Trainer Julen LopeteguiVom Gefühl, eine Verantwortung für Katar zu tragen

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Schaut nicht zurück, schon gar nicht wehmütig: Julen Lopetegui.
Schaut nicht zurück, schon gar nicht wehmütig: Julen Lopetegui. Luiza Moraes/Getty Images via AFP
  • Katar qualifizierte sich unter Trainer Julen Lopetegui erstmals sportlich für eine WM, obwohl das Land nicht viele aktive Fußballer hat.
  • Lopetegui blieb während der Kriegshandlungen im Nahen Osten in Katar, als iranische Raketen niedergingen und seine Frau das Land verließ.
  • Am Samstag trifft Katar zum WM-Auftakt auf die Schweiz, die Lopetegui als starken Außenseitertipp für das Turnier einschätzt.
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Unter schwierigsten Bedingungen hat Katar sich erstmals sportlich für eine Fußball-WM qualifiziert. Das hat viel mit Trainer Julen Lopetegui zu tun, der auch blieb, als iranische Raketen über den Himmel zischten.

Von Javier Cáceres, Mexiko-Stadt

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Julen Lopetegui sitzt in Montecito, Santa Barbara, USA, und aus seinem Tonfall und seinem Lächeln wird deutlich: Vor dem anderen Bildschirm sitzt jemand, der beneidenswert aufgeräumt, entspannt, vielleicht sogar glücklich ist. Es gibt viele Ansätze, um dafür Verständnis zu entwickeln, einen vor allem: Der Spanier hat in diesem Jahr als Nationaltrainer Katars hören müssen, wie Angriffe der USA und Israels auf Iran in nächster Nähe niedergingen. Nun blickt er bloß einem Fußballspiel entgegen, dem Auftaktmatch seiner Mannschaft in San Francisco gegen die Schweiz. Und das allein schon sei „ein Erfolg“, oder „ein Erfolg in Großbuchstaben“, wie er sich selbst korrigiert.

Katar ist, als Player im Weltfußball, eine kuriose, bipolare Persönlichkeit: Einerseits überschüttet Katar die Branche (und ihre Protagonisten) mit Petrodollars; das Emirat schaffte es sogar, die Ausrichtung der WM 2022 zu erstehen. Andererseits ist es ein sportlicher Niemand. Katar hatte es noch nie geschafft, sich sportlich für eine WM zu qualifizieren. Jetzt vollbrachte es das Land nach dem Amtsantritt von Lopetegui, 59, im Mai des vergangenen Jahres. Unter schwierigen Voraussetzungen.

„Das Erste, was man wissen muss: Es ist ein Land mit 300 000 Katarern, und von denen spielen, wenn’s hochkommt, 10 000 Fußball“, sagt Lopetegui. Dazu kommt eine nicht abgeschlossene Erneuerung. Es habe „eine brillante Generation von heute 36-, 37-, 38- und sogar 43-jährigen Spielern gegeben, die aber keine klare Nachfolge hat“. Und: Katar dürfte die einzige WM-Mannschaft sein, die mit Spielern bestückt ist, die in diesem Jahr vielleicht vier oder fünf Mal zum Einsatz gekommen sind, weil sie gegenüber vielen ausländischen Profis hintanstehen. „Das ist ein großes Handicap“, sagt Lopetegui.

Er hätte andere Nationalmannschaften betreuen können, sagt er, der einen mehr als nur respektablen Lebenslauf aufzeigen kann: Spaniens U21, FC Porto, Spaniens A-Team, Real Madrid, Sevilla, Wolverhampton, West Ham. „Aber wir wollten diese Herausforderung. Obwohl wir wussten, dass sie nach einem Spiel hätte enden können.“

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Denn um einen Platz in den Playoffs zu ergattern, galt es, mit nur einer Woche Vorbereitung – also ohne Kenntnis der eigenen Spieler – Iran zu besiegen, „das Brasilien unserer Region“. Es gelang. Danach setzte sich Katar im Oktober 2025 in der Dreiergruppe gegen Oman und die Vereinigten Arabischen Emirate durch, zwei Mannschaften, die Katar in der Gruppenphase deutlich geschlagen hatten und „vor eingebürgerten Spielern nur so strotzen“. Wobei es genau genommen heißen müsste: weit mehr als das katarische Team, das etwa zur Hälfte aus naturalisierten Spielern besteht. Die Euphorie freilich währte bloß ein halbes Jahr. Bis zum Ausbruch des Krieges. „Es gab eigentlich nichts, was uns nicht passiert wäre“, sagt Lopetegui.

