auch bei seinen zwei Großchancen die Kraft und Konzentration. Und so musste Arjen Robben den Gedanken mit in den Mannschaftsbus nehmen, dass er vielleicht den ersten WM-Titel für die Niederlande vergeben hat.

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