WM-Affäre Eine Woche im Juli

Was geschah, bevor das geschah? Fifa-Chef Sepp Blatter im Jahr 2000 bei der Vergabe der Welmeisterschaft 2006 an Deutschland.

(Foto: Michele Limina/dpa)

Zu der Zeit kurz vor der Vergabe der WM 2006 häufen sich die Fragen. Zum Beispiel: Flossen schon 2002 zehn Millionen Franken? Oder sogar mehr?

Von Johannes Aumüller und Thomas Kistner

Das Sommermärchen erblühte an einem Donnerstag. Am 6. Juli 2000 traten die 24 Wahlmänner im Vorstand des Weltverbands Fifa zusammen, um über den WM-Ausrichter 2006 zu entscheiden: Deutschland besiegte im letzten Wahlgang Südafrika mit 12:11 Voten. Vor dieser Wahl hatte es wochenlang bemerkenswerte politische, wirtschaftliche und sportpolitische Aktivitäten in den Ländern mancher Wahlleute gegeben. Nun zeigt die Rekonstruktion der hitzigen Julitage, die auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) vornehmen lässt, wie sich kurz vor der Abstimmung die Fragwürdigkeiten verdichteten.

Sechs Tage vor der Vergabe fand sich in Luxemburg Europas Fußball-Union (Uefa) zum Kongress zusammen. Zentrales Thema: die WM-Vergabe. Alle Kandidaten durften sich noch einmal präsentieren. Die Stimmung war gereizt: Die Deutschen mussten sich Europa-intern ja auch noch gegen England behaupten. Und die Neubesetzung des Uefa-Vorstandes schuf noch mehr Verunsicherung. Der Deutsche Gerhard Mayer-Vorfelder zog in das Gremium ein, zugleich flogen der Italiener Antonio Matarrese und Joseph Mifsud aus Malta raus - und damit zwei Funktionäre, die für die Uefa noch im Fifa-Vorstand saßen und dort sechs Tage später an der WM-Vergabe teilnehmen würden. Auch die Wahlmänner der anderen Kontinentalverbände waren in Luxemburg als Gäste anwesend, der Konvent diente zur letzten großen Einschwörung auf die WM-Vergabe.

Flossen 2002 zehn Millionen Franken? Oder sogar mehr?

In diese Stimmungslage ist nun einzufügen, was Bild unter Berufung auf vorliegende Protokolle der Kanzlei Freshfields berichtet, die im DFB-Auftrag die WM-Vergabe aufarbeitet. Demnach sei der frühere Pressechef und spätere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach von den Ermittlern mit dem Sachverhalt konfrontiert worden, dass beim Uefa-Treff in Luxemburg Gelder und Umschläge verteilt worden seien. Niersbach habe gesagt, er wisse von nichts.

Am Tag nach dem Kongress sah sich der maßgebliche Teil der Fußballfamilie in Rotterdam wieder, beim EM-Finale Frankreich gegen Italien (n.V. 2:1). An diesem 2. Juli kreuzen sich zwei der brisantesten Personalien rund um die Vergabe. Denn auf diesen Tag ist ein Vertrag datiert, den die Fahnder im DFB-Archiv fanden: signiert vom damaligen deutschen Bewerbungschef Franz Beckenbauer und dem skandalumtosten Fifa-Wahlmann Jack Warner. Es ging darin um Leistungen des DFB für Warners Nord-/Mittelamerikaverband Concacaf: Freundschaftsspiele, Ausbildungshilfe, aber auch ein WM-Ticketkontingent für Warner persönlich. Die interimistische DFB-Spitze wertet das Papier aus heutiger Sicht als "Bestechungsversuch." In Kraft getreten sein soll es indes nicht.

Doch der 2. Juli war nicht nur der Tag, an dem die deutsche Bewerberspitze "offenbar nichts Wichtigeres zu tun hatte, als Entwicklungshilfe für die Karibik aufzubauen", wie ein hoher DFB-Mann anmerkt. Es war auch der Tag, an dem Charles Dempsey auf Beckenbauer zukam, um über die Vergabe zu reden, wie letzterer jüngst im SZ-Interview sagte. Aus seiner Heimat Neuseeland hatte Dempsey den Auftrag, für den Vertreter der Südhalbkugel zu stimmen: Südafrika. Bis dahin glaubten die deutschen Werber, ihn als Wähler sicher zu haben; im Juni hatte Dempsey per Brief sein Votum angekündigt. Nun wuchs die Verunsicherung des Funktionärs spürbar.

Der wackelnde Dempsey, der deutsche Vertrag mit Skandalfunktionär Warner am selben Tag - bis heute bleiben dazu Rätsel. Eines ragt heraus: In einer Schweizer Justizakte ist vermerkt, dass die Schmiergeld-Agentur ISL am 5. Juli 250 000 Dollar überwies. An wen, ist ungeklärt; in der Akte ist der Empfänger codiert mit der Bezeichnung "E16". Schon gleich nach der Vergabe stand der Verdacht im Raum, Dempsey könnte das Geld erhalten haben; es kursierten sogar Gerüchte über einen prallen Koffer, der über die Hotelflure bugsiert wurde. Offenkundig führt die Spur von E16 zu einer Firma nach Kuwait. Wo damals ein (später wegen Korruption aus dem Sport entfernter) Mann saß, der als Geldverteiler für die asiatische und ozeanische Welt galt.

Die Fragezeichen, die sich um diese WM ranken, enden damit nicht. Neben der Vergabe im Juli 2000 gibt es einen zweiten Rätselkomplex: Was hat es mit jener Transaktion von zehn Millionen Franken auf sich, die Deutschlands WM-Macher angeblich der Fifa-Finanzkommission zukommen lassen mussten, um einen Zuschuss von 250 Millionen fürs Organisationsbudget zu erhalten? Der Geldfluss ist bis heute unklar, jetzt aber kümmert sich die Justiz darum. Erst war geargwöhnt worden, das Geld könne als Nachschlag für deutsche Wählerstimmen eingesetzt worden sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass es in eine schwarze Kasse bei der Fifa floss. Um die Wiederwahl von Fifa-Chef Sepp Blatter 2002 zu sichern? Diese Spur soll auch Niersbach in seiner Freshfields-Vernehmung gelegt haben. Bezogen auf Blatters Wahlsieg habe ihm Beckenbauer 2002 gesagt: "Der ist auch mit meinen Geld gewählt worden."

Und jetzt das: Waren es überhaupt zehn Millionen Franken? Bei den Freshfields-Einvernahmen, dies wurde der SZ am Donnerstag bestätigt, soll auch berichtet worden sein, ein damals Beteiligter habe gar von 20 Millionen gesprochen. Und zwar im Sommer 2015, ohne Angabe der Währung.