Der Argentinier Jorge Barraza, 71, hat an nicht ganz so vielen Fußball-Weltmeisterschaften teilgenommen wie der deutsche Reporter Hartmut Scherzer, 88, oder Enrique Macaya Márquez, 91. Scherzer komplettiert gerade seine 17. WM (seit Chile 1962); Macaya Márquez, wie Barraza Argentinier, war schon in Schweden 1958 als Berichterstatter dabei. Barraza wiederum hat sich auf dem südamerikanischen Kontinent den Ruf einer Reporterlegende erworben, sein Wort hat Gewicht. Und in einer Kolumne für die ecuadorianische Zeitung El Universal wartete er nun mit einer sehr überlegenswerten Idee auf. Er schlug vor, den USA schon jetzt die WM des Jahres 2326 zu versprechen: „Um sicherzustellen, dass sie 300 Jahre lang keine weitere beherbergt.“
Warum, das ließ sich anhand der Ouvertüre der 23. Weltmeisterschaft bestaunen. Das Spiel, Mexiko gegen Südafrika (2:0), war bloß Käse und erfüllte darob seine Rolle als Orakel eines aufgeblähten und damit auch um minderbemittelte Mannschaften erweiterten Turniers. (Von den 104 WM-Partien finden 13 in Mexiko statt, fünf davon im Aztekenstadion.) Alles andere, was an einem nicht enden wollenden Tag in Mexiko geschah, war jedenfalls ein erfrischendes, kaum zu widerlegendes Indiz dafür, dass diese WM ein Herz hätte haben können. Alles andere meint zum Beispiel: Die Gäste des Restaurants Covadonga („Tradición y Bohemia“), wo man mit einem beruhigenden Aufsteller begrüßt wird („Diese Tafel ist neu, die Speisekarte ist es nicht“) und am Abend lauter Menschen in grünen Trikots saßen.
Als Gianni Infantino rund um die 10. Minute auf dem TV-Schirm gezeigt wurde, als er auf der Ehrentribüne der Partie Südkorea – Tschechien beiwohnte (2:1), sahen die Gäste im Covadonga von ihren Tellern, Bier- und Weingläsern ab und pfiffen nach Leibeskräften. Draußen? Feierten ebenfalls grüne Männchen und Weibchen. Beileibe nicht nur auf dem Zócalo, dem zentralen Platz der Stadt, und rund um die Säule, die am Paseo de la Reforma dem Engel der Unabhängigkeit gewidmet ist.
Im Stadion hatte es zuvor auch Pfiffe gegeben: von den mexikanischen Fans für die mexikanische Mannschaft, weil sie gegen eine erkennbar schwache, ab der 9. Minute zurückliegende und dann noch durch die rote Karte gegen Verteidiger Sphephelo Sithole dezimierte Mannschaft nicht voranmachte. Javier Aguirre, der schlagfertige Trainerfuchs Mexikos, sagte: Er habe die Pfiffe nicht gehört. Aber wenn es sie gegeben haben sollte, so hätten sie – und das sei doch das Wichtige – bei seiner Mannschaft „keine Spuren hinterlassen“.
Im Fall von Themba Zwane gerät die Hinausstellung zur Komödie
Natürlich hatte er die Pfiffe gehört. Ging gar nicht anders. Und er musste gemerkt haben, dass sie erst verstummten, als Gilberto Mora im fußballmythologischen Alter von 17 Jahren – wie Pelé im Jahre 1958! – seinen ersten WM-Einsatz bekam. Und als Raúl Jiménez dem 1:0 von Julián Quiñones (9.) per Kopf das 2:0 folgen ließ (67.). Jiménez weinte, denn er musste an seinen Vater denken, der Mitte März im Alter von 62 Jahren verstorben war. Ansonsten gab es noch ein Rot-Festival; auch Sitholes Landsmann Themba Zwane und der Mexikaner César Montes wurden des Feldes verwiesen.

Im Falle von Zwane geriet die Hinausstellung zur Komödie. Der brasilianische Schiedsrichter mühte sich, die VAR-Entscheidung auf Englisch per Mikrofon fürs Publikum zu begründen („arms…deeee…. direc in deeee feis… deeee defender“). Südafrikas Khuliso Mudau stand derweil neben dem Referee und zog die Augenbrauen so angestrengt zusammen, dass man selbst unter dem Stadiondach sah, dass er nicht einmal „Station“ verstand. Oder estação. Noch lustiger war der belgische Trainer der Südafrikaner, Hugo Broos, der einerseits die valide These vertrat, als er sagte, die Mexikaner hätten nicht gewusst, was sie mit dem Ball anstellen sollten. Andererseits war es herrlich übertrieben, als er meinte, die Mexikaner hätten wegen der „perfekten defensiven Organisation“ seiner südafrikanischen Mannschaft gelitten.
Sein Kollege Aguirre gab sich entsprechend belustigt, als ihm die Äußerungen hinterbracht wurden. Nur die Geschichte mit dem Leid, die bestätigte er durch die Blume. Das Azteca sei „eine brutale Bühne“, die „in gewisser Hinsicht an den Füßen rüttelt“. Ganz gleich, ob man die Tribünen von unten hinauf oder von oben herab studiert: Jeder, der einmal im Aztekenstadion war, wähnt sich unweigerlich an einem Ort viszeraler Magie, spürt die Präsenz vergangener Götter des Fußballs, weiß nicht, ob einem die Luft ob ihrer Aura oder wegen der dünnen Luft wegbleibt. Nichts dergleichen spürte man in diesem Ausmaß vor Jahresfrist bei der Klub-WM in den USA (außer bei den Spielen der argentinischen Klubs Boca Juniors, River Plate und der brasilianischen Vertreter wie Flamengo und Palmeiras).

Dort gab es auch Spiele, die Käse waren. Nur war das artifizieller Käse, umrahmt von Ignoranz auf den Straßen und teilnahmslosen Konsumismus auf den Rängen. Dann doch lieber das beflügelnde Chaos, das ein Wesenskern Mexikos ist, und das sich am Donnerstag darin äußerte, dass – teils gewalttätige – Demonstrationen die Stadionbesucher zwangen, im Morgengrauen zum Azteca aufzubrechen – und die Rückkehr ins 20 Kilometer entfernte Zentrum nach teilweise stundenlangen Märschen und in der Dunkelheit des Abends abzuschließen. Und das, obschon die Partie um 13 Uhr Ortszeit begonnen hatte. Der Straßenverkehr war zusammengebrochen, so man das in Mexiko noch sagen kann.
Andererseits: Gut zu wissen in Zeiten wie diesen, dass sich auf den Fußball münzen lässt, was Roberto Bolaño, der in Mexiko zum Schriftsteller wurde, in seinem Roman „Die wilden Detektive“ schrieb. Dass nämlich, wenn die zivilisierte Welt verschwunden sei, Mexiko weiter existieren wird, und selbst wenn der Planet aufgelöst oder zerbröselt sei, Mexiko weiterhin Mexiko sein werde.