Nach den Angriffen der USA und Israels auf Iran verließ Lopeteguis Frau Katar. Er blieb

Zu den Folgen gehörte, dass die Testspiele gegen Argentinien und Serbien abgesagt werden mussten. Die Spieler konnten wochenlang nicht trainieren, schon gar nicht gemeinsam. Immer dann, wenn das Handy Alarm schlug, galt es, sich in Sicherheit zu bringen. „Es war eine sehr unangenehme Erfahrung“, das gesteht Lopetegui ein. Immerhin: „Wir hatten das Gefühl, mehr oder weniger sicher zu sein, alles im Griff zu haben.“ Die meisten Bomben, die von Iran als Vergeltung für die Angriffe der USA und Israels abgefeuert wurden, seien in einer sehr bestimmten Gegend niedergegangen, vornehmlich in der Nähe von US-Militärbasen. Seine Familie im Baskenland sei gleichwohl in großer Sorge gewesen. Seine Ehefrau verließ Katar, kaum, dass der Luftraum wieder offen war, er selbst aber blieb. „Nicht, weil ich den Helden spielen wollte“, sagt er. „Aber ich hatte das Gefühl, dass ich der Mannschaft und dem Land gegenüber Verantwortung zu tragen hatte.“

Die spürt er noch immer, in einer weit weniger dramatischen, lediglich sportlichen Weise. Sie zwingt ihn zu einem Spagat: „Wie formuliere ich eine Botschaft, die einerseits die Realität widerspiegelt und andererseits der Mannschaft die Illusion nicht nimmt?“, das sei der Ansatz. Die Realität sei, dass sich jede Mannschaft freut, wenn die Kugel mit dem Los „Katar“ gezogen wird, bei der Auslosung für diese WM galt das für die Schweiz, Bosnien und Kanada. Die Illusion hingegen: die Mannschaft so gut vorzubereiten, dass man am Ende voller Überzeugung sagen könne: „Die müssen uns erst mal schlagen.“

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Am Samstag gilt das für die Schweiz, Lopetegui ist voll des Lobes. In seinen Augen ist das Team von Murat Yakin ein Außenseitertipp, denn es sei „ähnlich wie Holland wettbewerbsstark und ausgeglichen genug, um sich in den K.-o.-Runden durchzusetzen“. Die Schweiz spiele seit sieben Jahren zusammen „und hat ein Team, das von starken, erfahrenen Führungskräften wie Manuel Akanji, Granit Xhaka, Nico Elvedi oder Breel Embolo geleitet wird, durch großartige Spieler wie Dan Ndoye (Nottingham) und Johan Manzambi (Freiburg) aufgefrischt.“

Was Lopetegui verneint: dass diese WM eine persönliche Revanche sei oder dass ihm der Fußball eine WM geschuldet habe: „Er hat mir so viel gegeben, da liegt die Schuld eher bei mir.“ Es geht, natürlich, um die alte Geschichte, wie er 2018 am Vorabend der WM als Trainer Spaniens vom damaligen Verbandschef Luis Rubiales hinausgeworfen wurde, weil er einen Vertrag bei Real Madrid unterschrieben hatte. „Ich habe gar keine Zeit für Wehmut“, sagt Lopetegui. Er würde alle Entscheidungen exakt noch einmal so treffen, „zu hundert Prozent. Weil ich die Entscheidungen immer aus einem tiefen Respekt gegenüber unserer Verantwortung getroffen habe“. Das helfe ihm dabei, nur nach vorn zu schauen. „Nach hinten blicke ich nicht einmal, um Anlauf zu nehmen.“

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