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WM-Affäre:Die Staatsanwaltschaft hat erneut Beckenbauer vernommen

Am 22. Mai 2002, damit geht es los, wird ein Agreement signiert zwischen der SKK/Rofa, die Beckenbauer vermarktet und Schwan gehört, und der Firma Kemco des Skandalfunktionärs Bin Hammam in Katar. Beckenbauer und Schwan nehmen bei einer Bank in Kitzbühel ein Darlehen auf. Zwischen dem 29. Mai und dem 8. Juli 2002 fließen über eine Anwaltskanzlei sechs Millionen Franken zu Bin Hammam. Verwendungszweck laut Überweisung? Nein, nicht etwa "Vorschuss für WM- Zuschuss" - sondern der Erwerb von TV-Rechten für die Asien-Spiele 2006.

Kurz darauf stirbt Schwan überraschend. Und Mitte August kommt Louis-Dreyfus ins Spiel. Es gehe um einen Kredit an einen Freund, notiert dessen Bankberater: um "F. B.", eine "international anerkannte, absolut saubere Persönlichkeit". Es gebe einen Schuldschein von F. B. Am 20. August 2002 fließen zehn Millionen Franken von Louis-Dreyfus an besagte Kanzlei, dort wird die Summe geteilt: sechs Millionen zurück zu Beckenbauer, vier an Kemco. Somit sind nun zehn Millionen bei Bin Hammam angekommen.

Danach wird es zäh. Jahrelang drängt Louis-Dreyfus' Bank auf Rückzahlung des Darlehens, es gibt Treffen und Vertröstungen. Bis im April 2005 aus dem Budget des deutschen WM-Komitees 6,7 Millionen Euro via Fifa an den Franzosen fließen.

Während 2002 die Zahlungen fließen, steckt die Kirch-Gruppe in Existenznot. Im Frühjahr melden ihre Gesellschaften Insolvenz an. In einem Schweizer Ableger, der KirchSport AG, werden rasch die TV-Rechte an den WM-Turnieren 2002 und 2006 gebunkert - die Kronjuwelen. Auch für die Fifa sind sie überlebenswichtig. Existentielle Verluste drohen, Präsident Sepp Blatter steht intern unter Druck.

Im Oktober 2002 erhält ein Konsortium unter Führung von Louis-Dreyfus den Zuschlag für KirchSport, die Agentur wird Monate später in Infront umbenannt und ist bis heute ein großer Player am Markt. Die vormaligen Kirch-Manager Günter Netzer und Oscar Frei sind damals dabei, und vor allem vier Mehrheitsaktionäre: Louis-Dreyfus, die Deutschen Christian Jacobs und Martin Steinmeyer - sowie Scheich Saleh Kamel. Der saudi-arabische Milliardär ist ein Geschäftsfreund Bin Hammams und 2002 ein wichtiger Wahlhelfer für Sepp Blatter in der Fifa. 2003 wirft ihm ein UN-Report vor, seine Banken hätten Al-Qaida-Terroristen finanziert, was er dementiert; die Untersuchung verläuft im Sand. Derzeit sitzt Kamel unter Korruptionsverdacht in Riad fest.

Damalige Fifa-Manager sagen, Blatter persönlich habe Kamels Beteiligung verlangt. Doch in der Branche gab es damals auch die These, in der neuen Seilschaft um Kirchs Kronjuwelen könnte ein Strohmann stecken.

Für Franz Beckenbauer?

Die Frage der Frankfurter Ermittler: Schloss Beckenbauer einen Scheinvertrag ab?

Katar-Geldfluss, Infront-Gründung: Diese zwei Stränge führt nun der neue Verdacht zusammen, dem die Frankfurter Ermittler nachgehen und der nach SZ- Erkenntnissen auch in der Schweiz bekannt ist. Unterlagen zufolge, die die SZ einsehen konnte, haben deutsche Staatsanwälte in diesem Sommer erneut Beckenbauer und Radmann vernommen; viele Fragen drehen sich darum, ob der wahre Verwendungszweck der Dreyfus-Millionen im TV-Rechtegeschäft zu suchen sei.

Das ist allein wegen des Zahlungszwecks - "Erwerb TV-Rechte Asian Games" - nicht abwegig. Nur glaubt niemand, dass es um die unwichtigen Asienspiele ging. Die Frankfurter Ermittler bohren hartnäckig. Ob das Agreement ein Scheinvertrag gewesen sei, fragen sie. Sie wollen von den zwei Zeugen wissen, was die Banknotiz der BNP Paribas bedeutet. Warum bei der Zahlung nicht von der WM 2006 die Rede sei, von der Fifa, vom angeblichen Organisationszuschuss. Sie fragen, ob das Darlehen mit der Kirch-Insolvenz zu tun habe. Mit der Infront-Gründung? Gebe es gar Zusammenhänge mit dem Verkauf der Kirch-Anteile am Sender Teleclub? Für den flossen just am 22. Mai 2002 sechs Millionen Franken. Frage auf Frage, Vorhalt auf Vorhalt. Sogar eine Chronologie der Kirch-Pleite wird bemüht.

Franz Beckenbauer und Fedor Radmann antworten den Ermittlern sinngemäß: keine Ahnung. Sie könnten dazu nichts sagen. Auf eine SZ-Anfrage erklärt Radmanns Anwalt, man werde "keine Stellungnahme" abgeben. Beckenbauers Anwalt beantwortet eine Anfrage nicht.

Und die Ermittler haben mehr Fragen. Etwa zu einem Schreiben aus Louis-Dreyfus' Büro an Radmann im Herbst 2002. Louis-Dreyfus, hieß es da, wolle Scheich Kamel nicht als Partner bei Infront. Es sei denn, Radmann bestehe darauf. Das tat der. Warum hat er sich für Kamel so stark gemacht? Genau wollte Radmann sich offenbar nicht erinnern. Vielleicht habe ihn ja Bin Hammam dazu angehalten.

Tatsächlich waren Radmann, Bin Hammam und Kamel eng verwoben. Schon im Jahr 2000, rund um die WM-Bewerbung, versprachen die Deutschen ihrem wichtigsten Wahlhelfer Bin Hammam, sich für ihn einzusetzen. Der Funktionär wollte die TV-Rechte an der EM 2004 für die Firma Arab Radio and Television (ART). Die gehört Kamel. Der Deal klappte nicht. Aber für Kamel gab es Trost: Er durfte bei der neuen Infront einsteigen. Wie sich nun aus den Akten ergibt: auch dank Radmann.

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