WM-Affäre Freshfields-Report, eine teure Luftnummer

Die neuen DFB-Bosse Reinhard Grindel, Reinhard Rauball und Rainer Koch sowie Freshfields-Untersuchungsführer Christian Duve (von links nach rechts) bei der Präsentation der Untersuchungsergebnisse im März 2016.

(Foto: Dennis Grombkowski/Getty)

Vor einem Jahr legten der DFB und die Kanzlei Freshfields den Abschlussreport zur WM-Affäre vor. Heute ist klar: Er sollte nur das Publikum beruhigen.

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Im grün illuminierten Saal eines Frankfurter Flughafenhotels herrschte gedämpfte Zuversicht. Dies sei ein bedeutender Tag, hob das Podium hervor: Nie zuvor habe die Sportwelt eine solche Affären-Aufarbeitung erlebt. Ein Jahr danach lässt sich eine gewisse Einmaligkeit attestieren: Nie zuvor gab es im deutschen Sport eine so kostspielige Selbstuntersuchung - die sich dann als Luftnummer erwies.

Am 4. März 2016 legten der Deutsche Fußball-Bund (DFB) um den neuen Chef Reinhard Grindel und die Kanzlei Freshfields ihren Schlussreport zur WM-2006- Affäre vor. 361 Seiten, das Ergebnis von viereinhalb Monaten Arbeit nach der Spiegel-Enthüllung. Gewiss, das Konvolut beinhaltete interessante Erkenntnisse. Vor allem zu der Frage, wie genau im Jahr 2002 die Millionen-Schieberei zwischen einem Konto Franz Beckenbauers, einer Schweizer Kanzlei und dem vormaligen Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus ablief - bis zehn Millionen Franken in der Wüste versandeten: auf einem Konto in Katar, im Zugriff des langjährigen Fifa-Vizes Mohammed bin Hammam. Es war das Geld, das der DFB dann 2005 via Weltverband an Dreyfus zurückzahlte: 6,7 Millionen Euro.

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Nur: Die Zweckbestimmung des Reibachs ist bis heute so ungeklärt wie viele andere wichtige Fragen. Der Freshfields-Report, erstellt für einen hohen einstelligen Millionenbetrag, bot kaum etwas Griffiges. Stattdessen häuften sich in den Monaten danach die Merkwürdigkeiten. Mehr und mehr Fragen zu Kernthemen tauchten auf, die der Report in Fußnoten verbuddelt oder ganz ausgeblendet hatte. So verdichtet sich, auch dank weiterer Recherchen, ein Jahr danach folgendes Bild: Der Report trug viel zur Beruhigung des Publikums bei, aber kaum zur Aufklärung. Zugleich lässt er sich gut zur Blockade weiterer Klärungsbemühen nutzen; fast so, als sei die Arbeit der Kanzlei als eine Art Bad Bank gedacht, in die all das giftige Wissen ausgelagert wurde, das der neue DFB lieber nicht kennen will.

Wichtige Details tauchen im Report nicht auf

Den Beteiligten war offenbar daran gelegen, dass die Causa nur von Freshfields bearbeitet wurde. Dabei hatte das DFB-Präsidium zu Beginn der Affäre zwei Stäbe zur Aufklärung berufen: Freshfields - und intern seinen Kontrollausschuss. Nun liegt der SZ eine Mail vor, nach der DFB-Vize Rainer Koch schon am 21. Oktober, fünf Tage nach Affärenbeginn, den Kontrollausschuss bat, die Arbeit zurückzustellen - mit Verweis auf eine Bitte von Freshfields-Frontmann Christian Duve. Unklar ist bis heute, ob und wie der Kontrollausschuss gearbeitet hat. Der DFB beantwortet die Frage nicht. Theoretisch läge die Sache nun beim neuen Ethikkomitee. Dessen Chef, der frühere Außenminister Klaus Kinkel, teilt mit, dass dieses erst dann tätig werden könne und dürfe, wenn die Ermittlungen der Behörden in Frankfurt und Bern sowie der Fifa-Ethikkommission beendet seien. Das wird dauern.

So ergab sich eine kommode Konstruktion: Der DFB konnte in heiklen Fragen auf die Freshfields-Ermittler verweisen - die gern von ihrem Schweigerecht Gebrauch machten. Nicht nur bei Medienfragen. Auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt erlebte das. Sie ermittelt wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung, weil die 6,7 Millionen Euro zu Unrecht als Betriebsausgabe abgezogen worden seien. Als sie die Protokolle der Freshfields-Befragungen von Beckenbauer & Co. erbat, klassifizierte die Kanzlei diese als Arbeitsprodukte und verweigerte die Herausgabe. Auch ihr vorliegende Kontoauszüge über die Millionen-Transaktionen nach Katar rückte sie nicht heraus, wie sie gegenüber der SZ einräumt: Der Kontoinhaber habe seine Zustimmung nicht gegeben. So konnte der DFB viel von Transparenz erzählen - und sein Privatermittler mauerte.

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Mysteriös bleibt auch die Arbeitsweise. Ordner aus dem DFB-Archiv, die den Zeitraum der WM-Vergabe betreffen, waren verschwunden. Eine offenkundige Spurenvernichtung - wie intensiv sie verfolgt wurde, ist kaum dokumentiert. Auch gibt der Report wichtige Mails, insbesondere des damaligen DFB-Chefs Wolfgang Niersbach, nicht oder nur unvollständig wieder. Die Konten des DFB prüfte die Kanzlei gar nicht, nur die des WM-Organisationskomitees (OK). Überdies musste Freshfields Monate nach dem Report auf SZ-Anfrage einräumen, dass gar nicht alle Laufwerke in der DFB-Zentrale ausgewertet wurden. Manche galten als nicht-relevant - darunter eines, auf dem sich Wochen nach Publikation des Reports eine wichtige Notiz fand. Die Kanzlei legte nie dar, nach welchen Kriterien die DFB-Server als relevant oder nicht-relevant eingestuft wurden und wer dafür verantwortlich war.

Ein Beispiel für sportpolitisch relevante Lücken im Report sind die Honorare, die der offiziell ehrenamtlich tätige Franz Beckenbauer als OK-Chef erhielt. 5,5 Millionen Euro flossen 2005 und 2006 - formal nicht für die OK-Tätigkeit, sondern weil er für den nationalen WM-Sponsor Oddset als Werbefigur wirkte. Aber das Geld kam direkt vom DFB; Freshfields war das Anfang 2016 bekannt. Dokumentiert wurde es nicht. Als die Gage Monate später doch aufflog, behaupteten DFB und Freshfields eilig: Das Honorar habe ja nicht zum eigentlichen Untersuchungsauftrag gehört, der nur die WM-Vergabe umfasst habe.